Gedanken zum Rassismus

Heute ist der Internationale Tag gegen Rassismus. Am 21. März 1960 demonstrierten rund 20.000 Menschen im südafrikanischen Sharpeville gegen das damalige Apartheid-Regime. 69 Demonstrierende wurden an diesem Tag von der Polizei erschossen, mindestens 180 weitere verletzt. 1966 ernannte die UNO den 21. März zum Internationalen Tag gegen Rassismus.
Mir wird ganz schwindlig, wenn ich mir im Web die unterschiedlichsten Definitionen zum Begriff „Rassismus“ durchlese.
Hier nur 3 von vielen:
Wikipedia schreibt: Rassismus ist eine Gesinnung oder Ideologie, nach der Menschen aufgrund weniger äußerlicher Merkmale – die eine gemeinsame Abstammung vermuten lassen – als sogenannte „Rasse“ kategorisiert und beurteilt werden.
Im Duden steht: (meist ideologischen Charakter tragende, zur Rechtfertigung von Rassendiskriminierung, Kolonialismus o. Ä. entwickelte) Lehre, Theorie, nach der Menschen bzw. Bevölkerungsgruppen mit bestimmten biologischen Merkmalen hinsichtlich ihrer kulturellen Leistungsfähigkeit anderen von Natur aus über- bzw. unterlegen sein sollen.
Das Polit-Lexikon für junge Leute meint: Rassismus bedeutet, dass man einer Gruppe von Menschen auf Grund bestimmter gemeinsamer Merkmale negative Eigenschaften zuschreibt.

Die pauschalen Zuschreibungen

Ich persönlich würde da noch einen Schritt weiter gehen: Warum nur negative Eigenschaften? Ich finde, dass alle Eigenschaften, die pauschal auf eine Menschengruppe angewandt werden, rassistisch sind. Alle Menschen in Afrika können gut tanzen, alle Deutschen sind ordnungsliebend, alle KärnterInnen können gut singen …
Warum denn das?

Für mich zählen die einzelnen Menschen, nicht irgendwelche konstruierten Menschengruppen, nicht Völker oder das Land, aus dem wer kommt, nicht die Hautfarbe oder die Religion – auch nicht das biologische Geschlecht, die sexuelle Orientierung, das Alter, die soziale Herkunft.
Rassistische Denkweisen hingegen behandeln Menschen nicht als Individuen, sondern als Angehörige einer Gruppe. Und Hand in Hand damit wird den Menschen der jeweiligen Gruppenzugehörigkeit unterstellt, dass ihnen allen gemeinsam unveränderliche Eigenschaften, Fähigkeiten oder Charakterzüge sind. Die eigene Gruppe wird dabei meist als höherwertig begriffen.

Warum brauchen wir Schubladen?

Und ja – ich nehme mich selbst ständig selbst an der Nase, wenn ich in solche Pauschalurteile verfalle. Denn auch ich ertappe mich immer wieder dabei, in die Falle zu tappen. Warum ist das so verlockend?
Unser Gehirn funktioniert so. Ganz grundsätzlich brauchen wir diese „Schubladen“, um zu überleben.
Wir können uns nicht bei jedem Impuls von außen auf’s Neue überlegen: Gut oder böse, gefährlich oder harmlos, freundlich oder feindlich. Wir müssen blitzschnell unser Umfeld einordnen. Je schneller wir dabei sind, desto mehr Kapazitäten bleiben uns für andere Denkvorgänge.
Nur so können wir auf mögliche Gefahren reagieren: Sehen wir aus dem Augenwinkel einen dunklen Schatten auf nächtlicher Straße, sammelt unser Gedächtnis, was es gelernt hat. In Sekundenbruchteilen rechnen die Nervenzellen Wahrscheinlichkeiten durch und aktivieren die zuständigen Areale.
Die moderne Hirnforschung hat auch ergeben, dass das menschliche Gehirn negative Stereotypen bevorzugt. Warum? Wir sieben ständig das heraus, was Gefahr bedeuten könnte, also legen auf negative Informationen viel mehr Wert.

