Kleiner Frauentag – Geburt einer Muttergöttin

Maria1Zu Mariä Geburt fliegen die Schwalben furt …

Der 8. September war in agrarischen Gesellschaften offenbar ein wichtiger Stichtag, um noch letzte Arbeiten zu verrichten, bevor endgültig der Herbst beginnt.
Zahlreiche Hinweise und sogenannte „Bauernregeln“ beweisen das:
Wenn Maria, die Jungfrau, geboren ist,
so säe dein Korn, s’ist die rechte Frist.

Mariä gebor’n – Bauer sä Weiz’n und Korn!

Wird Marien Geburt gesät,
ist’s nicht zu früh und nicht zu spät.

Heute ist der sogenannte „Kleine Frauentag“. Dieses Datum beendet die sogenannten Frauen-Dreißigst, die am „Großen Frauentag“, dem 15. August begonnen haben.
Alle Hausmittelkräuter, Blumen und Wurzeln, die man zu Tee und Medizin oder zu anderem Gebrauch verwendet, werden in dieser Zeit der starken Erd- und Frauenkraft gepflückt. Jetzt haben sie die ganze Sonnenkraft gespeichert, bevor sie sich wieder in die Erde zurückziehen. Und im Volksglauben war man davon überzeugt, dass in dieser Zeit ein dreifacher Segen der Muttergöttin auf allen Gewächsen der Erde liege, welche den Menschen nützlich sind. Folglich soll auch die heilsame Wirkung derselben eine dreifache sein  (siehe auch: Frauen-Dreißigst).

Wie viele der alten Frauenkraft- und Göttinnen-Tage wurde auch dieser — im volksfrommen Brauchtum wichtige — 8. September in einen katholischen Feiertag umgewandelt: Zum Tag, an dem Maria geboren sein soll.
Davon steht natürlich nichts in der Bibel, in der ja nicht einmal die Existenz von Anna, der Mutter von Maria erwähnt ist. Dennoch gibt es zahlreiche Legenden um diese Urmutter Anna.

Die göttliche Urahnin

Und wenn an diesem Tag schon eine Muttergöttin geboren wurde, dann lohnt es sich auf jeden Fall, auch die Geschichte der Mutter der Muttergöttin näher zu beleuchten, also der „Oma-Göttin“ sozusagen.
Schon in ihrem Namen Anna steckt das Wort „Ahne“ bzw. „Ahnin“. „An“ ist eine der sechs Ursilben der Menschheit und bezeichnet etwas verehrungswürdiges, uranfängliches Weibliches, deutsch: „Ahne“ = Altmutter, Vorfahrin.
Der Name der Großmutter Jesu wurde also nicht von ungefähr gewählt, war er doch den Menschen schon lange als göttliche Urahnin vertraut. In syrischen Versionen des Jakobus-Evangeliums wird Anna übrigens Dinah genannt, was eine interessante Ähnlichkeit zu Diana (=Di-Ana) aufweist — der Göttin Ana.
Im Gegensatz zu den in das Neue Testament aufgenommenen Evangelien des Matthäus und Lukas, die bei der Geburt Jesu beginnen, bzw. dessen männlich Linie beleuchten, greift das sogenannte Protevangelium des Jakobus darüber hinaus und erzählt ausführlich von der Herkunft Marias, der Mutter Jesu:

Deren Mutter Anna war mit Joachim verheiratet, das Paar war nach 20 Jahren Ehe kinderlos geblieben. Joachim — ein reicher und frommer Mann — spendete regelmäßig den Armen und dem Tempel.
Doch dann wies ein Hohepriester seine Opfer mit der Begründung der Kinderlosigkeit zurück, was als Zeichen göttlicher Missgunst gewertet wurde.
Joachim zieht sich daraufhin in die Wüste zurück, wo er 40 Tage lang fastet und betet. Es erschien ihm (und auch zeitgleich der in Jerusalem verweilenden Anna) ein Engel. Erwähnenswert erscheint, dass dem jüdischen Paar natürlich auch ein jüdischer Engel erscheint, denn das Christentum gab es noch einige Zeit nicht.
Dieser Engel kündigte beiden die Geburt eines Kind an.

