Die Göttin grüßt – und so manch einer ist irritiert

KATALOG Foto Landesfestumzug 2009Hui, das hat ja Reaktionen verursacht, als ich vorgestern und gestern in Facebook zwei Beiträge der Tiroler Tageszeitung zum „Grüß-Göttin-Schild“ gepostet habe.
Ich bin nach den vielen Jahren, in denen ich mich mit Göttinnen beschäftigt habe, immer noch erstaunt, wie schnell „Blasphemie“ geschrien wird, wenn es um eine weibliche Gottheiten geht.
Im übrigen nicht nur von Männern – auch von Frauen.
Und vor allem frag ich mich: Mit welcher Berechtigung können patriarchale Religionen nur behaupten, sie seien DIE einzig Wahre und ihr Gott ist der einzig Richtige. Und staatliche Institutionen spielen auf den unterschiedlichsten Ebenen da mit und unterstützen das.

Also kurz: Worum geht’s aktuell?
Die von Ursula Beiler gestaltete Begrüßungstafel „Grüß Göttin“ an der Inntalautobahn bei Kufstein erregt seit fünf Jahren die Gemüter. Die Bewilligung dafür läuft mit 31. Jänner ab 2016 endgültig ab. Und es gibt diverse Überlegungen, wo in Tirol dieses Schild in weiterer Folge aufgestellt werden kann.
Dieses Schild irritiert die Tiroler Schützen, den Landeshauptmann und den Diözesanbischof.
Es erheitert mich immer sehr, mit Ursula Beiler persönlich über ihre Erlebnisse mit diesem Schild zu reden. Es ist so skurril, daraus könnte man echt einen Film drehen.
Und es gibt da eine „heilige“ Allianz von g’standenen Tiroler Mannsbildern, die offenbar durch dieses Göttinnen-Schild die Kultur des Abendlandes in Gefahr sehen: Angefangen von den Tiroler Schützen, über die FPÖ bis natürlich zum Diözesanbischof. Unterstützt vom Tiroler Landeshauptmann, der auch nicht sehr „amused“ ist.

So viel Angst …

Ich meine, dass der Diözesanbischof nichts mit einer Göttin anfangen kann, ist ja noch am ehesten verständlich. Er sieht die Menschen in Tirol durch eine derartige Darstellung in ihren religiösen Gefühlen verletzt. Ich persönlich fühle mich übrigens in meinen „religiösen Gefühlen“ durch einen toten Mann am Kreuz und unzähligen brutal gefolterten Heiligen gestört. Und die vielen Marien-Wallfahrtsorte in Tirol von Absam bis Maria Waldrast haben mit den weiblich-Göttlichen ja gar nichts zu tun (siehe: Wallfahrtsorte in Tirol).

Die FPÖ belustigt mich hier besonders: Wenn’s um Kopftuch-Debatten geht, tut sie sich ja so als feministische Partei hervor – Frauenrechte müssen gewahrt werden! Wenn’s um die Töchter in der Bundeshymne geht oder um die Göttin in Tirol, dann hätten’s wahrscheinlich am liebsten, wir europäischen Frauen täten uns auch alle ein Kopftüchl umbinden (wie viele alte Tiroler Bäuerinnen) und schön brav unter’m Kopftuch und hinter’m Herd verschwinden.

Bei den Tiroler Schützen frage ich mich immer, wie sollen die das Land schützen, wenn sie so eine Tafel in ihrer emotionalen Stabilität schon total aus dem Gleichgewicht bringt.

Tja, und Herr Landeshauptmann: Das Begrüßungsschild wurde seinerzeit im Rahmen der Aktion „Kunst im öffentlichen Raum“ des Landes zur Verwirklichung ausgewählt und gefördert.
Herwig van Staa teilte lt. Tiroler Tageszeitung den Unterländern mit. „Ich möchte mich für Ihren engagierten Einsatz in dieser Sache sehr herzlich bedanken und kann Ihnen nur mitteilen, dass ich mich über dieses ,Kunstwerk‘ genauso wenig freue wie Sie und viele andere Tirolerinnen und Tiroler“.

