Vollmond der Willendorferin

Vollmond im August: In alten Bezeichnungen hieß er Getreidemond, Kornmond, Gerstenmond, Roter Mond, Blitzmond, Mond der reifenden Beeren.
Sommergewitter ziehen mit ihren starken und energischen Blitzen über das Land. Es wird das Getreide eingefahren und wir sind mitten in der Zeit der Ernte. Die indigenen Völker Nordamerikas nennen ihn Störmond, weil in den großen Seen diese Fische nun in großen Mengen gefangen werden können.
Für mich persönlich ist heuer dieser Vollmond der Mond der Willendorferin.
Denn heute vor 109 Jahren ist diese kleine weibliche Figur gefunden worden, bei Gleisbauarbeiten in Willendorf in der Wachau in Österreich. Diese Urmutter ist zwischen 25.000 und 35.000 Jahre alt und erzählt uns über diese vielen, vielen Generationen ihre Geschichte und damit jene von den Frauen, deren „Töchter“ wir sind, auf deren Schultern wir stehen.

Die Urmutter und ihre Schwestern

In ganz Europa wurden Figuren von Frauen aus dieser Zeit gefunden. Die Willendorferin gilt jedoch als die detailgenaueste und am besten erhaltene. Auffallend ist vor allem die sehr fein gearbeitete Ausführung der Figur, die aus Kalkstein mithilfe eines Feuersteinstichels gefertigt wurde, und die ursprünglich dick mit rotem Ocker bemalt war. Rötelreste belegen eine ursprünglich vorhandene Bemalung.
Was wenige wissen: Die Willendorferin hat auch zwei „Schwestern“. Die auf die Entdeckung der Willendorferin folgende Ausgrabung legte nämlich verschiedene Schichten frei, die bis zu 40.000 Jahre alt waren. Aus diesen Schichten wurden nicht nur Knochen und Steinwerkzeuge sondern auch zwei weitere weiblichen Statuetten geborgen, die allerdings erheblich schlechter ausgearbeitet sind.

Venus und die Südafrikanerin

Warum ich sie Willendorferin nenne und nicht „Venus von Willendorf“?
Die Gleisbauarbeiter haben der Figur, die schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts so gar nicht dem Schönheitsideal entsprach, scherzhaft den Namen „Venus“ gegeben.
Diese Bezeichnung hat sich erhalten, ist aber eher als Verhöhnung aufzufassen.

Zumal es auch eine hässliche Vorgeschichte des Venus-Begriffs in Archäologie gibt: Die 1815 verstorbene Südafrikanerin Sarah Baartman wurde aufgrund ihres ausladenden Körpers als „Vénus hottentote“ in Europa zur Schau gestellt und verhöhnt. Sie gehörte zum Stamm der Khoikhoi, in Europa besser bekannt unter dem Namen „Hottentotten“.
Interessant war es für die weißen europäischen Männer nicht nur, eine schwarze nackte Frau zu sehen, die ihre erotischen Phantasien beflügelte. Die Khoikhoi-Frauen fallen auch durch ein enorm ausgeprägtes Gesäß auf, es gibt auch das Gerücht, dass deren inneren Schamlippen ungewöhnlich ausgeprägt seien. Das Phänomen existiert freilich nur in der Phantasie europäischer Männer so.
Aufgrund ihres ausladenden Körpers wurde sie als „Vénus hottentote“ und verhöhnt. Als entwürdigenden Höhepunkt dürfen sich die Zuschauer durch Betatschen von der Echtheit des überdimensionalen Gesäßes überzeugen.
Die Erniedrigung ging auch nach ihrem Tod 1815 weiter: Nachdem von ihrem Körper ein Gipsabdruck angefertigt worden war, wurde er vermessen und seziert, Skelett, Gehirn und Geschlechtsteil konserviert. Der bemalte Gipsabdruck und das Skelett wurden im Muséum national d’histoire naturelle in Paris ausgestellt. Nach jahrelangem Insistieren von Nelson Mandela wurde ihr Skelett 2002 nach Südafrika gebracht und dort in einer großen Zeremonie beigesetzt. Der Gipsabdruck ihres Körpers ist heute immer noch im „Musée de l’Homme“ in Paris ausgestellt.
1894 stellte Archäologe Édouard Piette einen Bezug zwischen der „Hottentotten-Venus“ und eiszeitlichen Frauenfiguren wie jener der Willendorferin her.
Bei beiden glaubte der Rassist Piette, einen typischen „abnormen“ Körperbau feststellen zu können – angeblicher Beleg für die geistige und sittliche Rückständigkeit der „Urmenschen“.

In feministischen Kreisen und einer Ernst zu nehmenden archäologisch-wissenschaftlicher Sprache wird daher die Venus-Bezeichnung mittlerweile durch andere Bezeichnungen ersetzt. Die Figuren werden „Frau von …. “ oder „Urmutter von …. “ (Dolní Véstonice, Hohlefels, Lespugue, Laussel, Kostienki, Galgenberg etc.) genannt.

Oder einfach „Die Willendorferin“ genannt.

Auf ihren Fundort in der Wachau strahlt heute exakt um 20:10:37 der August-Vollmond. Und ich werde diesen nutzen, mein persönliches Willendorferin-Ritual zu machen – auch für Sarah Baartman und alle runden Frauen dieser Erde.

Mehr Informationen zur Willendorferin findet ihr HIER.

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Bildquelle Sarah Baartman: wikipedia.org

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Eine Antwort zu Vollmond der Willendorferin

  1. Heidrun Regina schreibt:

    Danke für diese Info. Das habe ich nicht gewusst. Ich war schon in Willendorf, an dem Platz… Friede für Sarah Baartmann und alle fülligen Frauen!

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