Tag des Lippenstift – verboten, begehrt und „Zauberstab der Emanzipation”

Heute, am 29. Juli, ist der Tag des Lippenstifts – ja den gibt’s wirklich!
Klingt irgendwie ein wenig banal, so als sollte er dazu anregen, sich einen neuen Lippenstift zu kaufen. Vielleicht ist das auch so.
Da ich mich aber in letzter Zeit im Zuge meines eWorkshops „Erlöste Schönheit“ ganz viel auch mit Sinn, Hintergrund, Magie und Geschichte der verschiedenen Mittel zur Verschönerung beschäftigte – hier einiges Erstaunliches zum Lippenstift, das vielleicht nicht so bekannt ist.

Gleich einmal vorweg: Warum schminken wir uns gerade die Lippen?
Der Mund ist eine der intimsten Körperöffnungen, zugleich aber immer sichtbar. Mit roten, vollen Lippen signalisieren Frauen eine gute Durchblutung und damit (erotische) Erregung. Auf natürliche Art errötete Lippen sind immer ein Hinweis auf eine ebenfalls gut durchblutete Vulva in ähnlichem Farbton. Die Betonung der Lippen mit der Farbe Rot setzt also eindeutige Zeichen! Das ist auch der Grund, warum sich Männer keine roten Lippen schminken! Denn ihre Erregung sieht anders aus.

Schönheitskult aus der Eiszeit

All das wussten möglicherweise schon unsere „Urmütter“. Denn der Lippenstift, eines der angeblich modernen Schönheitsrequisiten, geht bis auf die Eiszeit zurück. In vielen prähistorischen Höhlen sind Lippenstifte in handlichen Größen und in zugespitzter Form, ähnlich wie jene unserer Zeit aufgefunden worden.
Im Gebiet des südlichen Mesopotamiens verzierten schon vor 5.000 Jahren Frauen wie auch Männer ihre Lippen. Allerdings nicht mit einem Lippenstift, wie wir ihn heute kennen. Es wurden dafür Halbedelsteine zermahlen und aufgetragen.
Ein weiterer uralter Fund, der auf das Färben von Lippen hindeutet, stammt aus dem Jahr 3.500 v.u.Z.: Bei Ausgrabungen in der sumerischen Stadt Ur entdeckte man eine Art Lippensalbe.

Die Schminke der Königinnen

Es ist vielfach dokumentiert, dass die ägyptische Nofretete (um 1.350 v.u.Z.) sich ihren Mund rot schminkte. Sie demonstrierte mit rostroten Lippen ihren königlichen Status. Das gefärbte Wachs wurde in dünnen Schilfrohren aufbewahrt. Angeblich hat sie ihren weiblichen Untertanen verboten, ähnlich tiefes Rot auf ihre weniger blaublütigen Lippen aufzutragen. Scharlachrot und sattes Purpur waren denen vorbehalten, die laut Blutrecht ihre Lippen in der Farbe des Lebenssafts einfärben durften.

Auch vornehme Damen asiatischer Hochkulturen schätzten gefärbte Lippen zur Abgrenzung vom reispflückenden Bauernvolk. So war im antiken Japan das Schminken der Lippen eine Pflicht für hochgestellte Frauen. Sie benutzten eine Mischung aus Wachs, Honig und Pigmenten, die der Zusammensetzung der modernen Lippenstifte schon recht nahe kam.

Die englische Königin Elizabeth I. (1533 – 1603) bestrich ihre Lippen mit einer Mixtur aus Gummi arabicum, Feigenmilch, Eiweiß und zerstampften roten Cochinelleläusen. Ihre roten Lippen waren noch durch den Kontrast ihres stets weiß gepuderten Gesichts besonders betont.
Und eine ihrer Nachfolgerinnen am englischen Thron, Elizabeth II., bekam anlässlich ihrer Krönung im Jahre 1952 eine eigene Lippenstiftfarbe namens „The Balmoral Lipstick”, der in einem hellem Rot gehalten war.
Die russische Zarin Katharina die Große (1729 – 1796) hingegen verzichtete auf diverse färbende Pasten und griff zu „natürlicheren” Methoden, um sich Farbe ins Gesicht zu holen: „Saugt an meinen Lippen”, befahl sie ihren Hofdamen. Auch kleine Bisse nahm sie klaglos hin – wenn nur der Mund danach recht prächtig leuchtete.
Queen Victoria befürchtete einen Sittenverfall durch den Gebrauch von dekorativer Kosmetik und verbot um 1860 Schminke und insbesonders Lippenstift allen Frauen, die nicht auf der Bühne oder im Bordell auftraten.

