Göttin des Gerüchts soll Fake-News erkennen

fama2„Eine Göttin soll das Fake-News-Problem richten“, lese ich da in der Tageszeitung Die Presse. Hui, das klingt interessant!
Ein von der EU gefördertes Projekt arbeitet daran, eine Software-Lösung zu entwickeln, um Fake-News zu identifizieren. Benannt ist das Projekt nach Pheme, der altgriechischen Göttin des Ruhms und des Gerüchts.
Allein diese Kombination ist ja schon interessant – Ruhm und Gerücht. Offenbar untrennbar miteinander verbunden.
Und wenn etwas nach Göttinnen benannt ist, dann weckt das natürlich immer mein Interesse. Turnschuhe nach Nike, Margarine nach Ceres, Essig nach den Hesperiden, Bio-Produkten nach Demeter, ein Cabrio nach Eos, ein großes Versandhaus nach den Amazonen und eine Buchhandelskette nach Thalia.

Nun also soll Pheme das bewerkstelligen, was bislang in Menschenhand lag: Aus den sozialen Netzwerken verlässlich und im großen Rahmen alle Halbwahrheiten, Gerüchte und falsche Informationen rauszupicken. Denn bei Facebook und Co. filtern bislang immer noch Menschen.

Das Projekt „Pheme“ habe den Anspruch, transparent und nachvollziehbar zu arbeiten und auch bei großer Datenflut den Überblick zu behalten.

Ist Pheme die richtige Wahl?

Dem Projekt den Namen einer Göttin zu geben, das finde ich an sich passend. Wer sonst sollte das können, wozu Menschen nicht imstande sind?
Doch wäre es wirklich im Interesse dieser Göttin, genau diese Aufgabe zu übernehmen? Wo doch ihr Mythos erzählt, dass es ihr vollkommen gleichgültig ist, was sie verbreitet. Sie unterscheidet nicht zwischen dem Verbreiten von Wahrheit und Verleumdung.

gaia1Ein guter Grund also, sich ihren Mythos ein wenig genauer anzuschauen:
Die griechische Pheme bzw. ihre römische Nachfolgerin Fama ist die Tochter der Erdmutter persönlich – Gaia in der griechischen und Tellus Mater in der römischen Variante. Als solche weiß sie natürlich über alles Bescheid, was auf der Erde passiert.

Angeblich gibt es im Weltall einen Ort, von dem man alles sehen und hören kann. Dort wohnt die Göttin Pheme bzw. Fama. Ihr Haus soll tausend Eingänge und Fenster haben, es ist ganz aus klingendem Erz gebaut, so dass der Schall in allen Ecken und Enden unaufhörlich wispert und vom ein- und austretendem leichtfertigen Volk weitergetragen wird.
Hier wohnen auch Credulitas – die Leichtgläubigkeit, Error – der unbesonnene Irrtum, Laetitia – die grundlose Freude, Timor – der aufgescheuchte Schrecken sowie der Aufruhr und „das Geflüster zweifelhaften Ursprungs“.

Die Göttin selbst sieht, was im Himmel, im Meer und auf der Erde vorgeht, sie durchspäht die ganze Welt. Tagsüber ist ihr Platz auf Türmen und Dächern, wo sie das Gerede der Menschen aufschnappt und in Windeseile weiterträgt. Sie soll niemals schlafen, sondern des Nachts durch die ganze Welt ziehen.
In der bildenden Kunst wird sie mit Federkleid und mit Flügeln dargestellt, die für die rasche Verbreitung der Gerüchte sorgen, sowie mit einer Posaune, mit der sie Wahres und Falsches „ausposaunt“. Ihre Flügel sind schwarz, wenn sie etwas Falsches und weiß, wenn sie etwas Wahres in die Welt hinaus trägt.

Wahrscheinlich hat diese Göttin aber sowohl bei den RömerInnen als auch bei den GriechInnen gar keinen religiösen Ursprung, sondern war als allegorisch-symbolische Gestalt eine Erfindung der Dichtkunst.

