4. Dezember – der Tag der dunklen Urmutter

4. Dezember – Barbara-Tag: Eine dunkle Urmutter wird heute gefeiert.
In den Rauhnächten und auch in der Zeit davor, den sogenannten Sperr- und Dunkelnächte gab es früher eine ganze Reihe an Bräuchen, die oft mit Schutz oder mit Orakeln zu tun hatte. Vieles von diesem Brauchtum ist verloren gegangen, doch einiges ist überliefert und wird, zumindest in Fragmenten bis heute wahrgenommen. Einer davon ist das Schneiden und Aufstellen der sogenannten Barbara-Zweigen.
Mit ihnen verbunden ist der Orakel-Brauch, dass die Zweige bis Weihnachten erblühen sollen. Das ist ein gutes Zeichen, früher vielfach angewandt von jungen unverheirateten Frauen, die aus dem Erblühen herauslesen wollten, ob sich im kommenden Jahr ein Bräutigam einstellt.

Eine gute Gelegenheit, sich mit den Ursprüngen dieser christlich-katholischen Barbara zu beschäftigen. Diese liegt in der alten Muttergöttin Borbeth. Sie ist eine der Drei Bethen und stellt den dunklen, schwarzen Aspekt der Göttin dar, der vor allem im Winter seinen Platz hat. Einem Winter, dem der nächste Frühling mit Sicherheit folgt, das wird auch im hoffnungsfrohen Erblühen der Barbara-Zweige symbolisiert.
Borbeths Symbol ist der Turm als Zugang zur Anderswelt. Mit diesem wird sie auch von Bergleuten um Schutz ersucht. Und damit repräsentiert sie den Aspekt des bergenden wohligen Beschützens und des Heilens, den wärmenden Schoß der Erdmutter.

Das Orakel der erblühten Zweige

Die Kraft der alten Muttergöttinnen und der Glaube an sie war so stark, dass die Kirchenväter damit ihre liebe Not hatten. Daher wurden viele von ihnen in christliche Heilige umgewandelt und konnten nun unter größtenteils gleich gebliebenen Bräuchen weiter verehrt werden – nur halt nun im christlichen Kontext.
So auch bei Borbeth, die Kraft einer grauenhaften Martyriumsgeschichte in die Heilige Barbara umgewandelt wurde.
Es heißt in der (im übrigen durch keine historischen Beweise gesicherten) Barbara-Legende, dass diese eine sehr schöne junge Frau gewesen sein soll, die viele Verehrer hatte, diese aber alle ablehnte, weil sie „Heiden“ waren und sie ja heimlich bereits Christin geworden war. Da sie die von ihrem Vater vorgesehenen Brautwerber ablehnte, sperrte er sie in einem Turm. Das alte Symbol der Borbeth, das Geborgenheit und Schutz vermittelte, wurde so zum Gefängnis.
Erstaunlich ist, dass gerade sie, die Heiratsunwillige mit dem Erblühen der nach ihr benannten Zweige jungen Frauen das Zeichen geben solle, dass sich ein Bräutigam einstellen wird. Vielleicht sollten die Frauen das aber eher als Warnung deuten, die entsprechenden Männer und ihre eigene Motivation zu einer Eheschließung noch einmal genau zu überprüfen …
Barbara selbst hat ja den Märtyerinnen-Tod in Kauf genommen, anstatt zu heiraten.

Die Geschichte mit dem Zweig hat übrigens folgende Bewandtnis: Auf dem Weg zu ihrem Turmgefängnis soll sich ein dürrer Kirschbaumzweig im Kleid der Barbara verfangen haben. Diesen habe sie mit Wasser aus ihrem Krug versorgt. Am Tag ihrer Hinrichtung blühte der Zweig auf.
Im christlichen Sinn ein Zeichen für ein Leben nach dem Tod der Heiligen Barbara.
Im Sinne der zyklischen Kraft der Muttergöttin Borbeth ein Zeichen für die Wiederkehr des Lebens nach dem Winter.

Geborgenheit oder Gefängnis?

Damit kommen wir zur viel älteren und wohl auch interessanteren Figur der Borbeth:
Ihre Farbe ist Schwarz – wie die der Ruhe und Entspannung dienende Nacht, mit der bei den KeltInnen der neue Tag anfing!
Sie ist die passende Göttin für diese dunkle Zeit Anfang Dezember. Ihr Symbol ist ja nicht nur der Turm, sondern mit ihm auch alle Höhlen, Tunnel, der Untertag-Bergbau. Also alles, was sich im „Bauch der Erdmutter“ befindet. Das erinnert uns an den dunklen, samtigen, Geborgenheit spendenden Mutterleib, in dem wir selbst einmal waren.
Nicht von ungefähr finden wir in vielen Tunneln und bei der Einfahrt in Bergbau-Stollen ein Bildnis ihrer Nachfolgerin, der Heiligen Barbara. Selbst in Wien in der U-Bahn-Station Westbahnhof befindet sich eine kleine Barbara-Bronzestatue.

