21. März – Tag des Waldes: Was uns die Waldgöttinnen zu erzählen haben

abnoba330% der Landfläche der Erde ist bewaldet. Menschen lebten immer schon in Wäldern und von den Wäldern. Und sie hatten daher seit jeher großen Einfluss auf den Bestand und die Beschaffenheit von Wälder.
Der Wald diente Menschen nicht nur als geschützer Lebens- und Rückzugsraum, er bietet auch Nahrung, etwa mit Beeren und Pilzen und Bau- sowie Brennmaterial in Form von Holz.
In ausgewogenem Rahmen ist das auch durchaus in Ordnung.
Schon lange dienen uns die Wälder dieser Erde wegen der Nutzung des Holzes als Energieträger und als Rohstoff. Und es wurden und werden nach wie vor Wälder gerodet, um Siedlungs- und Ackerfläche zu gewinnen.  Weltweit gibt es rund 3,5 – 3,9 Milliarden Hektar Wald. Jährlich werden Wälder im Umfang von etwa 20 Millionen Hektar vernichtet und in zahlreichen Ländern –  insbesondere in den Tropen – sind weitere Bestände durch das ungezügelte Wirtschaften des Menschen in ihrer Substanz bedroht.

Als Reaktion auf die globale Waldvernichtung hat die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) bereits Ende der 1970er-Jahre den „Tag des Waldes“ eingeführt. Vor allem, um darauf hinzuweisen, dass Wälder komplexe Ökosysteme sind und gemeinsam mit den Weltmeeren die wichtigste Einflussgröße des globalen Klimas sind.

Am Tag des Waldes wird offiziell auch der Baum des Jahres bekanntgegeben. Das ist 2016 die Winterlinde. Diese spielte schon lange Zeit eine wichtige Rolle im menschlichen Zusammenleben. So wurde bei den GermanInnen unter diesem Baum Recht gesprochen und auch in vielen Dorfzentren finden wir heute noch die Winterlinde, die auch als Zentrum des Tanzplatzes galt.

Die Mythen der Wald- und Baumgöttinnen

Dass Wälder wichtig sind, dass erkannten unsere Vorfahren schon sehr früh.
Und wie so oft spiegelt sich dieses Wissen in den Mythen von Göttinnen wider.

Leshachikha1Da gibt es z.B. die slawische Wald- und Erdgöttin Leshachikha. Sie ist die Mutter von vielen Leshonki. Denn jeder Wald hat seine eigene Leshonka. Diese sind so etwas wie Faune oder Waldfeen. Sie beschützen ihr Land – alle Pflanzen, Tiere, Vögel, die in diesem Wald leben.
Leshachikha und ihre Kinder werden sehr böse, wenn ihr Land und der Wald ausgebeutet oder ihm Schaden zufügt wird. Dazu können sie auch einen Zauber über ihren Wald werfen, der für Menschen auch nicht immer angenehm ist.
Das sind noch vergleichsweise harmlosere Dinge – wie das Irreführen von Menschen im Wald, die sich dann verlaufen oder das Verstecken von den Äxten der Waldarbeiter.
Leshachikha kann aber auch durchaus die rasenden Naturgewalten zum Ausdruck bringen, wie Stürme oder einen Erdrutsch. Für alle, die besonnen ihr Reich betreten hält Leshachikha auch bereitwillig ihre Schätze bereit – wie Pilze und Beeren.
Sie beschützt aber auch all jene, denen außerhalb des Waldes Gefahr droht und den Schutz in den Tiefen ihres Reichs suchen.
BäuerInnen und SchäferInnen verbinden sich gerne auf magische Weise mit dieser Göttin, mit der Bitte um Schutz für die Felder und die Tiere.

In Ostfrankreich glaubte man früher, dass in Wiesen und Wäldern, an Quellen und bei Wasserfällen die Dames Vertes, die grünen Frauen leben.
Meist entziehen sich diese allerdings den Blicken der Menschen und schweben durchsichtig bis unsichtbar sanft über die Grashalme der Wiesen hinweg. Alle, die sie dennoch zu Gesicht bekommen haben, berichten von wunderschönen jungen Frauen bzw. von lieblichen Feen mit langem goldenen Haar und grünen Gewändern.
Die Dames Vertes setzten ihre Kräfte ein, um ausgewählte Familien zu beschützen. Die grünen Frauen sind es auch, die Pflanzen heilen und versorgen.
Nachdem jedoch die Städte die Natur immer weiter verdrängten, ließen sich die Dames Vertes auch in den Städten nieder. Doch hier wurden sie zu wahren Plagegeistern. Sie treiben allerlei Schabernack, der oft auch sehr gefährlich ist. Man erzählt sich, dass sie sich in die Haare junger Leute krallen und sie so sie zum nächsten Wasserfall tragen, wo sie die Menschen dann über dem Abgrund zappeln lassen.
Ebenso sollen sie sie junge Männer mit ihrem unwiderstehlichem Aussehen in den Wahnsinn treiben.