Soweit so gut – oder überlebenswichtig.
Aber jetzt kommt’s:
Die ungefährlichen, harmlosen Dinge vergessen wir – unbedeutend.
Alles Gefahrenpotential wird gespeichert und breitet sich in unserem Gehirn gemütlich auf ähnliche Wahrnehmungsfehler aus – ein Aufmerksamkeitsphänomen, das wir mit dem Wort Vorurteile beschreiben.
Diese brennen sich ins Gehirn ein. Wir sind von etwas überzeugt. Die Falle, in die wir so leicht tappen: Vorurteile bestätigen sich. So stapeln wir im Laufe unseres Leben alles, was zu diesem Vorurteil passt, aufeinander. Weil wir ja – wie gesagt – negative Stereotypen bevorzugen. Erleben wir etwas, das dieses Vorurteil nicht bestätigt, dann blenden wir es aus.

Das fatale an diesen Vorurteilen ist noch dazu, dass das nicht einmal aus unserem eigenen Erfahrungsschatz stammen muss. Oft genug gehört oder gelesen, x-mal aus zweiter oder dritter Hand bestätigt, genügt, damit wir glauben, dass etwas so ist, wie wie es uns andere, vor allem die Medien weismachen.
Auf die Frage: „Welche Erfahrungen hast du persönlich mit ….“ gibt es oft keine schlüssige Antwort.

Zauberwort: Dekonstruktion

Bei Rassismus geht es nicht um die Angst vor dem, das uns fremd ist. Denn das ist ganz normal.
Es geht vielmehr um Pauschalurteile und daraus folgend um eine strukturelle Benachteiligung von all jenen, auf die diese Pauschalurteile zutreffen.

Das Zauberwort heißt: Dekonstruieren. Also ständiges kritisches Hinterfragen der eigenen Ansichten und Auflösen von Denkmustern, die einfach nicht der Realität entsprechen.
Das bringt auch uns persönlich was. Zum einen beugt das gut allen Arten von Demenzerkrankungen vor, denn es hält das Hirn frisch.
Zum anderen erweitern wir unsere Weltsicht und wir reduzieren uns nicht mehr auf das, was uns selbst eng macht.
Die zugegebener Maßen schwierige Übung dabei ist, permanent zu differenzieren:
„Was glaube ich?“ versus „Was ist die Tatsache?“
Und: Als nächsten Schritt die Gemeinsamkeiten suchen statt den Unterschiedlichkeiten.

Dazu gibt es diesen wunderbaren Video-Clip:

In einem Ö1-Beitrag habe ich vor kurzem gehört – und das hat mich selbst erstaunt – dass die allermeisten Menschen auf dieser Erde in jenem Land wohnen, in dem sie geboren sind. Nur 3,3 % der Weltbevölkerung lebt in einem anderen Land als im eigenen Geburtsland. Und wieder nur 8% von diesen 3,3% sind geflüchtete Menschen. Und da reden die Medien und die Politik von „Flüchtlings-Wellen“!
Die schwindelerregende Darstellung der Veränderungen der Grenzen innerhalb Europas innerhalb der letzten 1000 Jahre zeigt deutlich, wie blödsinnig es ist, in Ländern zu denken und Menschen, die in anderen Ländern leben, mit irgendwelchen Zuschreibungen zu versehen.

Und die Wissenschaft hat den Humbug angeblicher „völkischer Gen-Identitäten“ schon längst widerlegt: Alle heute lebenden 650 Millionen EuropäerInnen lassen sich auf nur sieben Stamm-Mütter zurückführen. Und woher kamen wiederum diese Stamm-Mütter? Wir alle haben eine Große Mutter, eine Urur… Urgroßmutter. Wir sind also alle irgendwie miteinander verwandt.