Vorsicht, wenn sich Staat und Kirche einig sind

Hier zeigt sich wieder einmal sehr deutlich der Schulterschluss zwischen Politik und Klerus. Eine Jahrtausende alte Geschichte. Das war in vielen patriarchal ausgerichteten Religionen so. Im Christentum begann das mit der sogenannten „Konstantinischen Wende“: Kaiser Konstantin machte auf seinem Weg zur Alleinherrschaft aus politischem Kalkül im Jahr 313 aus der staatlich diskriminierten und phasenweise blutig verfolgten christlichen Kirche eine zunächst geduldete, dann rechtlich privilegierte Institution. 380 wurde das Christentum dann zur Staatsreligion erhoben.
All das nicht, weil Kaiser Konstantin so ein herzensguter Mensch war, sondern weil er Kraft diese Einheitsreligion besser regieren konnte und nicht auf die vielen Sitten, Gebräuche und moralischen Eigenheiten der unterschiedlichsten traditionellen Kulten Rücksicht nehmen musste.
Besser regieren heißt: Mehr Macht haben. Und darauf läuft’s letztendlich raus. Geschickter Schachzug von Konstantin: Der Klerus genoss Steuerbefreiung, und die Bischöfe wurden als Richter und letzte Berufungsinstanz in das Rechtswesen integriert.
Was folgte, ist die große gegenseitige Unterstützung und Einigkeit von Klerus und Staat – eine Hand wäscht die andere. Die Pfaffen hatten Priviligien und konnten ihren Reichtum anhäufen, die Herrschenden konnten sich auf Gottes Fluch und Missfallen berufen, immer wenn es notwendig war.
Was diese verschränkte Macht mit dem „gemeinen Volk“ seit damals macht, kann man in den Geschichtsbüchern nachlesen.

Und das zeigt sich immer noch – im 15. Jahr des 3. Jahrtausends in der Einigkeit von Landeshauptmann, Schützenkompanie und Diözesanbischof.

ich dulde keine Göttin neben mirDie Sache mit der „Leitkultur“

Wer auf Facebook ist und die Zeit und die Nerven hat, kann gerne die Kommentare zu den beiden „Grüß-Göttinnen-Schild“-Posts nachlesen: https://www.facebook.com/arte.dea.9 (auch die Diskussionen bei den „geteilten Inhalten“ anschauen). Natürlich viel Zustimmung, sehr interessante Diskussionen und Anmerkungen aber auch durchaus auch Seltsamkeiten:

Da schämt sich sogar einer, wenn er Urlaubern oder ausländischen Arbeitern erklären muss, was dieser „Rechtschreibfehler“ auf der Tafel zu bedeuten hat!
Und empört sich, dass man sich mit diesem Schild „über unsere eigene Religion die seit ca. 1850 Jahren zu unserer Kultur gehört, derart lustig macht“.

1850 Jahre? Ein Wimpernschlag in der Geschichte.
Göttinnen gibt’s, solange es die Menschheit gibt.
Die Frauenfigur vom Hohen Fels wurde vor ca 35.000 Jahren erschaffen – okay, wir wissen nicht, ob hier eine Göttin dargestellt wurde.
Aber – da wären noch z.B.:
Ischtar1die sumerisch-babylonische Adamu
die phönizisch-mesopotanische Ahera
die hethitische Arinna
die akkadische Ischtar
die ägyptische Isis
die griechische Gaia
die altarabische al-Lāt
die nordische Freya …

Ich höre jetzt mit der Aufzählung auf, diese würde ja fast ins Unermessliche führen. Die Geschichte zu diesen und alle weiteren Göttinnen könnt ihr ja auf artedea.net nachlesen. Die allermeisten davon jedenfalls viel, viel älter als der jüdisch-christliche Gott, der unsere „Leitkultur“ prägt.

Noch zwei Schmankerln aus den Facebook-Kommentaren, die mir besonders gut gefallen:
„Wenn aber jetzt Frauen aus den üblichen Gruß-Gott-Schildern im Umkreis wiederum Gruß-Göttinnen-Schilder machen würden, dürfte rein theoretisch dann auch nichts passieren? Nur so ein Gedanke… „

„Aufgrund der behämmerten Reaktionen ist das Kunstprojekt ein voller Erfolg geworden… muhahaha“

Für Tirol wünsche ich mir:
Frau Hitt – du alte Tiroler Berggöttin – schau oba! Schick Regen und lass Gehirne wachsen!

Für jedes andere österreichische Bundesland wünsche ich mir: Stellt endlich auch „Grüß-Göttin“-Schilder auf!
Ursula Beiler hat da in der Gestaltung und Umsetzung sicher ein offenes Ohr dafür. Und viele würde es freuen!