Vergil hat die Göttin Fama als das schnellste aller Übel bezeichnet, sie habe tausende Ohren, Zungen und Augen, schläft nie ganz, sondern hat immer ein Auge und ein Ohr offen, um nichts zu verpassen. Schon sechs Jahrhunderte zuvor hatte sein Kollege Hesiod sie als Pheme in ähnlicher Weise beschrieben.

Auch von Ovid wurde sie als Botin von Wahrheit und Lüge zugleich beschrieben, die nicht unterscheidbar sind.
Gerade, wenn sie wirklich ein Produkt der Dichtkunst ist, ist dies ein Beweis dafür, dass alles, was erzählt wird, auch tatsächlich in der Welt ist.

Was gesagt ist, ist in der Welt

Ihr Credo lautet: Alles, was beschrieben werden kann, kann auch verwirklicht werden.
Das sowohl im positiven wie auch im negativen Sinn. Und darüber hinaus auch ganz wertfrei.
Das, was in Science-Fiction-Romanen ersonnen wurde, ist vielfach oft Realität geworden. Das, was ein völlig unhaltbares Gerücht war, ist – oft Kraft seiner Verbreitung – dann tatsächlich eingetroffen.
Das kennen wir alle aus unseren ganz persönlichen Erfahrungen und gerade auch in letzter Zeit aus dem großen Weltgeschehen.
Wobei: Die Göttin ist so alt. Dieses Phänomen ist daher sicher kein neues. Das gibt es wahrscheinlich schon seit Anbeginn der Menschheit. Das, was sich allerdings früher in der Nachbarschaft und im Dorf wie ein Lauffeuer verbreitet hat, das geht heute innerhalb von einigen Minuten rund um die Welt.
Pheme lacht sich ins Fäustchen. So schnell würde sie mit ihrem Flügelschlag gar nicht mehr nachkommen.

Fake-News verbreiten sich über das Internet und verhelfen so manchen zu großem Ruhm. Naja, Ruhm vielleicht nicht unbedingt, aber zu wichtigen politischen Ämtern. Wie ruhmreich diese sein werden, das wird später in den Geschichtsbüchern stehen.

Die Macht der erzählten Geschichten

Die Göttin ist also der Beweis dafür, dass Gesprochenes (und Geschriebenes) wahr werden kann. Insofern stellt sich die Frage, ob es wirklich in ihrem Interesse wäre, die Fake-News systematisch aus dem World Wide Web zu filtern.

Aber: Die Energie und Kraft dieser Göttin ist auch überall dort, wo man von Ideen erzählt, Wünsche ausspricht, Geschichten und Märchen erzählt. Das hat auch eine sehr gute Seite. Wenn etwas gesagt ist, dann ist es damit auch schon vorhanden.
Damit wird die Welt kreiert, damit kann das eigene Leben verändert werden.
Je bessere Geschichte ich erzähle, je freudvoller, konstruktiver, friedlicher ich meine Erzählungen hinaus in die Welt trage, desto positiver wird sich vieles zum Guten wenden können. Auch dabei hilft Fama / Pheme.
Damit ist sie gerade für Frauen eine interessante Göttin. Da sie alles – auch Zwischentöne – hört, viel von Erzähltem aufschnappt und sich ihren eigenen „Reim“ daraus macht, erhält sie die Kommunikation (geringschätzig als Klatsch und Tratsch bezeichnet) aufrecht und hilft auch dabei, Neues zu erfinden und Phantasiertes zu erschaffen.

Das ist Magie! Erzählend wirkt sie die Welt neu.

Mehr Informationen zu den erwähnten Göttinnen:

Ceres
Demeter
Eos
Fama
Gaia 
Hesperiden
Nike
Tellus Mater

Link zum erwähnten Presse-Artikel

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2 Antworten zu Göttin des Gerüchts soll Fake-News erkennen

  1. Rabin schreibt:

    Interessant und lässt mich gerade sehr daran denken, wie die eigenen Gedanken die Welt formen (für einen selber auf jeden Fall). Danke für die Vorstellung.

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