Rassismus beginnt mit dem „auserwählten Volk“

Ein wesentlicher Impuls für rassistisches Gedankengut liegt in den patriarchal-monotheistischen Religionen – oder sind mit diesen sehr eng verbunden.
Wenn in deren heiligen Bücher, wie z.B. in der Bibel, Sätze stehe wie:
„Höret diese Rede, die ER geredet hat über euch, Söhne Jissraels: Euch nur habe ich auserkannt von allen Sippen des Bodens“ (Amos 3, 1-2)
dann wird es klar, wo die Legitimation dafür liegt, dass die einen besser und die anderen minderwertiger sind.
Und in Amos 9,7 wird von höchster Stelle dann auch noch gleich gewarnt, dass die Söhne Israels nicht wie Mohrensöhne sein sollen.
In den Büchern Mose und besonders bei Josua ist nachlesbar, wie wie am Fließband eine „fremde“ Stadt nach der anderen zerstört und alle EinwohnerInnen dieser Städte ausnahms- und gnadenlos getötet wurden – das alles auf göttliches Geheiß.
In Josua 12 findet man eine lange vor Stolz triefende Liste von 31 Königen, die besiegt wurden und deren Land genommen wurde.

„Wenn Ihr gut auf mich hört und meinen Bund haltet, dann werdet Ihr mein liebstes Volks sein, denn mir gehört die ganze Welt. Ihr sollt ein Königreich der Priester und ein heiliges Volk sein.“ (Exodus 19,5)
Ja hallo! Und wir wundern uns noch echt über Rassismus.

Göttinnen-Mythen zeigen die gemeinsamen Menschheitsthemen

Auf meiner Homepage artedea.net sind Göttinnen aus rund 150 Ländern, Kontinenten, Kulturkreisen und indigenen Stämmen aufgelistet.
Mythologische Figuren, deren Mythen viel über die weibliche Urkraft erzählen.
Viele der Mythen behandeln erstaunlich ähnliche Themen, obwohl die Göttinnen auf ganz anderen Erdteilen zu finden sind und oft durch Jahrtausende voneinander getrennt sind.
Es wird damit so deutlich, dass wir alle, alle, alle, die wir auf dieser Erde leben und jemals gelebt haben, uns mit ähnlichen Dingen beschäftigen, uns den gleichen Anforderungen und Problemen zu stellen haben. Dass wir alle unser Leben so gut wie möglich gestalten wollen. Das eint uns doch!

In den vielen Mythen der Göttinnen, die ich bis jetzt erforscht habe – seien es ganz mütterlich-nährend-beschützende Göttinnen oder sehr unabhängig-freie oder auch ganz zornige – habe ich bisher keine einzige Geschichte gefunden, die darauf hinweist, dass eine Göttin „ihrem Volk“ die Anweisung gibt, andere „Völker“ schlecht zu behandeln, diese nieder zu metzeln und einzig diesem einen Volk das Land, die Erde zur Verfügung stellt.

Es gibt kriegerische Göttinnen, die „Dämonen“ besiegen, damit sind aber die eigenen schlechten Eigenschaften gemeint. Es gibt kämpferische Göttinnen, die Menschen dabei unterstützen, sich zu verteidigen, wenn ihr Land in kriegerischer Absicht überfallen wird. Es gibt Göttinnen, die Frauen zeigen, wie sie ihre eigenen Grenzen wahren und ihr Territorium (die Hoheit über ihren Raum, ihre Zeit, ihre Selbstbestimmung …) einnehmen oder verteidigen können.
Es gibt zerstörerische Göttinnen, die nach den Gesetzen der zyklischen Wandlung handeln: Bevor etwas Neues entstehen kann, muss etwas Altes zerstört oder beendet werden.
Aber bis jetzt ist mir in den vielen Göttinnen-Mythen niemals so etwas untergekommen, wie ein „auserwähltes Volk“.
Das gibt doch schon irgendwie zu denken. Oder?

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4 Antworten zu Gedanken zum Rassismus

  1. Ilanah schreibt:

    Danke dir für die klaren Worte!!

  2. Pingback: Alle ist relativ… | Das Leben - bunt wie ein Regenbogen

  3. Ilanah schreibt:

    Hat dies auf Das Leben – bunt wie ein Regenbogen rebloggt und kommentierte:
    Sehr gute Gedanken zum internationalen Tag gegen Rassismus.
    Es fängt alles in unserem eigenen Kopf an.

  4. sehr gute zusammenfassung:)) der begriff rassismus stammt übrigens von margaret mead, einr großen feministin: http://userwikis.fu-berlin.de/display/sozkultanthro/Mead,+Margaret

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