GRÜSS GÖTTIN !!!

Artikeln in der Tiroler Tageszeitung:
In Kufstein heißt es ab Februar „pfiat Göttin“
Ein Kunstgriff: Oppitz-Plörer will „Grüß Göttin“ aufstellen

Mehr Infos zu Ursula Beiler – hier

Ein wenig mehr zum Nachlesen: Konstantinische Wende und das Verhältnis von Kirche und Staat

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten zu Die Göttin grüßt – und so manch einer ist irritiert

  1. Monika Iatrou schreibt:

    Sehr guter Artikel, danke dafür. Ja, Göttinnen gibt es, seit es die Menschheit gibt. Und irgendwann hat sich das Patriarchat von diesen bedroht gefühlt. 🙂

  2. Friederike schreibt:

    vielen herzlichen Dank für diesen Beitrag, diese Geschichte ist soo skurril!!
    Ich bin vielleicht 1x im Jahr in Tirol, freue mich aber jedesmal über das Schild und dass es noch dort neben der Autobahn steht :-))

  3. Myriade schreibt:

    Tja, die tiroler Mander haben halt keine Spur mehr Humor als die Muslime, die wegen Mohammed-Karikaturen morden und verbrennen. So weit werden die Tiroler Honoratioren hoffentlich nicht gehen …..

    • Roswitha Haala schreibt:

      Ja, es ist die gleiche Energie unter unterschiedlicher „Theo_log_ie-Flagge“.
      Die christlichen „Mander“ mordeten und verbrannten zzt. der Hexen- und Ketzerverfolgung. Erst 1807 wurde die Folter z.B. in Bayern durch Generalverordnung aufgehoben. Erst 1813 fehlten die Tatbestände Hexerei, Ketzerei und Zauberei in der Gesetzgebung.
      Wenn mensch dabei bedenkt, dass der Islam im frühen 7. Jahrhundert in Arabien entstand, dann sind dies bis zum frühen 21. Jhdt. mal gerade 1400 Jahre oder auch das 14. Jhdt.. Und nun vergleiche dies mit dem damaligen Christentum in Europa (1487 der „Hexenhammer“)…
      Gemeinsamer „Stammvater“ von Christen und Muslimen: Abraham.
      Ur_Mutter jede Frau und Mutter.
      Hodenschwangerschaften gibt es nicht. Auch keine Rippen-Geburten!
      Hirn mit Verstand und Vernunft braucht`s!

  4. Roswitha Haala schreibt:

    Liebe Andrea, herzlichen Dank und es ist wieder äußerst inspirierend!

  5. Vetch schreibt:

    Ich kann sowas gar nicht zu Ende lesen, so sehr reg ich mich auf. In was für einem absurden Realitätstunnel wir gehalten werden, was uns hier als Leitkultur und Norm, als selbstversändlicher Konsens anerzogen wird, und wie tief das verankert ist – gruslig!
    Ich bin nicht getauft, was hab ich mit dieser speziellen Gottheit da am Hut?
    Auch sonst vernünftige Leute unterstellen mir selbtsverständlich, ich hätte Teil an der allgemeinen Trance. Dass ich Gefolterten edel fände, und seinen mörderischen Papagott als das Wahre, Gute und Superwichtigste ansähe. Dem ist nicht so.

    Kirchenglocken und auf öffentlicher Straßen Statuen eines Gefolterten, das ist ’normal‘, gesund, richtig.
    Ein „Grüß Göttin“ Schild, das geht gar nicht. Das ist irgendwie… abartig. Pervers.

    Oh Göttin, die ham so ne Angst, die Burschies.

  6. Bernhard A. Grimm schreibt:

    Sehr guter Artikel. Der Rekurs auf die Konstantinische Wende gefällt mir besonders gut. Ab diesem Zeitpunkt hatte das „Christentum“ als eine Bewegung mit jesuanischen Wurzeln (Stichwort: Nächstenliebe) endgültig verloren. Das Ergebnis sehen wir heute: Kirche als Institution. Und das Wesen einer Institution ist: Macht zu schaffen, zu erhalten und zu mehren.

  7. Ich habe das Schild sehr begrüsst und dachte noch, schau dir mal die Östereicher an, die sind gut drauf. Wie sich zeigt, immer noch nix dazugelernt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s