24. Januar – das Fest der Sarasvati – alte Weisheit und aktuelle Lebensrealität von Frauen

Sarasvati_234x600In Indien wird heute die Göttin Sarasvati gefeiert und damit beginnt der Frühling. Damit reiht sie sich in die verheißungsvollen Göttinnen, die vom Frühling künden, wie das in unseren Breitengraden z.B. die keltische Göttin Brigid tut.
Sarasvati gehört zu den vielen Göttinnen, die für die Menschen große Geschenke bereit halten. In ihrem Fall ist dies Weisheit, Wissenschaft und Kunst.
Im hinduistischen Glauben verkörpert sie als allerälterste Göttin die gesamte schöpferische Kraft. Damit bringt sie allen, die lernen, forschen und sich Wissen aneignen wollen, Inspiration und setzt kreative Prozesse in Gang.

Ursprünglich war sie die Göttin eines nach ihr benannten Flusses, der in der indischen Antike seine Quelle im Himalaya hatte, durch Pakistan floss und im arabischen Meer mündete.
Die Verbindung von Wissen und dem alten Fluss wird damit erklärt, dass es an seinem Ufer in der Blütezeit der vedischen Kultur große kulturelle Zentren sowie viele beliebte Pilgerorte gab und bei den Zeremonien im Zuge der Pilgerreisen viele Hymnen und Mantren entstanden sind.
Man bringt in ihren Hymnen das immerwährende Fließen mit dem Fluss inspirierender Gedanken in Verbindung.

Schaffensprozesse, die sich ihren Weg bahnen

Der antike Fluss Sarasvati wird in den Hymnen auf die Göttin aber auch als sehr mächtig beschrieben, als unkontrollierbarer, reißender Strom, der sich seinen Weg trotz größter Hindernisse bahnt.
Und so kann auch die Kraft dieser Göttin verstanden werden: Wenn Gedanken in Fluss kommen, ein Schaffensprozess im Gange ist, dann kann diese Kraft durch nichts und niemanden mehr aufgehalten werden, dann bahnt sie sich ihren Weg.

In ihrer Funktion als mächtige Wassergöttin sorgt sie dafür, dass alles im Fluss bleibt, Wissen in Menschen hinein und (transformiert oder angereichert) wieder aus ihnen heraus fließen kann.

Der Feiertag der Weisheitsgöttin

Der höchste Feiertag der Göttin – Vasant Panchami – wird jeweils am fünften Tag des Hindu-Monats Magha gefeiert. Da das Jahr im Hinduismus nach den Mondphasen gegliedert ist, ist auch dieser Feiertag beweglich. Heuer fällt er auf den 24. Januar (nach unserem Kalender).
Es wird an diesem Feiertag nicht nur die biologische Fruchtbarkeit der Göttin gefeiert, die zu Vasant Panchami, dem Beginn des indischen Frühlings, sichtbar wird.
Die schöpferische Kraft wird in allen ihren Aspekten deutlich, in Wissenschaft und darstellender Kunst ebenso wie in Musik und Literatur.
Die Vielfältigkeit der Göttin drückt sich auch in ihren unterschiedlichen Bezeichnungen aus: Brami (Wissenschaft), Bharadi (Geschichte), Bhasha (Sprache), Ghi (Stimme) und Vakervani (Wortlenkerin).
Ihr Hauptname bedeutet „Harmoniebewirkerin“ oder auch „diejenige, die Essenz (sara) des eigenen Selbst (swa) gibt“.

Wissenschaft als „Magie“

Sehr interessant ist die auch Verbindung aller Wissenschaften, wie Sprache, Schrift, Mathematik und Musik mit Magie. Sind doch all diese Gaben der Sarasvati magische Mitteln, mit denen man die Welt verändern, verzaubern, transformieren kann.

Diese Magie soll auch bei ihrem Fest wirken. Daher legen die Menschen, vor allem die Studierenden, Bücher, Schreibzeug und Musikinstrumente vor ihr Bild, damit ihre Weisheit hineinfließen möge.
Jedes Jahr werden in Schulen und Universitäten kleine oder große Altäre aufgebaut. Nicht selten formt man einen Berg und dekoriert diesen mit weißen Wattebäuschchen als Schnee, als Erinnerung daran, dass die Göttin aus den schneebedeckten Bergen des Himalaya kam.
Schon Wochen vor dem Fest werden sehr kunstvoll große und kleine Figuren der Göttin hergestellt, meist aus Lehm oder Gips, die man dann auf allen Märkten und an den Straßenecken kaufen kann. Wird die Figur dann mit einem Büschel Gras und einigen Reiskörnern die Herzgegend berührt, so gilt sie als lebendig.
Fast überall tragen Frauen an diesem Tag nach Möglichkeit gelbe Saris, so gelb wie die nun blühende Senfsaat auf den Feldern.

Besonders in Bengalen ist es Sitte, dass kleine Kinder an diesem Festtag das erste Mal in ihrem Leben einen Buchstaben schreiben. Andere schreiben mit „weißer Tinte“ (Milch) Segenssprüche oder ein „Om“ in ihre Bücher.
In Indien ist man davon überzeugt, dass es gut ist, sich der Gunst von Sarasvati zu versichern, wenn man lernen und forschen will, Inspiration braucht, sich Wissen aneignen oder kreative Prozesse in Gang bringen will.
Am Ende der Feiern wird die Göttin zu einem naheliegenden Fluss getragen — um sie ihrem Element, dem Wasser zu übergeben.