Die Umarmung an der „Goldenen Pforte“

Freudig kehrt Joachim nach Jerusalem zurück und umarmt Anna an der „Goldenen Pforte“, dem Eingang zum Tempel Jerusalems. Genau in dieser Umarmung soll Maria entstanden sein. Gemeinhin spricht von einer „unbefleckten Empfängnis“.
Ein großes Fest der katholischen Kirche, das mit dem „Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria“ am 8. Dezember gefeiert wird.
Diese Feier lässt sich seit dem 9. Jahrhundert nachweisen.
Exakt 9 Monate später hat Anna dann ihre Tochter geboren: Das wird heute, am 8. September mit „Mariä Geburt“ gefeiert.
Die „Entstehung“ von Maria warf einige Fragen auf, zu denen es eine Jahrhunderte lange Diskussion gab:
Gab es bei dieser Umarmung Annas und Joachims einen Austausch von Körperflüssigkeiten oder nicht?
Ist mit der „Goldenen Pforte“ tatsächlich der Eingang zum Tempel Jerusalems gemeint oder jener zum „Tempel“ des göttlichen Körpers der Anna?
In der offiziellen Auffassung der katholischen Kirche wird die Erbsünde durch den Sexualakt übertragen. Wenn also Maria frei von jeglicher Erbsünde ist, dann kann auch sie nicht durch sexuelle Interaktion gezeugt worden sein.

Zwei jungfräuliche Geburten sind eine zuviel

So ging man lange davon aus, dass Anna „ohne die Tat eines Mannes“ empfing und daher so „rein wie ihre Tochter“ sei. Was wiederum auf den Status einer großen Göttin hinweist, die aus sich selbst heraus schöpfen und gebären kann.
Im Fall von Anna und Maria ist das noch eindeutiger als bei Maria und Jesus, weil rein biologisch bei einer parthenogenetischen Zeugung immer eine Tochter entsteht.
Diese „jungfräuliche“ Geburt der Maria wurde zuerst von der Kirche akzeptiert, weil damit die „Sündenlosigkeit“ Mariens gut erklärbar war. Doch später befanden die Kirchenväter, dass zwei jungfräuliche Geburten eine zuviel sei.
Da könnten ja vielleicht einige auf den Gedanken kommen, dass schon Maria (eine Frau!!!) die Erlösungs-Funktion innehaben könne (und nicht erst ihr „eingeborener Sohn“).

Unbefleckt und ohne „Erbsünde“

Also wurde diese Version verworfen zugunsten der Auffassung, dass Anna ihre Tochter Maria auf ganz normalem Wege empfangen und geboren habe.
Allerdings sei Maria schon im allerersten Augenblick ihres Lebens bei ihrer Zeugung durch göttliche Gnade von der Erbsünde befreit worden. Deswegen spricht man auch weiterhin von der „unbefleckten Empfängnis“ (lateinisch: immaculata conceptio).

Nach Jahrhunderte langer Diskussion legte Papst Pius IX. am 8. Dezember 1854 schließlich die „unbefleckte Empfängnis Mariens“ als unumstößlichen Glaubenssatz, als Dogma fest.
Einer von zahlreichen Fällen, in der die Amtskirche lange diskutiert und schließlich eine ursprüngliche Meinung umgestoßen und ihr Weltbild angepasst hat — was ja richtig Hoffnung gibt, dass dies auch mit so manchen Lehrmeinungen im Zuge der Tatsache, dass wir uns bereits im 3. Jahrtausend (nach Christus) befinden, geschehen könnte.
Doch dies ist eine andere Geschichte …

Maria sei also dem Dogma von Papst Pius gemäß der erste Mensch, der frei von jeglichem Makel der Erbsünde ist. Der zweite Mensch ist natürlich Jesus, der ja ganz ohne Geschlechtsverkehr entstanden ist.
Damit bewahrte Gott seine „treue Magd Maria“ vor der Macht der Sünde. Von da an durfte sie also ungetrübt (unbefleckt) in der Freundschaft mit Gott leben.

