Kleine feministische Sprachkunde: Samen und Versöhnung

Vieles ist in unserem Sprachgebrauch so selbstverständlich, dass wir es einfach benutzen, ohne es zu hinterfragen. Und oft tappen wir dabei in patriarchale oder auch rassistische Fallen, die von uns gar nicht so gewollt sind.
Daher möchte ich mich in diesem Jahr in einer lockeren Reihenfolge mit Begriffen auseinandersetzen, die ich aus meinem Sprachgebrauch gestrichen habe und auch in feministischen Kontext nicht mehr benutzt werden.
Beginnen wir mit „Samen“ und „Versöhnung“:
Diese beiden Worte haben einen direkten Zusammenhang zum Wort „Sohn“.
Dieses stammt vom indoeuropäischen *seu – „fortpflanzen“ ab. Wie klar zu erkennen ist, liegt hier eine patriarchale Denkweise zugrunde, denn damit hat man(n) sich nur fortgepflanzt, wenn ein Sohn zur Welt gekommen ist, der dann als legitimer Nachfolger, „Stammhalter“ verstanden wird.
Bekommt man(n) eine Tochter, dann gilt das absurder Weise nicht als Fortpflanzung, denn sie trägt in diesem Weltbild ja nichts zur Weitererhaltung der Art, der Familie, Sippe, des Stammes bei.

Spermium ist nicht Samen

Diese veralterte Denkweise hatte auch einen Grund, und damit kommen wir zum Wort „Samen“, der auch mit *seu – „fortpflanzen“ zu tun hat.
In der Botanik ist es klar: Der Samen der Pflanzen enthält die Erbanlagen der weiblichen und der männlichen (Eltern-)Pflanzen, es kann direkt eine neue Pflanze daraus entstehen.
Bei Menschen und Tieren wird aber oft von Samen gesprochen, wenn Spermium gemeint ist, also nur der männliche Anteil an der Fortpflanzung.
Und das ist grundfalsch. Das kommt aus jener Zeit, in der vermutet wurde, dass der gesamte Mensch schon im männlichen „Samen“ angelegt ist und die Frauen, der weibliche Uterus nur den Nährboden bildet, damit ein Kind heranreifen kann.
Damit im Zusammenhang steht die Auffassung, dass das Kind nicht mit der Mutter verwandt ist, weil diese ihre Erbanlagen ja nicht weitergibt sondern nur eine Art „Brutkasten“ ist.
Dass es so nicht ist, wissen wir schon lange. Dennoch wird hartnäckig (auch in der Wissenschaft) das Wort Samen für Spermium verwendet.
Um es nochmals deutlich zu machen: Botanisch gesehen wäre das Spermium der (männliche) Pollen. Trifft dieser auf die Narben des Stempels (des weiblichen Fortpflanzungsorgans) pflanzlicher Blüten findet die Befruchtung statt und daraus entwickelt sich dann der Samen.
Ein Samen entspricht einer Eizelle, in der der Keim schon angelegt ist, also bereits eine Befruchtung stattgefunden hat. Der Samen enthält also die Erbanlagen beider Eltern, daher ist der der Begriff Samen für Spermium nicht korrekt.
Schön dazu auch der Mythos der Göttin Seia, der Beschützerin der Saat und des Samens.

Warum gibt es keine Vertöchterung?

Nun zum Begriff „Versöhnung“. Mich hat schon immer gewundert, dass es keine Vertöchterung gibt. Und das hat auch einen einleuchtenden Grund.
Auch hier ist die Sprachwurzel das schon bekannte *seu. Und das hat sich einerseits weiterentwickelt zu Samen und zu Sohn. Etymologisch verwandt, erlangt es in den Begriffen Sühne und Versöhnung dieselbe Bedeutung.

Es ist nicht verwunderlich, dass „Versöhnung“ ein so männlich geprägtes Wort ist. Krieg, Streit, Auseinandersetzung haben ihren Ursprung in Männlichkeitsgehabe, Machtstreben und Territorialkämpfen. Einst wie heute.
Wollte man(n) das beenden, dann musste man(n) sich „versöhnen“. Und damit auch „Sühne“ tun. Und damit befinden wir uns auch tief im Wesen patriarchaler Religionen, in denen „Schuld und Sühne“ wesentliches Glaubensfundament ist, um Menschen klein zu halten.
Wenn also eine Auseinandersetzung zwischen Männern (oft zwischen Vätern und Söhnen) beigelegt werden soll, dann ist möglicherweise tatsächlich eine „Versöhnung“ angesagt.
Das gilt aber keineswegs für Frauen!
In der feministischen Sprache hat sich daher für das, was einen Streit schlichtet oder beendet, das Wort „befrieden“ bewährt.
Das deutsche Wort Frieden ist ursprünglich altgermanischen und indogermanischen Ursprungs.
In dem Begriff vereinen sich „fridu“ und „priti-h o“ = „Freude“, „Befriedigung“, „Freundschaft“. Ebenso darin enthalten der Begriff „frei“, verwandt mit: „schützen, schonen, gern haben, lieben“.

Und bei „frei“ sind wir bei der Göttin Freya, die Erfreuende und die Freie Frau, die für Fruchtbarkeit und Frieden, für Liebe und Freude zuständig war.
Im übrigen setzt sich in matriarchal-feministischen Kreisen für Freude immer mehr die Schreibweise „Fräude“ durch. Eine Wortschöpfung von Dagmar Margotsdotter, um darauf hinzuweisen, dass Fräude mit Frau in direktem Zusammenhang steht.

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Mehr zu den erwähnten Göttinnen:
Freya
Seia

Mehr zur Dagmar Margotsdotter

 

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