10. November – Fest der Göttin des Verstandes und der Freiheit

freiheitIm revolutionären Frankreich waren die Göttin des Verstandes und die Göttin der Freiheit in ein und derselben Figur vereint. Und deren großer Festtag ist der 10. November.
Ich befürchte, dass nach dem Ausgang der amerikanischen Wahl gestern dieser Göttinnen-Feiertag notwendiger denn je ist!

Wie kam es zu diesem Feiertag? Das erste „Fest der Vernunft“ fand am 10. November 1793 statt. Im Zuge der französischen Revolution wurden an die Stelle der christlichen Traditionen neue Feste und Kulte gesetzt, allen voran der Kult der Vernunft.
Bei diesem Fest wurde in der Kathedrale von Notre-Dame eine Art „Berg“ aufgeschüttet, der einen der Philosophie geweihten griechischen Tempel darstellen sollte. Auf ihm stand eine die Freiheit symbolisierende Schauspielerin.
Auf dem Altar der Vernunft brannte die Fackel der Wahrheit. Auch in anderen Städten wurden Feste der Vernunft abgehalten, wobei meist eine weibliche Figur im Mittelpunkt der Feierlichkeit stand, die gleichermaßen die Vernunft wie die Freiheit darstellte.
An diesem Tag wurden bunte Prozessionen durch Paris veranstaltet. Eine als Göttin verkleidete Frau trug ein weißes Gewand, einen blauen Umhang und eine rote Mütze – die französischen Nationalfarben. Die Göttin hat auch einen Namen: Marianne. Sie ist die Nationalfigur der Französischen Republik. Marianne – bis dahin lediglich ein im Volke weit verbreiteter Name – wurde zum Symbol der Freiheit und damit gleichzeitig der französischen Republik. Eindrucksvoll zu sehen am Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ von Eugène Delacroix.

Ängste und Hoffnungen

statue-of-liberty-267948_1920Die Geschichte der Menschheit und damit auch jener der Revolutionen ist voll von der Unzufriedenheit mit bestehenden Zuständen und verkrusteten Systemen, voll von sozialen Spannungen, voll von Ängsten selbst nicht genug zu bekommen oder überleben zu können, voll von Kritik an privilegierten Gesellschaftsschichten …

Aber auch voll vom Wunsch nach Freiheit, nach vernünftigen Lösungen, voll von der Sehnsucht nach einem guten, sicheren Leben in Würde, voll von neuen, bahnbrechenden Ideen, wie das Zusammenleben besser gestaltet werden könnte …

Und alle diese Wünsche, Ängste, Hoffnungen, Verzweiflungen veranlassen die Menschen schon immer zu politischen Schritten und Willenskundgebungen, die uns mitunter wahnwitzig bis gefährlich erscheinen mögen.

Dass aus so einer hochexplosiven Zeit, wie es jene der französischen Revolution war, eine Vernunfts- und Freiheitsgöttin entstanden ist, das stimmt mich jedoch irgendwie ein wenig hoffnungsfroh.  Und es ist ganz klar, dass dies nur eine weibliche Figur sein kann!
(Für meine österreichischen LeserInnen: Jetzt hat ja sogar schon der Billa geschnallt, dass Hausverstand weiblich ist). Wie sollte es wohl anders sein?

Die Göttin an der Schwelle

diana_munichia_2Und nicht von ungefähr steht die „Kollegin“ der Marianne am Liberty Island – als „Freiheitsgöttin“ von New York. Diese stellt die Figur der Libertas, der römischen Göttin der Freiheit, dar. In ihrem Ursprung geht sie aber auf die griechisch-römische Göttin Diana Munichia zurück, die immer am Übergang von Wasser und Erde ihren Wirkungsbereich hat.
Die Freiheitsgöttin ist damit eine Schwellengöttin von einem Element in das andere – sie steht an Häfen, an der Küste. Und irgendwie stehen wir mit all dem, was so gerade auf dieser Erde geschieht, ja auch an einer Schwelle.
Aber: Diana Munichia formt auch das Flussbett, in dem das Wasser seine Fassung und seinen Weg findet. Und sie ist auch die Personifikation des Schlamms, den sie aufwühlt. Sie lebt auch im Sumpf und in den Mooren – als Personifikation des Urschlamms, aus dem alles kommt und in den alles zurückkehrt.

Ja es ist ganz schön viel, was die „Freiheitsgöttinnen“ da gerade im Schlamm aufwühlen.

So, und weil gerade heute die französische Vernunfts- und Freiheitsgöttin sozusagen ihren Geburtstag hat, wünsche ich mir für mich und die Welt, dass genau diese weibliche Seite der Vernunft, der Logik, des Bauchgefühls, des Scharfsinns, des vernetzten zukunftsweisenden Denkens, des alten Wissens und der neuen Ideen uns in jene Freiheit führen, die ein gutes Leben für alle möglich machen.

Mehr zur Göttin Diana Munichia

Bildquelle: Ausschnitt aus „Die Freiheit führt das Volk“ von Eugène Delacroix
Erich Lessing Culture and Fine Arts Archives via artsy.net, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=27539198

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