Furzt eine Göttin?

Eine Ausstellung im Wiener Oberen Belvedere scheint diese Frage zu beantworten.
Ja, auch eine Göttin hat Darmblähungen, aber die Luft, die ihr dabei entweicht, duftet nach Weihrauch.
Die Herangehensweise ist interessant.
Wie menschlich sind Göttinnen und Götter?
Gerade den griechischen Gottheiten scheint ja nicht Menschliches fremd zu sein – mit den unzähligen Geschichten, die von Liebesdramen, Eifersucht, Neid, Missgunst, Leidenschaft,  Geltungssucht und Machtgebaren erzählen.
Die griechische Mythologie verlieh ihren Gottheiten Gestalt und Charakter der Menschen und hob vor allem deren Schwächen hervor.
Die griechischen Gottheiten der Antike waren die ersten, die ganz offensichtlich nach dem Bild des Menschen von sich selbst beschrieben wurden. Zuvor, in Ägypten, Sumer oder Babylon wurden Gottheiten eher als Urgewalten, als Schöpfungskräfte (Himmel und Erde, Wasser und Luft, Sonne, Mond, Gestirne) verstanden und hatten, vor allem in Ägypten, auch meist tierische Anteile.

Gottheiten nach Menschengestalt geformt

Nun aber, im antiken Griechenland, lassen sie sich in ihrer Gestalt von Menschen gar nicht mehr unterscheiden. Und sie verhalten sich auch wie Menschen. Sie unterscheiden sich allerdings von ihnen durch ihre Allwissenheit, Unsterblichkeit und ewige Jugend.

All das ist natürlich kein Zufall ist, sondern zeigt, dass die Menschen zu dieser Zeit, insbesondere damals in Griechenland sich ihrer eigenen Kraft und Macht bewusst zu werden begannen.
Also warum sollten Göttinnen neben menschlichen Eigenschaften nicht auch körperliche Vorgänge, wie eben jene der Verdauungsorgane haben.
Diesen Denkansatz in diesem Kunstprojekt finde ich interessant.

Die missgedeutete Göttin

Was mir aber gar nicht gefällt, ist wieder einmal die stereotype Zuschreibung der Hera und die sofortige Bezugnahme auf die männliche Gestalt des Zeus.
In der Ankündigung des Belvedere steht:
Geläufig ist sie uns als Gemahlin des Zeus, als Inbegriff von Herd und Familie oder betrogene Gattin.
Das entspricht aber ganz und gar nicht ihrem Wesen.
Zum einen ist die Figur der Hera wesentlich älter als Zeus. Lange bevor Zeus in Griechenland bekannt war, verehrten die Menschen in der Ägäis eine kuhäugige Himmelskönigin als oberste Gottheit, die sie Hera nannten. Sie ist ursprünglich eine kretische Göttin. Heraklion, die Hauptstadt Kretas ist ja auch nach ihr benannt.

Die griechische Welt bestand am Beginn ihrer Geschichte aus unzähligen voneinander isolierten Völkern. Viele davon waren matriarchal, wie das historische Kreta.
Patriarchale kriegerische Stämme und Völker forcierten die Waffenherstellung (in Kreta wurde aus Metall nur Schmuck hergestellt) und überfiel die anderen Völker gewaltsam. Damit wurden auch die Gottheiten und vor allem die Göttinnen usurpiert.

Die männlichen Götter der patriarchalen Stämme mussten hier die Oberherrschaft behalten. Man erkannte aber, dass es ohne große Muttergöttin nicht geht und daher wurden diese in Beziehung zu den männlichen Obergöttern gesetzt (meist durch eine Verheiratung).
Eines der bekanntesten Beispiele dafür ist Hera.
Ursprünglich hatte sie keinen Gefährten. Als aber die patriarchalischen Stämme über Griechenland hereinbrachen, brachten sie den Himmelsgott Zeus mit.
Da der Glauben an die Muttergottheit zu stark war, dass sie zerstört werden konnte, wurde eine Vernunftehe zwischen den beiden vorherrschenden Gottheiten geschmiedet.
Die Mythen erzählen, dass sie diese Ehe ganz und gar wollte und Zeus eine infame List anwendete, um sie dazu zu zwingen.