Abnoba ist der personifizierte Schwarzwald mit seinen Pflanzen, Tieren, Hügeln, Quellen und Flüssen, der in der Antike den Namen „Abnoba mons“ trug. In eben diesem Schwarzwald ist die Schutzgöttin der Jagd und des Wildes.  Wahrgenommen wird Abnoba in ganz kurzen Augenblicken, wenn man durch einen Wald geht. Oft hat man das Gefühl, ihre Augen durch das Dickicht wahrzunehmen. Wenn man genau hinschaut, ist sie schon wieder verschwunden. Zumindest kann man sie nicht sehen, aber ihre Anwesenheit und ihre Energie spüren.

Die russische Göttin Azer-Ava soll jeden einzelnen Baum im Wald beschützen. Sie hilft JägerInnen und beschenkt sie mit ihren speziellen Gaben. Andererseits soll sie Menschen bestrafen, die sinnlos Äste abbrechen oder Bäume fällen.  Ihr Schutz breitet sich auf die Gegend rund um Wälder aus und wird daher auch in den waldnahen Bauernhöfen verehrt.

strenia2Die römisch-sabinische Waldgöttin Strenia wurde in heiligen Hainen verehrt. Aus diesen wurden Äste und Zweige geschnitten, die zur Jahreswende (eventuell geschmückt) als Symbol der Lebenskraft verschenkt wurden.
Daran erinnern noch heute unsere Weihnachtsbäume. Es wurden auch aus dem, der Göttin geweihten Holz, kleine geschnitzte Objekte hergestellt und zum Geschenk gemacht.

Speziell in der Tiroler Sagenwelt ist die Fangga bekannt. Sie ist der „Gute Geist“, der im Baum lebt, eine Baumgöttin, die „Waldfrau“, oft auch eine Fee.
Man kennt sie auch in anderen Teilen Österreichs, in Süddeutschland und in der Schweiz. Manchmal spricht man von einer Fangga, die als Waldfrau für alle Natur im Wald zuständig ist. In anderen Auslegungen gibt es nicht nur eine einzige Fangga, sondern viele davon — jedem Baum soll so ein Wesen innewohnen. Was die Fangga gar nicht mag, ist es, die Zweige des Baumes abzuknicken oder die Rinde vom Stamm zu schälen. Da kann sie sehr nachtragend bis grausam werden.
Es gibt mancherlei Schauergeschichten, von Menschen, die sich nicht mehr in den Wald wagten, weil sie sich vor den Attacken der Fangga nicht mehr sicher fühlten.

fangga2Den Fanggen sehr ähnlich sind die Dryaden der griechischen und römischen Mythologie. Vor allem im hellenischen Altertum haben Dryaden große Verehrung genossen. Sie wurden als die Seele des Baumes angesehen. Dryaden sind aber nicht unsterblich, ihr Dasein ist an die Lebensdauer des von ihnen bewohnten Baumes geknüpft. Stirbt ein Baum, so stirbt auch seine Dryade.
Man stellte sich vor, dass Dryaden im Inneren von lebenden Bäumen leben, die sie sie palastartig ausstatten. Kleidung scheinen sie nicht zu benutzen, jedoch Schmuck. Sie sind mit ihren Bäumen spirituell so stark verbunden, dass sie sogar seine Wunden teilen.
Aus diesem Grunde bestraften Dryaden und auch die anderen griechischen Gottheiten jeden Sterblichen, der einen Baum verletzt. Kein Baum durfte gefällt werden, ohne vorher die Baumnymphen anzurufen. Geschah dies doch, wurde der Frevler grausam bestraft.

