11. 11. – die Narren werden geweckt

eshu2Am 11. 11. um 11:11 Uhr werden die Narren „geweckt“. Es beginnt an diesem Tag also nicht der Fasching, sondern ab jetzt bereiten sich die Narren auf die Faschingszeit vor.
Warum gerade diese vielfache 11? Sie gilt als die närrische unter den Zahlen.
Denn sie überschreitet nicht nur das, was anhand der zehn Finger menschlicher Hände, sondern auch in der Zahl der „Zehn Gebote“ fassbar ist. Damit hebt die 11 die alltägliche Ordnung auf.
Die „11″ übertritt also einerseits die Norm der Gebote und ist andererseits um 1 kleiner als die Zahl der Jünger Jesu.
Denn die nächste aussagekräftige Zahl nach ihr ist ja die 12. Und diese gilt überhaupt als perfekte Zahl. So hat das Dutzend 12 Teile, es gibt 12 Monate und zur 12. Stunde in der Nacht, geht der alte Tag und der Neue beginnt.
11 ist daher auch die Zahl der „letzten Stunde“ auf der Uhr und es galt immer als unheimlich – wenn die letzte Stunde geschlagen hat.

Die Zahl 11 ist weder rund, noch lässt sie sich teilen. Da sie über der 10 steht, steht sie auch für Übertreibung, Völlerei und Maßlosigkeit. Trotzdem besitzt sie nicht die Kraft, Altes zu beenden und Neues zu beginnen, wie es die 12 tut.
Eine narrende Zahl also, die sich keinem mathematischen Gesetz und keiner Regelmäßigkeit unterwirft. Und sie ist damit geradezu prädestiniert, um die Narren zu wecken.

Wie geht das zusammen – Fasching und Advent?

Mir erschien es immer ein wenig seltsam, dass in der Zeit, in der alles ruhiger wird, der Fasching beginnen und dann den ganzen besinnlichen Advent über dauern soll. Wer setzt sich jetzt schon eine Pappnase und einen lustigen Hut auf? Es sind doch bald eher Adventskränze, beschaulicher Kerzenschein, kuschelige Gemütlichkeit und „Jingle Bells“ der Hit der Saison.
Und das mit dem Faschingsbeginn ist ja auch nicht so, weil – wie schon geschrieben – ja jetzt die Narren erst geweckt werden.
Der eigentliche Fasching fängt exakt nach den Rauhnächten an, also dem 7. Januar und dauert dann „hochoffiziell“ bis zum Faschingsdienstag.
Sowohl dieser November-Termin, wie auch er Januar-Termin haben traditionelle und mythologische Gründe:
Im agrarischen Kalender gilt der 11. November seit langer Zeit als das Ende des Wirtschaftsjahres. Zu dieser Zeit ist nicht nur die Ernte eingefahren, sondern der Großteil ist bereits weiter verarbeitet und gelagert. Und auch der junge Wein ist ab jetzt trinkbar.
Der Karnevalsauftakt im November geht wahrscheinlich auf griechische, römische und germanische Traditionen zurück. Im November ehrte man die Erdgöttinnen ganz besonders für ihre Gaben des Herbstes und hat vermutlich auch auf sie mit dem neuen Wein angestoßen.

Der Fasching oder Karneval ist ja eine Zeit, in der vieles umgedreht und auf den Kopf gestellt wird. Diese närrischen Zeiten gab es in vielen Kulturen: Diener wurden von Herren bedient, Männer und Frauen schlüpften in die Gewänder des anderen Geschlechts, man kehrte um, was umzukehren war.
Und diese Zeit, in der die „normalen“ Dinge des Lebens außer Kraft gesetzt sind, die beginnt ja schon in den Rauhnächten, die zwischen dem 6. und 7. Januar dann nahtlos in die närrische Zeit des Faschings übergehen.

Perchten und Faschingsmasken

Rauhnächte und Fasching sind also jene Zeit im Jahr, in der die alltägliche und gewöhnliche Ordnung aufgehoben oder überschritten wird. Das äußert sich in den Rauhnächten u.a. durch die unterschiedlichen archaischen Figuren des Perchtenbrauchtums und setzt sich in den Masken der Faschingszüge fort. Diese haben vielfach eine große Ähnlichkeit miteinander.
Dennoch ist die Zeitqualität eine andere: Während sich die ganze Natur nun, im November, zurückzieht, alles still und dunkel wird, erleben wir nach dem Ende der Rauhnächte bis in den Februar hinein den Aufbruch der Natur, das wiederkehrende Licht, das von Tag zu Tag stärker wird. Genau diese Zeitstrecke im Jahr und die Umkehrung der Zeit zur Wintersonnenwende scheint es zu brauchen, um Neues entstehen zu lassen. In der Natur sowieso, aber auch in unseren Köpfen.

Menschen haben offenbar schon immer diese „närrischen Zeiten“ gebraucht – jene in den Rauhnächten und jene im Fasching. Sie bringen mit all ihren Normüberschreitungen jenen Perspektivenwechsel, der für die Evolution dringend notwendig ist.
Raus aus dem alten Trott, hinein in neue Ideen und Impulse.
Wenn es sein muss – auch in eine Revolution.
Daher wird die Zahl Elf auch mit den Anfangsbuchstaben der Worte „Egalité, Liberté, Fraternité“ in Zusammenhang gebracht, dem Motto der französischen Revolution.