Stylo d’Amour oder Wurst

Was für einen Skandal muss da die Präsentation des Prototyps des ersten modernen Lippenstifts gewesen sein, der unter dem klangvollen Namen „Stylo d’Amour“ auf der Weltausstellung in Amsterdam 1883 der Öffentlichkeit präsentiert wurde.
Der in Seidenpapier gewickelte Stift, der wegen seiner Form damals auch abfällig „sausage“ (engl.: Wurst) genannt wurde, war aus Rizinusöl (ein Produkt des afrikanischen „Wunderbaums“), Hirschtalg (Körperfett des Hirsches) und Bienenwachs hergestellt. Nur wenige Frauen konnten sich dieses Luxusgut leisten, denn dieser Lippenstift war nahezu unerschwinglich teuer.
Auch jene, die sich einen Lippenstift leisten konnten, trauten sich nicht, diesen zu benutzen. Dieser Stift galt nicht nur als Sünde, weil er die Lippen rot färbte, es war vor allem die Form, die an ein Phallussymbol erinnert, das – an den weiblichen Mund gehalten – als frivol und sündig galt.

Waffe der Frau und Emanzipations-Symbol

Die Frauenrechtlerinnen Elizabeth Cady Stanton und Charlotte Perkins Gilman erklärten den Lippenstift zu einem Symbol der Emanzipation. Sie trugen 1912 bei der Suffragetten-Demonstration in New York leuchtend rote Lippen als Zeichen, um für das Wahlrecht zu demonstrieren. Sich die Lippen anzumalen, was ja als sündhaft galt, das setzte eine gehörige Portion Selbstbewusstsein voraus.
Erst die französische Schauspielerin Sarah Bernhardt, eine Diva des späten 19. Jahrhunderts, machte den Lippenstift populär, als sie mit kirschrotem Mund auf der Bühne stand.

1939 kreierte Revlon den noch heute berühmten Klassiker „Revlon Red“.  Das trug u.a. dazu bei, dass die Kosmetikindustrie während des Krieges in den USA boomte. Mehr noch: Der Lippenstift wurde zur „Waffe der Frau“ gekürt, „Patriot Red“ und „Victory Red“ hießen die Farbtöne.
Ganz im Unterschied zu Deutschland in dieser Zeit: Hier verhängten nationalsozialistische Propagandaschriften einen Bann über den Lippenstift. Schminke war ganz allgemein verpönt. Das nicht nur aus moralischen Gründen, weil eine „anständige deutsche Frau” ungeschminkt sein sollte. Die wertvollen Rohstoffe (vor allem auch jene für die Metallhüllen von Lippenstiften) wurden für die Kriegsindustrie als Material eingesetzt.
Großbritannien ging hier einen anderen Weg: Während des Zweiten Weltkrieges war auch der britische Premierminister Winston Churchill gezwungen, viele Luxusgüter, wie Butter, Obst und Schokolade zu rationieren. Darunter fielen auch viele kosmetische Artikel – mit Ausnahme von Lippenstift. Churchill beschloss, Lippenstift-Sanktionen zu vermeiden, weil er davon überzeugt war, dass die roten Lippen von Frauen ganz allgemein die Moral und Widerstandsfähigkeit seines gesamten Volkes stärken.

Der Lippenstift-Index als Krisenindikator

Aktuelle Marktforschungsergebnisse zeigen: Über 80 Prozent aller europäischen und amerikanischen Frauen im Alter von 20 bis 60 Jahren benutzen heute einen Lippenstift.
Frauen, die sich regelmäßig die Lippen schminken, geben für Lippenstifte im Laufe ihres Lebens rund 1.500 Euro aus. Nicht alle Farbe bleibt davon auf den Lippen. Rund 3,5 Kilogramm davon landen in einem Frauenleben im Magen, weil wir diese schlucken.

Lippenstift ist nicht nur in der Kosmetik interessant, er dient auch als Krisenindikator. Anhand des Lippenstift-Index können Konjunkturverläufe und damit ein Boom oder eine Rezession rechtzeitig prognostiziert werden.
Der Chef des Kosmetikkonzerns Estée Lauder beobachtete nach den Terroranschlägen des 11. September 2001, dass der Lippenstift-Absatz stark anstieg. Danach war er davon überzeugt, dass der Kauf von Lippenstift eine Art Ersatzhandlung für den Konsum von wesentlich teureren Produkten sei und daher auf eine rezessive Periode hindeute.
Auch eine von Harvard durchgeführte Studie zeigt: 
Der Lippenstift-Umsatz erhöht sich in Zeiten der wirtschaftlichen Depression. So wurde während der Großen Depression der 1920-er Jahre um 25% mehr davon verkauft als davor und danach. Und auch in der globalen Rezession 2007 – 2008 konnten Kosmetikkonzerne höhere Umsätze mit Lippenstiften verzeichnen. Warum das so ist?
Es geht um den „kleinen Luxus“. Demnach geben Menschen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten eher Geld für kleinere Artikel wie eben für Lippenstifte aus, anstatt für teure Luxusgüter.
Man gönnt sich ja sonst nix!

