Von der Grünen Neune und magischen Eiern

Na – heute schon Spinat gegessen?Angeblich hat dieser Gründonnerstag ja gar nichts mit der Farbe „grün“, sondern mit dem Mittelhochdeutschen Wort „grienen“ zu tun, was übersetzt „wimmern“, „weinen“ oder „klagen“ bedeutet. Möglich ist aber auch die sprachwissenschaftliche Erklärung, nach der tatsächlich die Farbe Grün, im Sinne von „frisch“ bzw. „neu“ der Ursprung für das GRÜN ist.
Denn lange bevor es christliche Osterfeste gegeben hat, war es Brauch, zu Frühlingsbeginn frische, grüne Kräuter bzw. traditionell grüne Speisen zu essen. Mit dem ersten jungen Grün des Jahres – so der alte Volksglaube – nimmt man den Frühling in sich auf. Das bringt nach dem langen Winter wieder frische Lebenskraft. Haben doch die ersten Frühlingswildkräuter einen besonders hohen Anteil an Mineralien und Vitaminen, die wir nach dem Winter wirklich nötig haben. So regen z.B. Gundelrebe, Brennnessel und Löwenzahn den Stoffwechsel an und helfen dem Körper bei seiner natürlichen Entgiftung.

Lebende grünen Zweige der Kirche

Die alten Bräuche und Rituale rund um den Frühlingsbeginn, an denen es eben auch grüne Speisen gab, mit denen wir Lebenskraft tanken, passten der Kirche so gar nicht ins Konzept. Und daher deutete man rund um den Frühlingsvollmond – also zu Ostern – einiges um, damit in der tristen und jammervollen Karwoche die Menschen ja nicht zu vital und lebensfroh werden. Daher wurde also das Grün auf grienen/weinen bezogen.
Allerdings wurde vom 14. bis zum 16. Jahrhundert auch im kirchlichen Sprachgebrauch Grün im Sinne von frisch, erneuert, sündenlos verwendet und auch für eine Erklärung für den Gründonnerstag herangezogen: An diesem Tag durften nämlich die öffentlichen Büßer wieder die Eucharistie, also das Abendmahl, mitfeiern. Diese Büßer hießen die „Grünen“, weil sie dank ihrer Buße seit Aschermittwoch wieder zu „lebenden grünen Zweigen“ der Kirche wurden.

All die christlichen Erklärungsversuche konnten das „Grüne“, das vor allem traditionell in den Speisen dieser Zeit im Jahr vorkommt, nicht verdrängen.
Wahrscheinlich kommt das Grün vor dem Donnerstag auch vom germa­nischen Wort „grōa“ (= wachsen, vgl. eng­lisch „grow” und is­län­disch „grōa” oder alt­hoch­deutsch „gruoan“).
Von diesem Verb ist auch das Farbwort grün in der Bedeutung wach­send, sprießend abgelei­tet.

In vielen Gegenden ist neben dem Spinat vor allem die klassische Gründonnerstags- oder 9-Kräutersuppe üblich.
Frauen gingen hinaus, um die ersten Wildkräuter zu sammeln und sie zu einer kräftigenden Suppe zu verkochen, die helfen soll, alte Schlacken auszuschwemmen, uns aus dem Winterschlaf zu wecken und auch Frühjahrsmüdigkeit gar nicht aufkommen lassen soll.

Warum gerade 9 Kräuter?

Dafür gibt es einige Erklärungen:
Die 9 ist die magische Zahl der Erneuerung.
Das Zahlwort „neun“ hängt mit der indogermanischen Sprachwurzel für „neu“ zusammen. Auch in der lateinischen Sprache sind diese Worte ähnlich: neu = novom, neun = novem.
Das wird verständlich, wenn man die alte Zählweise betrachtet: Früher hat man mit je vier Fingern einer Hand (also ohne Daumen) gezählt und bei der Neun „neu“ zu zählen angefangen.

Die Neun ist die höchste einstellige Zahl im Dezimalsystem und bereitet sozusagen auf die nächste Ebene, den „Quantensprung“ auf die 2-stelligen Zahlen – auf das andere, das Neue vor.

Vor allem aber ist NEUN 3×3. Und die 3 ist immer das Symbol der dreifachen Göttin (lange vor der christlichen Dreifaltigkeit), der weiblichen Kraft, die alle Lebensphasen umfasst. Und die dreifache DREI potenziert diese Energie nochmals.
Neun gilt daher die in vielen Kulturen auch als Zahl der Vollkommenheit.

Nicht nur in der 9-Kräutersuppe am Gründonnerstag oder zum Frühlingsvollmond ist diese Magie enthalten. Eine traditionelle Gewürzmischung für Lebkuchen im Advent ist das „Neunerlei Gewürz“. Und im Brauchtum des Erzgebirges gibt es das Neunerlei, ein traditionelles Heilig-Abend-Essen, das aus neun verschiedenen Gerichten zusammengesetzt ist.

Der „Nine Herbs Charm“, auch „Nine Worts Galdor“ (engl. für Neunkräutersegen oder -zauber) kommt im „Lacnunga“ einem Werk der altenglischen Dichtung aus dem 9. oder 10. Jahrhundert n.d.Z. vor. Dies ist eine Sammlung verschiedener altenglischer Texte, die Anweisungen zu Heilmethoden geben, von denen viele auf Zaubersprüche und Segen zurückgreifen. Während andere Werke der altenglischen Medizinalliteratur viele rational erklärbare Heilmethoden enthalten, stützt sich Lacnunga vorwiegend auf Magie als Heilmittel.

