8. Dezember – Die Geschichte einer Ahnin, der Erbsünde und einer merkwürdigen Empfängnis

8. Dezember – was feiern wir denn da?
Maria im G’fängnis – wie eine meiner Freundinnen als Kind immer verstanden hat.
Nein natürlich nicht, sondern Mariä Empfängnis!
Aber auch das hat immer wieder ziemliches Stirnrunzeln verursacht.
Hui, da empfängt Maria am 8. Dezember und am 24. bringt sie ihren Sohn zur Welt, Turboschwangerschaft?
Natürlich ist das alles ganz anders, denn Maria empfängt nicht, sie wird empfangen nämlich von ihrer Mutter Anna, die sie dann zu Mariä Geburt am 8. September zur Welt bringt – also da stimmt dann die 9-Monatsrechnung wieder.

Ursilbe der Menschheit

Wenn auch die Zeitspanne der Schwangerschaft stimmt, war sonst alles anders rund um diese Empfängnis über alle Maßen merkwürdig und wundersam und damit hatte die Kirche über lange Zeit echt Probleme.
Also die Geschichte ist folgende: Anna und Joachim, die Eltern der Maria kommen in der Bibel ja gar nicht vor. Aber es gibt auch das sogenannte Protevangelium des Jakobus, eine frühchristliche Schrift, die aber nicht in den Kanon der biblischen Schriften aufgenommen wurde. Dieses erzählt ausführlich von der Herkunft Marias, der Mutter Jesu und auch deren Familie und ist damit eine der Quellen für die vielen Mythen und Legenden rund um Anna.
„An“ ist übrigens eine der sechs Ursilben der Menschheit und bezeichnet etwas verehrungswürdiges, uranfängliches Weibliches, deutsch: „Ahne“ = Altmutter, Vorfahrin. In syrischen Versionen des Jakobus-Evangeliums wird Anna übrigens Dinah genannt, was eine interessante Ähnlichkeit zu Diana (=Di-Ana) aufweist – der Göttin Ana.

Anna wurde nicht schwanger

Die Ehe von Anna und Joachim war nach 20 Jahren Ehe kinderlos geblieben.
Joachim –ein reicher und frommer Mann – spendete regelmäßig den Armen und dem Tempel. Doch dann wies ein Hohepriester seine Opfer mit der Begründung der Kinderlosigkeit zurück, was als Zeichen göttlicher Missgunst gewertet wurde.
Joachim zieht sich daraufhin in die Wüste zurück, wo er 40 Tage lang fastet und betet.
Es erschien ihm (und auch zeitgleich der in Jerusalem verweilenden Anna) ein Engel. Erwähnenswert erscheint, dass dem jüdischen Paar natürlich auch ein jüdischer Engel erscheint, denn das Christentum gab es noch einige Zeit nicht. Auf jeden Fall kündigte dieser Engel beiden die Geburt eines Kind an.

Die Erbsünde und die unbefleckte Empfängnis

Freudig kehrt Joachim nach Jerusalem zurück und umarmt Anna an der „Goldenen Pforte“, dem Eingang zum Tempel Jerusalems. Genau in dieser Umarmung soll Maria entstanden sein.
Später ist das als „unbefleckten Empfängnis“ in die Geschichte eingegangen. Was aber nicht mit der „Jungferngeburt“ zu verwechseln ist, mit der Maria später ihrem Sohn Jesus das Leben schenkte.
Warum und wie genau war diese Empfängnis unbefleckt?
Die große theologische Frage war: Gab es bei dieser „Umarmung“ Annas und Joachims einen Austausch von Körperflüssigkeiten oder nicht? (Man glaubt es ja kaum, womit sich die keuschen Kirchenherren so alles beschäftigen müssen …)
Also, um es präziser zu sagen: Ist mit der „Goldenen Pforte“ tatsächlich der Eingang zum Tempel Jerusalems gemeint oder jener zum „Tempel“ des göttlichen Körpers der Anna.

Warum das so überaus wichtig ist: In der offiziellen Auffassung der katholischen Kirche wird nämlich die Erbsünde durch den Sexualakt übertragen. Wenn also Maria frei von jeglicher Erbsünde ist, dann kann auch sie nicht durch sexuelle Interaktion gezeugt worden sein. (Das ist ganz nebenbei auch der Grund, warum sich die katholische Kirche so vehement gegen künstliche Befruchtung ausspricht, denn alle Kinder, die auf diesem Weg gezeugt sind, tragen nicht die Erbsünde in sich und wären damit Jesus-gleich).