Jung, gesund, sexuell erregt, mächtig oder gefährlich

Auch wenn es mittlerweile Lippenstifte in allen möglichen Farbtönen gibt, die klassische Lippenstiftfarbe ist ROT.

Dafür gibt es einige Erklärungen:

  1. Rote Lippen täuschen Jugendlichkeit vor: Die Lippen von Kindern und ganz jungen Menschen sind viel besser durchblutet als bei älteren Menschen.
  2. Rote, weiche, glänzende, füllige Lippen sind ein Zeichen guter Gesundheit. Im Gegensatz zu blassen, blutleeren, rauen, rissigen oder aufgesprungenen Lippen, die dem ganzen Gesicht ein krankes oder erschöpftes Aussehen geben. Und wer will schon etwas mit einem kranken Menschen zu tun haben?
    Also: Rote Lippen soll man küssen, blasse und blaue besser medizinischen untersuchen lassen.
  3. Rote Lippen täuschen sexuelle Erregung vor: Sind die Lippen besser durchblutet und damit röter und schwellen diese auch etwas an, dann können wir darauf schließen, dass sich auch die Vulva ähnlich verhält. Ein eindeutiges Signal, das Frauen mit dem Färben von Lippen aussenden, auch wenn sich viele dessen nicht bewusst sind.
  4. Rot ist darüber hinaus die Farbe der Macht, die früher nur Kaisern, höchsten Würdenträgern und Kardinälen vorbehalten war, als Rot in der Herstellung die teuerste Farbe war. Selbst der Papst trägt rote Schuhe – eine Tradition, die auf das Römische Reich zurückgeht, wo rote Fußbekleidung Macht symbolisierte und allein den höchsten Amtsträgern zustand.
    Rot steht immer auch für Gefahr – rote Ampel! Warum?
    Weil Blut rot ist. Und daher sehen wir, wie viele unsere frühesten Vorfahren buchstäblich „rot”, wenn Gefahr und Aggression droht, weil da sofort Blut fließen könnte.
    Wenn wir also das nächste Mal Lippenrot auftragen, dann vielleicht im Bewusstsein, wie mächtig und gefährlich wir damit wirken.

Lippenstift für die Würde

Im Buch „Ein Hauch von Lippenstift für die Würde“ von Henriette Schroeder berichtet die Journalistin Senka Kurtovic von ihren Erfahrungen im belagerten Sarajewo: „Sich schminken, sich gut zu kleiden war auch Schutz gegen das Grauen“.
Selbst Kolleginnen, die sich früher nie geschminkt hätten, seien während des Kriegs täglich mit Make-up ins Büro gekommen.
Wer sich gehen lässt, ergibt sich.
Fast immer verdächtig ist Schönheitspflege übrigens in totalitären Regimen.
Als Zeichen der Individualisierung gefährdet sie die verordnete Uniformierung.
So konnte im
China der Kulturrevolution der Besitz eines Puderdöschens eine Frau in Haft bringen.
In den Zellen der DDR-Gefängnisse gab es oft keine Spiegel und selten warmes Wasser, denn körperliche Verwahrlosung war Bestandteil der Strafe. Und doch brachten es Frauen dort fertig, sich täglich die Wimpern zu tuschen – ein subversiver Akt mit einer Mischung aus Schuhcreme und dem Ruß von Streichhölzern.
In jordanischen Flüchtlingslagern wurden heimlich Kosmetiksalons eingerichtet, in denen Frauen Hautpflege und Haarstyling anboten.
Und in sibirische Frauenlager wurden jede Menge Dessous geschmuggelt.

All das zeigt, mit welcher Hartnäckigkeit Frauen in Notsituationen die Kontrolle über ihr Aussehen verteidigen.
Gesichtswahrung im wahrsten Sinne des Wortes.

Daher widme ich ganz persönlich den Tag des Lippenstift allen diesen mutigen Frauen, die mit dem Lippenstift und anderen Schönheits-Attributen ein Zeichen gesetzt haben.

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Dieser Text ist ein Auszug aus dem 12 Module umfassenden  artedea-eWorkshop „Erlöste Schönheit“
In diesem eWorkshop gibt es noch viel mehr Aspekte und Betrachtungen zum Thema „Schönheit“ – Wissen und Informationen, über die alle Frauen verfügen sollten.
Ein Einstieg in diesen eWorkshop ist noch möglich.

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Bildquellen:
lipstick-791761_1920 / pixabay.com /kaboompics
Fotografie der Büste der Nofretete im Neuen Museum, Berlin / wikipedia.org / Philip Pikart
Elizabeth I (Armada Portrait) / wikipedia.org
lipstick-1531857_1920 / pixabay.com / MacMonkey

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