Die Kraft von Sarasvati und die Realität von Frauen in 21. Jahrhundert – ein krasser Widerspruch

Sarasvati soll als personifizierte Weisheit die intellektuellen Fähigkeiten der Menschen vollständig beherrschen. Die vielleicht wichtigste Magie der Sarasvati ist es, Verbindungen zwischen scheinbar Unvereinbarem herzustellen. Das ist Intelligenz in ihrer besten und höchsten Form. Das Mittel, das sie dafür zur Verfügung stellt, ist die Sprache, die ja eigentlich verbinden und nicht trennen sollte.

Erstaunlich für mich ist immer wieder, wie in Kulturen, die vor Jahrtausenden so viel Weisheit hervorgebracht haben, und die – wie im Falle von Sarasvati – diese immer noch lebendig halten, der Zustand der heutigen Realität aussieht.
So wunderbar ich die Philosophie finde, die uns der Sarasvati-Mythos vermittelt, er kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass in einer Regierungsstatistik zufolge in Indien alle 22 Minuten eine Frau vergewaltigt wird, Frauen in hoher Zahl Opfer von Mitgift- und Ehrenmorden sind und jedes Jahr schätzungsweise 25.000 kleine Mädchen getötet werden weil ihre Familien keine Tochter, sondern einen Sohn wollen.
(Quellen: SOS-Kinderdörfer / Die Zeit / Der Spiegel)

Der uralte Mythos einer Göttin, die als weibliche Figur alle Weisheit gibt und damit immer noch hoch geehrt ist, steht in so einem krassen Gegensatz dazu, wie die Lebenswelt realer Frauen des 21. Jahrhunderts aussieht.
Ein Widerspruch, den wir allerdings nicht nur in Indien sondern überall auf der Erde finden, wo patriarchale Wirklichkeiten alte (weiblichen) Weisheit überlagern.

In diesem Sinne wünsche ich uns, dass uns heute die Energie der Sarasvati umflutet und Weisheit verleiht, Poesie und Musik in unser Leben bringt. Dass sie die Kraft und die Weisheit der Frauen in unser Bewusstsein ruft und damit stärkt.
Und dass sie uns vor allem dazu inspiriert, dass wir unsere Kommunikation und unser Miteinander in Harmonie und zum Wohle aller gestalten.

 

Mehr zur den verheißungsvollen Göttinnen, die uns jetzt Ende Januar/Anfang Februar vom Frühling künden, findet ihr im artedea-E-Book „Imbolc-Brigid-Lichtmess: Das Fest der beginnenden Frühlingskraft“

 

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3 Antworten zu 24. Januar – das Fest der Sarasvati – alte Weisheit und aktuelle Lebensrealität von Frauen

  1. veledalantia schreibt:

    Reblogged this on Meeresrauschen… and commented:
    Frühlingsgefühle auf der einen..und Frau Holle /Hel/Skadi auf der anderen Seite .
    )O(

  2. Roswitha Haala schreibt:

    Ganz lieben Dank Andrea!!!

  3. Roswitha Haala schreibt:

    Noch etwas zum „Zustand der heutigen Realität“:

    http://www.renate-syed.de/weibliche-seele-mannlicher-leib-indiens-und-pakistans-drittes-geschlecht
    Die Monographie „Das dritte Geschlecht. Hijras in Indien und Pakistan“ wird demnächst erscheinen. Die Arbeit umfasst 208 Seiten und enthält zahlreiche Abbildungen.
    Die Monographie behandelt die in Indien und Pakistan lebenden Hijras, Angehörige des „dritten Geschlechts“, die sich selbst definieren als: „Nicht Mann, nicht Frau“ und als „Weibliche Seele, männlicher Leib“.
    Die Autorin, Indologin, lebte mehrere Monate in Hijra-Häusern in Indien und Pakistan und schildert das Denken und Leben der Hijras ebenso wie ihre Geschichte: Wurzelt die Traditionen der modernen Hijras doch im alten Indien, das schon vor (fast) 3000 Jahren ein drittes Geschlecht (neben Mann und Frau) anerkannte. In der Arbeit kommen auch Hijras zu Wort. Ein Vortrag der Autorin über die Hijras kann gehört werden unter den „Gender Lectures“ der Universität Innsbruck (April 2011)
    Die Autorin hat bereits mehrere Arbeiten über die „Drittgeschlechtler“ im alten Indien vorgelegt (siehe die Publikationsliste).  
    Im Juni 2009 führten die Staaten Indien und Pakistan juristisch eine dritte Geschlechtskategorie ein: Neben „male“ und „female“ können die Hijras nun die Kategorie „other(s)“ wählen. Die Hijras haben diese Änderung erkämpft. Seit der Verfassung von 1949 gab es in Indien und Pakistan entsprechend der britischen Gesetzgebung, die auf dem westlichen „Zwei-Geschlechter-Modell“ beruhte, juristisch (nur) zwei Geschlechter. Nach 60 Jahren ist Südasien zu seiner Tradition des „Drei-Geschlechter-Modells“ zurückgekehrt.
    Siehe hierzu Syed, Renate (2010): Eigenartige Begebenheiten der dritten Art. Indien und Pakistan erkennen juristisch ein „drittes Geschlecht“ an. In: Neue Zürcher Zeitung, 24.8.2010, Feuilleton.

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