Im Falle der Maria ging man lange davon aus, dass Anna „ohne die Tat eines Mannes“ empfing und daher so „rein wie ihre Tochter“ sei.
Was Anna den Status einer großen Göttin gibt, die aus sich selbst heraus schöpfen und gebären kann. Im Fall von Anna und Maria ist das noch eindeutiger als bei Maria und Jesus, weil rein biologisch bei einer parthenogenetischen Zeugung immer eine Tochter entsteht.

Diese „jungfräuliche“ Geburt durch die Anna ihre Tochter Maria zur Welt gebracht haben soll, wurde zuerst von der Kirche akzeptiert, weil damit die „Sündenlosigkeit“ Mariens gut erklärbar war. Doch später befanden die Kirchenväter, dass zwei jungfräuliche Geburten eine zuviel sei.
Da könnten ja vielleicht einige auf den Gedanken kommen, dass schon Maria (eine Frau!!!) die Erlösungs-Funktion innehaben könne (und nicht erst ihr „eingeborener Sohn“).
Verzwickte Geschichte!

Also musste Anna ihre Tochter Maria auf ganz normalem Wege empfangen und geboren haben. Aber was ist dann mit der Erbsünde, die ja automatisch beim Geschlechtsverkehr übertragen wird? Eine Frau mit Erbsünde kann ja später unmöglich den „Heiland“ zur Welt bringen.

Nach Jahrhunderte langer Diskussion rund um die „unbefleckte Empfängnis Mariens“  stellte Papst Pius IX. am 8. Dezember 1854 als Dogma, also als unumstößlichen Glaubenssatz, folgendes fest: Maria sei schon im allerersten Augenblick ihres Lebens bei ihrer Zeugung durch göttliche Gnade von der Erbsünde befreit worden. Deswegen spricht man auch seit Inkraft-Tretens dieses Dogmas von der „unbefleckten Empfängnis“ (lateinisch: immaculata conceptio), die am heutigen Annen-Tag, am „Ahnen-Tag“ gefeiert wird. Maria wurde also einfach schon im Augenblick ihrer Geburt zur Gottesgebärerin auserwählt, ob ihr das später gepasst hat oder nicht. Gefragt ist sie offenbar nicht geworden. Denn wie wir wissen, hat Erzengel Gabriel sie ja in seiner Verkündigung vor die vollendete Tatsache gestellt, dass sie schwanger ist, punktum! Gebärmaschine, Werkzeug Gottes, die reine Magd des Herren, was soll man schon von einer patriarchalen Religion erwarten?

Der 8. Dezember wird übrigens auch der „verhohlene Frauentag“ genannt, damit wird zum Ausdruck gebracht, dass Maria noch tief verborgen im Bauch ihrer Mutter Anna ist, erst einige Zellen groß – nicht viel mehr als eine „Ahnung“ im Mutterleib der großen „Ahnin“.

In alten vorchristlichen Traditionen war dieser Tag ganz wichtig, denn der 8. Dezember ist exakt 13 Tage vor der Wintersonnenwende. Es heißt, dass am 8. Dezember die Erde den ersten Impuls der Sonne empfängt, um ihr exakt nach 13 Tagen ein neues Leben zu schenken. 13 ist die magische Zahl, die in den Mondzyklen ein ganzes Jahr ausmachen.

Was übrigens noch sehr bemerkenswert ist: In den Überlieferungen und Legenden wird immer wieder darauf hingewiesen, wie wichtig Anna die Bildung ihrer Tochter Maria gewesen ist. So gibt es in der christlichen Kunst zahlreiche Darstellung, wo die Heilige Anna ihrer Tochter Maria das Lesen lehrt. Das lässt auf Anna in ihrer Funktion als Weisheitsgöttin schließen und wirft auch ein interessantes Bild auf Maria.
War sie diese „naive Magd Gottes“, die von nichts eine Ahnung hatte und völlig überrumpelt von ihrer Schwangerschaft war? Oder war sie eine hochgebildete Frau, die sehr wohl darauf vorbereitet war, eine wichtige historische Rolle einzunehmen?
Darüber können wir heute am Annen-Tag ein wenig nachdenken.

Mehr  Infos zu den erwähnten Göttinnen:
Anna
Diana
Maria

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Weitere Geschichten rund um den Advent, die Weihenächte sowie die Rauhnachtszeit finden sich in den artedea-eBooks:

Noch tiefer eintauchen in diese magische Zeit, die jetzt beginnt, könnt ihr in eWorkshop:
Mit Göttinnen durch die Rauhnächte

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Bildnachweis:
artedea.net

Heilige Anna, Maria das Lesen lehrend, Hinterglasbild, 41 x 34 cm; Italien um 1800, commons.wikimedia.org, Source: Dr. Fischer Kunstauktionen

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