Pfingsten – das Fest der „Heiligen Geistin“

Als Kind hab ich mich gefragt, wer denn dieser „Heilige Geist“ sei. Und welche Funktion dieser hat. Ist das ein weißer Vogel, der überall herum fliegt und alles auskundschaftet oder vielleicht sowas, wie der Opa von Jesus?
Nun, nicht ganz, eher sowas, wie seine Oma – der weibliche Pol in der christlichen Dreifaltigkeit, die Heilige Geistin!

Eigentlich ist es schwer nachzuvollziehen, warum in nahezu allen Mythen, Religionen und Kulten der Schöpfungsakt, dieses Ur-Gebären entweder einer weiblichen Gottheit oder dem Zusammenwirken von einer weiblichen und einer männlichen Gottheit zugeschrieben wurde und just im Juden- und Christentum dies alles alleinige Männersache gewesen sein soll.

War es auch nicht, denn immerhin gibt es ja auch den „Heiligen Geist“ und unter diesem verstand man seit jeher eine göttliche Kraft mit eindeutig weiblichen Zügen. Personifiziert und verehrt als Sophia, die große Muttergöttin des Juden- und Christentums, welche der Welt das Licht brachte.

Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her …

Wenig beachtet findet sich in der hebräischen Bibel (AT, Tanach, Sprüche 8,22-31) eine interessante Darstellung der Schöpfung:

„Der HERR hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her. Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war. Als die Meere noch nicht waren, ward ich geboren, als die Quellen noch nicht waren, die von Wasser fließen. Ehe denn die Berge eingesenkt waren, vor den Hügeln ward ich geboren, als er die Erde noch nicht gemacht hatte noch die Fluren darauf noch die Schollen des Erdbodens. Als er die Himmel bereitete, war ich da, als er den Kreis zog über den Fluten der Tiefe, als er die Wolken droben mächtig machte, als er stark machte die Quellen der Tiefe, als er dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern, dass sie nicht überschreiten seinen Befehl; als er die Grundfesten der Erde legte, da war ich als sein Liebling bei ihm; ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit; ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern.“

Wer spricht hier? Ein Wesen, das auch immer wieder als „Frau Weisheit“ bezeichnet wird.

Gott schöpfte nicht alleine

Salomon beschreibt in diesem alttestamentarischen Buch der Sprichwörter (8,22-31) die Vorzüge der Weisheit so, wie wenn er von eine begehrenswerte junge Frau sprechen würde. Die Bibel ist hier geradezu sinnlich. Diese Stelle wird darum entweder oft verschwiegen oder etwas hölzern und steif interpretiert. Die Vorstellung einer Frau Weisheit, die vor Gott spielt und seine tägliche Lust ist – das geht vielen patriarchalen Kirchenvätern eindeutig zu weit.
Dennoch, diese Bibelstelle ist nicht wegzuleugnen und sie sagt zumindest aus, dass Gott, der Herr bereits von Anfang an, bevor er etwas schuf, eine andere, unterstützende Kraft hatte. Was noch nicht wirklich beweist, dass diese weiblich ist. Allerdings sind in diesem Zusammenhang zwei weitere Bibelstellen der Schöpfungsgeschichte (1.Mose 26, 27) sehr aufschlussreich: „Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei.“
Zu wen spricht er da? Er sagt nicht etwa: „Jetzt mach ich mal Menschen“ sondern: „Lasst uns Menschen machen.“
Okay, da kann man vielleicht noch annehmen, dass sich Gott etwas geschwollen ausgedrückt hat, oder dass die Übersetzung ungenau ist.

Aber dann: „Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, als Mann und Frau schuf er sie“.
Wenn also die Weisheit nur ein geschlechtsloser Urzustand, eine Kraft oder ein Geist – wenn auch ein heiliger – wäre und Gott männlich, woher käme dann die Idee, eine Frau zu schaffen?
All das macht klar, dass auch in diesen patriarchal anmutenden Religionen von Anbeginn eine weibliche Kraft, eine Göttin wirkte.
Man stelle sich also vor: Gott in Geselligkeit, Gott mit Sophia, jener Göttin, die die Weisheit repräsentiert, noch ehe alles begann. Zwei, die höchst spielerisch miteinander umgingen und die sich in ihrer lustvollen Schaffenskraft gegenseitig beflügeln. Er macht, sie liefert die Ideen und die Kraft.

Der ganze kosmische Ideenreichtum

Was für ein anderes Bild der biblischen Schöpfungsgeschichte. Sophia, die Frau Weisheit ist die Urkraft, der ganze kosmische Ideenreichtum. Sie manifestierte sich aus dem Absoluten, dem Urklang und ist als dynamische Energie während des gesamten Schöpfungsaktes die treibende, die weise, die kreative Kraft.
Vielleicht hüpfte sie fröhlich von Einfall zu Einfall: Warum nicht einen anmutig gekurvten Raum? Sie klatscht in die Hände: Warum nicht Myriaden pfiffiger Moleküle?
Sie summt ihr Lied: Warum nicht schleierwehende Wirbel, Gase?
Oder Materie, schwebend, fliegend, rotierend? Sie lächelt und träumt: Meere, Berge, Gräser, Kräuter, Bäume, Wesen, die krabbeln, fliegen, schwimmen – das wäre doch hübsch. Alles ist möglich in diesem Urzustand.
Sophia tanzt – leicht wie die Zeit – ihren kosmischen Tanz. Ihre Melodie ist der wilde Urknall, dem Wirbel, Bewegungen, Töne entsprangen, Räume, Zukünfte, erste Vergangenheiten. Sie erstreckt sich über das sich freudig ausdehnende All.

Die Feier der weiblichen Schöpfungskraft

So gesehen bekommt Pfingsten eine Bedeutung, die wenigen bewusst ist und die diesem wichtigen Fest des Christentums auch zustehen würde. Die der Feier der weiblichen Schöpfungskraft mit ihrem ganzen Ideenreichtum, der Weisheit, die von Beginn an da war.

Warum Sophia bald als Taube dargestellt wurde (dem Attribut der alten Muttergöttinnen) und dann zum sehr männlichen Sanctus Spiritus mutierte, ist hier nachzulesen: http://artedea.net/sophia-alttestamentarische-goettin-der-weisheit/

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