Jetzt ist die beste Zeit im Jahr, um sich nach innen zu orientieren, auf das eigene „Bauchgefühl“ zu achten, zur Ruhe zu kommen. Borbeth ist dabei eine freundliche, ruhige Begleiterin.
Eine wichtige Fragestellung liefert dabei das Symbol des Turms:
Was bedeutet das für mich?

  • Eine kuschelige, geschützte Höhle, in der ich mich jederzeit zurückziehen und die Außenwelt mit ihren Anforderungen draußen lassen kann.
  • Oder ein Gefängnis, aus dem ich mich nicht befreien kann, mich nicht traue, daraus auszubrechen.
  • Habe ich Angst, meinen sicheren Turm – symbolisch für meine Lebensmuster, Gewohnheiten, mein Denkschema – zu verlassen?
  • Habe ich dann keinen Schutz und würde ich mich bloßgestellt fühlen, ausgesetzt, verletzlich?
  • Worin liegt meine innere wie äußere Freiheit?
  • Und wie und wo finde ich Schutz und Geborgenheit?

Das alles sind Barbara-Borbeth-Themen.

Borbeth als die „Schwarzen Madonna“

In ihrem „dunklen Aspekt“ findet sich Borbeth auch in den diversen „Schwarzen Madonnen“ wieder, deren Farbe natürlich nicht, wie oft behauptet, vom Ruß der abgebrannten Opfer-Kerzen stammt. Oft haben diese so gar nichts, was üblicherweise Marienstatuen haben, also diese scheue und demütige Ausstrahlung.
Viel mehr werden sie als machtvolle, thronende Königinnen dargestellt. Vielfach auch mit Sonnenkrone, ein weiteres wesentliches Zeichen der Borbeth. Ihren Platz haben diese Schwarzen Madonnen meist – so ein Zufall aber auch – in der dunklen Höhle der Krypta unterhalb des Kirchenschiffs.
Der Begriff „Schwarzen Madonna“ bzw. die Deutung als solche wurde also oft dazu verwendet, um sie als Borbeth-Nachfolgerin zu legitimieren.
Gläubige mussten in früheren Zeiten, um zu ihr zu gelangen, betend (bethend) das Rund der Krypta umschreiten.
Damit empfand man das Dunkel nicht mehr als Angst einflößend sondern zunehmend als bergenden Mutterschoß, bis man schließlich nach Beendigung der Runde von der schützenden Mutter in Empfang genommen wird. Die Gotik jedoch verbot diese Pilgerrunde als zu heidnisch. In dieser Epoche beginnen dann auch die lieblichen, unschuldigen, blauummantelten Mädchenmadonnen die schwarzen Königinnen zu verdrängen.

Die „Fremde“

Ein weiteren Aspekt der Borbeth-Barbara ist noch bemerkenswert: Der Name Barbara bedeutet ja „Ausländerin, Fremde“. Das gibt diesem Barbara-Tag auch eine ganz besondere Bedeutung – in Zeiten wie diesen.
Eine Frau aus der Fremde, eine Schwarze, Dunkelhäutige. Eine „Barbarin“, die sich möglicherweise in unserer Welt nicht auskennt und an ihren alten Bräuchen festhält, weil ihr diese Schutz und Geborgenheit geben.
Eine, die sich nicht in die Maßstäbe dieser Welt pressen lässt. Und damit für uns auch so Furcht erregend ist, was Borbeth als Vertreterin der „Anderswelt“ auch durchaus sein kann.
Die Barbara-Legende ist hochaktuell: Auch wenn der Vater (stellvertretend für das patriarchale System) sie noch so sehr in seine Vorstellungswelt hineinpressen möchte, so hat er doch letztendlich keine Macht über sie. Er kann ihren Körper gefangen halten, doch nicht ihren Geist, der immer eigenständiger wird, je enger ihre äußere Welt wird.

Im Sinne der Borbeth weist dies „Fremdsein“ darauf hin, dass sie nicht dieser Welt angehört, also offenbar aus einer anderen Welt, der Anderswelt entstammt.
Einer Welt, in die auch wir uns begeben können – in unseren Träumen, Meditationen, Visionen. Ganz besonders gut geht das in dieser dunklen Dezember-Zeit.
Eine (Phantasie-)Reise in die Innenwelten der Borbeth und damit in unser eigenes Inneres ist eine ganz sicher eine wunderbare Art, diesen heutigen 4. Dezember zu feiern.

Hier gibt es noch ausführlichere Details zum Mythos der Borbeth/Barbara

 

Weitere Geschichten und Mythen rund um die stille Zeit im Dezember, die Wintersonnenwende,  sowie die Rauhnachtszeit findest du hier:

 

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Bildquellen

Borbeth: artedea.net
Barbarazweig: commons.wikimedia.org / Karl Gruber
Barbaraschrein im Eisenerzbergwerk: de.wikipedia.org / Wusel007
U3 Westbahnhof Kunst Statue: de.wikipedia.org / Gugerell

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