Role-Models für Narren

Ganz wichtig sind dabei auch immer die „Trickster“-Figuren mit ihrer wilden, unberechenbaren, närrischen Energie. Sie bieten Identifikationsfiguren, zeigen, dass alles möglich ist und fordern auf, es nachzumachen.
Wie sagt Luisa Francia?
„Falle aus der Rolle – sonst rollst du in die Falle!“

Eine dieser Trickster-Figuren ist z.B. Eshu, eine Yoruba-Göttin. Sie ist verantwortlich für Gelingen oder Miss­erfolg, für Begegnungen und Ent­scheidungen, für Zu­fälle, Unfälle und das unergründliche Schick­sal. Immer, wenn etwas Unvor­her­ge­sehenes ge­schieht, ist Eshu im Spiel. Sie versucht die Menschen von ihrem geradlinigen Weg abzubringen und sie damit zu testen, wie sie mit unkonventionellen Lösungen reagieren. Denn darum geht es schließlich. Sonst würde ja nichts Neues entstehen.

kasperlEine andere dieser Figuren ist der uns vertraute Kasperl, der wahnwitzig, tollpatschig aber dabei sehr schlau unglaubliche Abenteuer besteht.
Und er steht erstaunlicher Weise in seiner Ursprungsfigur genau an der Schwelle zwischen den Rauhnächten und dem Fasching. Denn er hat sich aus der Figur des Caspar heraus entwickelt. Caspar ist bei den Heiligen Drei Königen die heitere Außenseiter-Figur, als diese hat sich er sich bald verselbständigt. Aus den mittelalterlichen Dreikönigsspielen heraus nahm er Ende des 18. Jahrhunderts in Wien die Gestalt der komischen Bühnenfigur an – im Kaspertheater mit seinen überschaubaren Verhältnissen, die nur er letztendlich bewältigen kann. Kasperls charakteristisch grinsendes Gesicht mit der auffälligen Nase erinnert vor allen an die Rauhnachtsfiguren der Schnabelperchten, das sind die Ordnungshüterinnen im Perchtenzug. Das deutet darauf hin, dass Narretei und Über-Mut Voraussetzungen dafür sind, um das Chaos wieder zu ordnen.

Die Heiligen Drei Könige gibt es ja in dieser Form gar nicht in der Bibel – weder drei, noch heilig, noch Könige. Sie sind eine christliche Umwandlung der alten Muttergöttinnen der „Drei Bethen“ – auch „Drei Perchten“ genannt.
Alles klar?

Wer jetzt übrigens neugierig geworden ist – viel mehr dazu gibt es im artedea-E-Book über die Rauhnächte bzw. im Rauhnachts-eWorkshop.

Mehr zu den erwähnten Göttinnen:
Drei Bethen
Eshu

Bildquellen:
artedea.net
pixabay.com

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7 Antworten zu 11. 11. – die Narren werden geweckt

  1. Pingback: 11. 11. – die Narren werden geweckt — Oh Göttin – mnemosyne

  2. Kalifrag schreibt:

    Danke für diesen Beitrag! Bestimmt werden an diesem Tag aber auch die Närrinen geweckt..:)

    • Kalifrag schreibt:

      die Närrinnen, pardon

    • maribar24 schreibt:

      Natürlich auch Närrinnen.
      Warum aber hab ich das männlich geschrieben?
      Ich zitiere aus dem artedea-Text über Eshu:

      Narren findet man traditionell eher in männlicher Gestalt. Was möglicherweise darauf schließen lässt, dass Männer diese Energie erst lernen, erst verinnerlichen müssen. Clowns dienen mit ihren Ungeschicklichkeiten, mit dem Spiel mit allen Möglichkeiten, mit dem Umgang mit unvorhergesehen Ereignissen möglicherweise als Vorbilder und Role Models für andere Männer.

      Clown-Frauen und Närrinnen kommen vielleicht daher seltener vor, weil man Frauen diese Eigenschaften, dieses Spiel, diese Fähigkeiten eher zutraut. Weil sie der schöpferischen Kraft der Ursprungs- und Chaosgöttinnen näher sind und aus allen Zutaten etwas schaffen können und mit überraschenden oder peinlichen Situationen (in denen sie sich vielleicht auch selbst gebracht haben) im normalen Alltag besser umgehen können als Männer.

      Daher lachen wir meistens über männliche Clowns mehr, wenn ihnen etwas passiert und wenn sie darauf mit seltsamen, unkonventionellen Lösungen reagieren. Bei Frauen sind wir diese Vorgangsweise eher aus dem normalen Leben gewohnt und daher ist das zur Schau stellen auch nicht so lustig.

  3. Kalifrag schreibt:

    Eine Frage: Von der Außenseiterfigur Caspar im Zusammenhang mit den Hl. 3 Königen hab ich noch nie gehört. Aus welcher Quelle kommt dies? Und auch oder gerade, wenn diese ja von den 3 Bethen abstammen. Gab es dort eine Außenseiterin?

    • maribar24 schreibt:

      Zwei der Quellen:
      https://de.wikipedia.org/wiki/Kasper
      http://othes.univie.ac.at/17318/1/2011-08-25_9930427.pdf
      Und nein – es gab bei den Bethen nicht eine Außenseiterin in dem Sinn.
      ABER: Kaspar führt ja über den Umweg der Barbara die Tradition der Borbeth weiter.
      Diese ist ja die „schwarze Kraft“ in der Konstellation der drei­fa­chen Göttin und damit ja nicht im­mer nur die „Weise Al­te“. Sie steht auch über den Din­gen und das kann sich auch als „närrische Alte“ ausdrücken. Sie „pfeift sich nix“, sie be­nennt Dinge beim Na­men, bringt das Augen­zwin­kern rein, bewäl­tigt mit ih­rer Le­benser­fah­rung schein­bar un­lös­ba­re Auf­gaben – ganz so, wie ihr Ur-Ur-Enkel, der Kasperl!
      Näheres dazu im artedea-Rauhnächte-E-Book

  4. Kalifrag schreibt:

    Danke für die Infos und links! Ein sehr spannendes Thema! 🙂

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