Die keltisch-gallische Arduinna gilt als die Verkörperung bewaldeter Gebirgszüge. Sie ist also die Erde, das Land selbst und damit auch die Beschützerin aller lebenden Kreaturen des Waldes, ob Pflanzen oder Tiere und auch Menschen.
Arduinna hat den Ardennen (im Grenzbereich Frankreich/Belgien/Deutschland) ihren Namen gegeben. Für Cäsars Truppen waren die Ardennen ein ausgedehntes, undurchdringliches Waldgebiet, in dem die „wilden Kelten“ hausten und einer Göttin namens Arduinna in „wilden Ritualen“ huldigten. Diese Rituale wurden an Naturheiligtümer abgehalten, von denen einige immer noch bekannt sind. Arduinna1
Diese Göttin ist in ihrem Wesen einerseits wild, dunkel, undurchdringlich und daher Angst einflößend. Für jene, die diese ursprüngliche erdige und wilde Lebenskraft ehren, gibt sie andererseits Schutz und alles, was sie zum Leben brauchen. Sie reitet vollkommen ruhig auf ihrem wilden Eber. Dies versinnbildlicht auch ihren gelenkten Willen über die wilden Kräfte der Emotionen.

Die lettische Waldgöttin Meza mate ist die Schutzgöttin aller Waldtiere. Ihr Name bedeutet übersetzt „Waldmutter“. Sie beschützt aber auch alle Menschen, die sich im Wald aufhalten oder arbeiten, wie JägerInnen und ForstarbeiterInnen. Sie sorgt damit für Ausgleich und Balance in den Wäldern, damit alle Wesen gut im Wald und von den Früchten des Waldes leben können.

Die irische Natur- und Waldgöttin Flidhais verkörpert die Fruchtbarkeit und die Freiheit der Wildnis. Sie ist die Gebieterin des Rotwilds. Sie verkörpert ebenso Kraft wie Sanftheit, Mütterlichkeit wie Ungezähmtheit.
Sie ist die Natur selbst und vereinigt auch alle Aspekte der Natur in sich, die ebenso nährend wie gütig ist wie auch wild, undurchdringlich, gefährlich. Frauen, die sich mehr Freiheit, Unabhängigkeit, Zielstrebigkeit, Energie, Lebenskraft und Mut herbeisehnen, denen tut ein Kontakt mit Flidhais sicher gut.
Für jene, die sich in die Wildheit der tiefen Wälder hinauswagen (dort vielleicht auch eine oder mehrere Nächte verbringen), hält diese Göttin so manche unerwartete Geschenke bereit …

Altes Wissen – neue wissenschaftliche Studien

Vieler dieser alten und durchaus einleuchtenden Geschichten, die davon erzählen, wie wichtig und schützenswert die Wälder sind, sind verloren gegangen. So wie sich wenige Menschen an Göttinnen erinnern, so sind sich viele auch nicht bewusst, was die Natur und hier vor allem die Wälder für unser (Über-)Leben bedeuten.
Zeit sich auf dieses alte Wissen zu besinnen.

Die Wirkung des Waldes auf jeden einzelnen Mensch wurde übrigens in einer japanischen Studie sehr eindrucksvoll belegt: Waldspaziergänge senken Blutdruck und Herzfrequenz, zudem ist die Adrenalin-Ausschüttung und damit der Stresspegel niedriger als nach einem Stadtspazierang.
Zudem fanden die WissenschaftlerInnen der Nippon Medical School in Tokio heraus, dass das Gehen im Wald offenbar Krebs-Killerzellen aktiviert, und dieser Effekt noch mindestens sieben Tage nach den Spaziergängen anhält.
Bisher sind es nur Vermutungen, doch die ForscherInnen gehen davon aus, dass unter anderem sogenannte Phytonzyden eine Rolle dabei spielen könnten: Pflanzen bilden diese Substanzen, um sich vor Krankheitserregern und Schädlingen zu schützen. Wenn wir im Wald spazierengehen, atmen wir diese Phytonzyden ein und profitieren möglicherweise von dem stärkenden Effekt auf das Immunsystem.

Ich gehe daher jetzt hinaus in den Wald, stärke mein Immunsystem und bin gespannt, was die Dryaden, die Fanggen und all die anderen mir zuflüstern.

Übrigens: Die 3. Österreichische Göttinnen-Konferenz, deren Thema ja die „Göttinnen der Erde“ sind, wird sich auch in einigen Programmpunkten mit den Wald- und Baumgöttinnen beschäftigen.

Mehr Infos zu den erwähnten Göttinnen:

Abnoba
Arduinna
Azer-Ava
Dames Vertes
Dryaden 
Fangga
Flidhais
Leshachikha
Meza mate
Strenia

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2 Antworten zu 21. März – Tag des Waldes: Was uns die Waldgöttinnen zu erzählen haben

  1. Marianne Kieffer schreibt:

    Danke für den schönen Artikel, der mit Korrekturlesen und Nacharbeiten noch viel schöner gewesen wäre!

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