In die Geschichte eingegangen ist Hera vor allem durch ihre Eifersucht, mit der sie die zahllosen Liebschaften von Zeus verfolgte, die großteils Vergewaltigungsszenarien waren. Dies ging übrigens solange, bis sich Zeus zu seiner wahren sexuellen Orientierung bekannte, nachdem er sich in den schönen Jüngling Ganymed verliebte und diesen zu sich in den Olymp holte.
Mit ihrer kolportierten Eifer- und auch Rachsucht ist Hera eine der meist verkannten und missgedeuteten Göttinnen. Sie ist eine jener Göttinnen, denen das Patriarchat am meisten zugesetzt hat. Denn im Laufe der Jahrhunderte ist sie von der Großen Göttin, der Himmelskönigin, der paradiesischen Mutter zur eifersüchtigen, ihren Gemahl verfolgenden, zänkischen Furie erniedrigt worden.
Sie, die berauschend schön und ebenso mächtig war, wurde zum Heimchen am Herd degradiert, zur Frau, die voll und ganz in ihrer Ehe aufgeht und dabei ihre eigene Identität, Kraft und Ausstrahlung mehr und mehr verliert.
Sie ist die sprichwörtliche Frau, die hinter jedem erfolgreichen Mann steht. Dieser kann immer wieder auf seinen Eroberungsfeldzügen in die Welt hinaus ziehen. Daheim erwartet ihn die treusorgende, wenn auch oft etwas moralinsaure Ehefrau, bei der er Kraft und Geborgenheit tanken kann.
Hera soll besonders deshalb verehrt worden sein, weil sie viel Tugendhaftigkeit besaß. Auch das scheinen die griechischen Männern ihren Ehefrauen als Vorbild hingeknallt zu haben. Denn die alte vorolympische Hera ist als Göttin für ihre freudvolle Sinnlichkeit und manchmal auch ausschweifenden Sexualität bekannt.
Der neuen olympischen Hera wurde die Bedeutung genommen und ihre Wurzeln zerstört. So fiel auch ihre Rolle als Identifikationsfigur für die Frauen.

Sie musste sozusagen als neue Legitimation für die „anständige“ Lebensart der Frauen herhalten. Damit wurde sie ihrer Authentizität beraubt und zum Idealbild für die patriarchale Frau und Ehe umgewandelt.

Vertreterin des uralten Mutterrechts

Es ist zu vermuten, das die ständigen Streitereien zwischen Hera und Zeus die Reibung zwischen den frühen patriarchalen und matriarchalen Kulten widerspiegelt. Obwohl ihre Ehe unter den erwähnten Umständen zustande kam, ging sie selbstbewusst in dieselbe, besteht dabei auch auf ihre Rechte und scheut keine Konflikte.

Der zänkische Charakter kann auch als durchaus positiv gewertet werden.
Hera war nun einmal keine Göttin, die sich das Macho-Gehabe ihres Göttergatten gefallen ließ. Sie ist als eine Vertreterin des uralten Mutterrechts die Beschützerin der Familie, die im Matriarchat aus der Mutterlinie und all ihren Kindern und Kindeskinder bestand.

Gleichgültig, ob es sich nun um die alte kretische oder die neuere olympische Hera handelt. Sie ist die Göttin all jener Frauen, die mit ihr an altes matriarchales Mutterrecht anknüpfen wollen.
Hera lebt und lehrt die ganze – oft widersprüchlich scheinende – Weiblichkeit in all ihrer Schönheit, Hingabe, sexuellen Leidenschaft, Sprödheit und Selbstbestimmung.

So seltsam uns die olympische Hera auch anmuten mag, sie lässt sich nichts von ihrem Göttergatten gefallen und macht, obwohl sie die Ehe quasi aus Staatsräson aufrecht erhalten muss, ihr Ding.
Und wenn ihr etwas nicht passte, zeigte sie ihn offenbar auch ihr Hinterteil, wie wir es jetzt in der Ausstellung in Wien sehen können. Dies nicht als erotische Aufforderung, sondern als „furzende Göttin“ ganz eindeutig als Zeichen ihrer Missachtung.

 

Mehr Infos zu Hera

Mehr Infos zur Ausstellung im Oberen Belvedere in Wien

Hier ein kurzer Video-Clip zur Ausstellung

 

Bildquellen:
artedea.net
Hera Campana. Römische Kopie eines griechischen Originals (Louvre Paris) / de.wikipedia.org / Jastrow

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