(Im übrigen hat die Kirche mit der In Vitro Fertilisation, der Befruchtung auf künstlichem Wege, deswegen so große Probleme, weil damit alle Kinder ohne die „Erbsünde“ auslösenden Geschlechtsverkehrs entstanden sind und damit sozusagen Maria und Jesus in ihrer Reinheit gleichkommen. Doch das nur so am Rande)

Anna selbdritt – die dreifache Göttin

anna1Vor allem in Deutschland breitete sich Mitte des 15. Jahrhunderts ein regelrechter Annenkult aus. Nach den ersten Pest-Epidemien war das Bürgertum wieder erstarkt und der Zusammenhalt einer Familie wurde hochgeschätzt.
Daher passte es sehr gut in das Weltbild dieser Zeit, Anna, die Mutter Marias und Großmutter Jesu als heilig zu verehren und als die Matriarchin der Familie und als Ahnin der gesamten Sippe besonders zu würdigen. Zahlreiche Annenbruderschaften und Annenaltäre wurden gegründet.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Darstellung der „Anna selbdritt“ — ein Begriff der vor allem aus der sakralen Kunst bekannt ist. Meist wird damit die Darstellungen der Anna mit ihrer Tochter Maria und dem Jesusknaben bezeichnet. Ein besonders berühmtes Gemälde ist eine „Anna selbdritt“-Darstellung von Leonardo da Vinci (siehe: Anna selbdritt)

Allerdings soll Anna nach dem Tod Joachims noch zwei weitere Ehemänner gehabt haben: Aus diesen Verbindungen soll ebenfalls jeweils eine Tochter namens Maria hervorgegangen sein. Daher auch der fromme Spruch des „einfaches Volkes“: „Anna war ein selig Weib: Drei Marien gebar ihr Leib!“
Diese „Anna selbdritt“ kann also auch als mythologische Figur verstanden werden, die aus sich selbst heraus drei Göttinnen erschuf.

Wurzeln in der alten Erdmutter

In der keltischen Mythologie, die an vielen Orten die Dreifaltigkeit der Bethen verehrte, kannte man die Erdmutter Ambeth als eine dieser drei Göttinnen. Sie wurde im Zuge der Christianisierung in Anna umgewandelt, wobei die Art ihrer Huldigung und der Rituale ihr zu Ehren wie auch die Kultplätze gleich blieben.

Mit all dem sind wir wieder bei der dreifachen Kraft der Göttin, die in den Kräutern gespeichert ist, die bis zum 8. September gesammelt werden.

famiglia di rondiniUnd was die Schwalben der Anna anlangt: Sie waren natürlich schon lange vor Maria heilige Tiere der Göttin, wie z.B. jene der nordischen Göttin Idun. Im Christentum wurden sie der Maria zugeordnet — als Marien- oder Muttergottesvogel.

Was viele nicht kennen, ist übrigens die zweite Zeile des Schwalben-Orakels:
Zu Mariä Geburt fliegen die Schwalben furt,
bleiben sie noch da, ist der Winter noch nicht nah.

Darauf hoffe ich heute einmal …

Weitere Infos zu den erwähnten Göttinnen:

Ambeth
Anna
Bethen
Diana
Idun
Maria

Bilder:
artedea.net
fotolia

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3 Antworten zu Kleiner Frauentag – Geburt einer Muttergöttin

  1. Meret Egloff schreibt:

    Herzlichen Dank für diese wiederum so reichhaltige Information! Stets ein inspirierender Lesegenuss voller Wissen und Weisheit! Septembergrüsse von Meret

  2. madameflamusse schreibt:

    wirklich spannend für mich ❤

  3. Hat dies auf Schwesternschaft der Rose rebloggt und kommentierte:
    Danke sehr

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