Was sind also nun diese neun Kräuter, die in die kraftvoll-magisch-frühlingsstärkende Neunkräuter-Suppe hineinkommen sollen?
Das kommt ganz auf die Region und natürlich auch auf die Witterung an, also davon, was zu dieser Zeit rund um den Frühlingsvollmond schon wächst, die Auswahl ist groß: Gundelrebe, Giersch, Guter Heinrich, Spitzwegerich, Gänseblümchen, Sauerampfer, Vogelmiere, Pimpinelle, Scharbockskraut, Brennnessel, Taubnessel, Schafgarbe, Bärlauch, Brunnenkresse, Knoblauchsrauke, Löwenzahn, junge Birkenblätter, behaartes Schaumkraut, Weidenröschen, Rauke, Melde und Labkraut.

Wer draußen nicht neun dieser Kräuter findet, kann sich auch mit Küchenkräuter wie Schnittlauch, Kerbel, Petersilie, Liebstöckel, Thymian, Salbei oder Dill behelfen.

Jeweils eine Handvoll der neun Kräuter ist ein gutes Maß, bei sehr intensiv schmeckenden Pflanzen wie Gundelrebe, Kerbel oder Liebstöckel kann es auch etwas weniger sein.
Vor der Zubereitung der Suppe wäscht man die Kräuter gut, tupft sie vorsichtig ab, dünstet Butter (gerne auch mit Zwiebeln und Knoblauch) in einer Kasserolle an. Mehl darüber streuen und bei milder Hitze hell anschwitzen. Gerne auch Sahne, Schmand oder Crème fraîche unterrühren und mit Salz, Pfeffer und Muskatnuss abschmecken. Hübsch ist es, kurz vor dem Servieren Gänseblümchen auf die Suppe streuen (diese wären dann das 9. Kraut).
Gibt man in der google-Suche das Stichwort „Neunkräutersuppe“ ein, bekommt man eine große Auswahl an schmackhaften Rezepten.

Ganz besonders magisch wird diese Suppe, wenn sie gemeinsam im Kreis der Familie oder FreundInnen gekocht wird. Dabei werden von allen, die die Kräuter gesammelt haben, diese in den Topf geworfen –  das jeweils mit einem magischen Wunsch, also z.B.:
„Ich gebe Bärlauch für die frische Kraft dazu,
ich werfe Birkenblätter für die luftige Leichtigkeit in den Topf,
ich streue Gänseblümchen für die Schönheit darüber …“

Und dann gemeinsam die kraftvoll-magische Frühlingssuppe genießen und sich damit die Frühlingskraft und die magischen Wünsche einverleiben.

Ach du Grüne Neune

Die Herkunft dieser Redensart ist umstritten. Wir kennen sie vor allem im Zusammenhang, wenn wir von etwas überrascht oder entsetzt sind. Angeblich kommt sie aus dem Kartenspiel: Im französischen Skatblatt war die Farbe Pik immer grün dargestellt, und die „Pik Neun“ also die „Grüne Neun“ galt als unheilvolle Karte, sie bedeutete nichts Gutes. Mit dieser Karte im Blatt, so heißt es, ist es nicht möglich, das Spiel zu gewinnen. Oder es ist sogar ein Omen für noch Schlimmeres. Andere Quellen besagen, diese Redewendung käme von dem berüchtigten Berliner Tanzlokal „Conventgarten“, das im 19. Jahrhundert bei der Bevölkerung ziemlich in Verruf geraten war. Es lag in der Blumenstraße Nr. 9. Der Haupteingang allerdings befand sich im „Grünen Weg“ und so wurde das Lokal irgendwann die „Grüne Neune“ genannt.

Am wahrscheinlichsten ist allerdings, dass dieser Ausruf des Erschreckens eine alte Beschwörungsformel ist, man ruft die Kraft der magischen Zahl Neun (dreifache Göttin x 3) sowie die Kraft der grünen Natur herbei, um Unheil abzuwehren.

Weibliches Ursymbol für Schutzmagie

Wenn das nichts nutzt, dann sind die sogenannten Antlasseier zu empfehlen: Das sind jene Eier, die exakt am Gründonnerstag von den Hennen gelegt werden, vielenorts werden sie auch grün gefärbt.
Das Wort „Antlass“ bedeutet Entlassung, Ablass oder Lossprechung.
Im Volksglauben spricht man diesen Segen bringende und Unheil abwehrende Kräfte zu und sie galten als Heil- und Glücksbringer.
Es gibt vielenorts den Brauch, dass beim Hausbau ein Antlass-Ei in das Fundament oder in die Grundmauer eingemauert wird, um das Haus vor Unheil wie Feuer usw. zu schützen. In der Nähe eines Gewässers vergraben, soll dieses Schutz vor Überschwemmungen oder Muren gewährleisten. Direkt unter dem First angebracht, dient es zur Abwehr von Blitz.
Ganz besonders amüsant ist, dass diese Antlasseier auch am Ostersonntag in der Kirche vom Pfarrer geweiht werden und ihnen tatsächlich große Kraft zugeschrieben wird.
Von all dem steht natürlich nichts in der Bibel, es ist aus christlich-religiöser Sicht der reinste Aberglaube. Offenbar vertraut man dem Ei, diesem weiblichen Ursymbol mehr (oder mindestens genauso viel) Kraft, Heilwirkung und Schutz wie dem Gekreuzigten und Auferstandenen …

Mehr zu den Bräuchen und Festen dieser Jahreszeit findet ihr im
artedea-eBook

Ostara – Frühlings-Tag-und-Nachtgleiche:
Die Rückkehr des Lebens 

 

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Bildquellen:
easter-2206609_1920 / pixabay.com / Einladung_zum_Essen
bears-garlic-2437087_1920 / pixabay.com / scym
Die Blatt-Neun im deutschen Spielkartenblatt / de.wikipedia.org / Poulpy
easter-nest-2164822_1920 / pixabay.com / annca

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