Sprache – Wer hat’s erfunden? Feministische Sprachkunde – Teil 4

„Ein Mann – ein Wort, eine Frau – ein Wörterbuch“, so lautet ein alter dummer Spruch.
Na und? Hab ich mir schulterzuckend gedacht, als ich dies zum ersten Mal hörte. Das wissen wir doch ohnehin, dass Männer mitunter sehr wortkarg sein können und sich Frauen, z.B. wenn es um Beziehungsprobleme geht, oft den Mund fusselig reden, in der Hoffnung, dass Kommunikation etwas verändert.
Dieses „eine Wort“, dass im patriarchalen Eingottglauben ja offenbar „bei Gott“ war, habe ich im letzten Teil der feministischen Sprachkunde ja schon ausführlich beleuchtet.
Es war „bei“ (nicht von) Gott! Geschöpft aus der Stille und dem Urklang zweier Göttinnen.
Und aus diesem „Wort“ heraus hat sich die Sprache entwickelt. Und diese führt zurück auf eine lange Reihe der AhnInnen – bis zu den Wurzeln. In den Mythen oft bis zu einer Göttin, die die Sprache „erfunden“ oder den Menschen gebracht hat.
Nicht von ungefähr heißt es ja „Muttersprache“. Schon die ersten Laute von Neugeborenen trägt Spuren dieser Muttersprache, weil das Kind diese ja schon im Mutterleib gehört hat. So zeigt das Weinen von Neugeborenen, deren Mütter eine tonale Sprache wie Hochchinesisch oder Mandarin sprechen, eine deutlich stärkere melodische Variation, verglichen beispielsweise mit Neugeborenen, deren Mütter deutsch sprechen. (Eine Artikel zu einer interessanten Studie dazu gibt es HIER.)

Geschenk der Göttin

Dass die Sprache von einer Urgöttin kommt, davon war man rund um den Erdkreis – von China bis Indien, von Ägypten bis Südamerika, vom europäischen Norden bis Australien überzeugt:

  • So ist die japanische Benzaiten als Flussgöttin für alles Fließende zuständig und damit auch für die Wörter und die Sprache, die fließen soll.
  • Die römische Göttin Carmenta gilt als Erfinderin des Alphabets und damit der „Worte der Macht“. Sie verpackt die Sprache in Verse und Reime – damit werden Inhalte besser gemerkt und dadurch bekommt Sprache auch eine Zauberkraft.
  • Von der indischen Göttin Ida wird gesagt, dass sie die menschliche Sprache geschaffen hat. Sie ist damit die Göttin der Kommunikation, des Gebetes und der Weissagung bzw. Prophezeiung. Sie schuf damit alle Voraussetzungen für das geistige Leben und alle Zeremonien.
  • Der Mythos der ägyptischen Isis erzählt, dass sie neben vielen anderen Kulturtechniken den Menschen auch die Sprache brachte.
  • Nebst einer politische Organisation, den Gesetzen und der Ordnung gab die Inka-Göttin Mama Ocllo den Menschen auch die Sprache.
  • Bei den polynesischen Maori führt man die Sprache auf die Göttin Paoro zurück: Als die Göttin Arohirohi die erste Frau Marikoriko schuf, merkte diese, dass sie ihr zwar gut gelungen war, allerdings nicht sprechen und singen konnte. Also bat diese die Göttin Paoro, die für das Echo zuständig war, dieser ersten Frau eine Stimme zu geben. Seither können die Menschen sprechen und vor allem singen.
  • Die indische Sarasvati erfand zuerst Sprache (Sanskrit), dann die Poesie, die Musik und viele Lieder. Damit diese von ihr inspirierten Werke aufgezeichnet werden konnten, erfand sie die Schrift, ferner die Mathematik, den Kalender und die Magie. Man sagt, dass alle diese Gaben der Sarasvati magische Mitteln sind, mit denen man die Welt verändern, verzaubern, transformieren kann. So kommt durch ihre Worte alles in die Welt, was gerufen wird.
  • Der Name der nordischen Göttin Urd bedeutet schlicht und einfach „Wort“. Sie ist die Norne der Vergangenheit, wobei „Vergangenheit“ fast zu kurz gegriffen ist, denn Urd ist von Ur-(Ewigkeit) an da. Urd gilt als ist die Göttin des ersten Schöpfungsimpulses – und dieser wird in vielen Kulturen als das „Wort“ beschrieben. Dieses uranfängliche „Wort“ der Schicksalsgöttin Urd hat auch die letztendliche Gültigkeit. Es sollen sich daraus alle menschlichen Sprachen entwickelt haben.
  • Die indisch-vedische Göttin Vach ist die Personifizierung der Sprache und repräsentiert alles, was hinter der Sprache steht und mit ihr in Verbindung gebracht wird. Das Sanskritwort „vach“ ist mit dem griechischen Wort „logos“ gleichzusetzen. Beide bezeichnen nicht nur Wort und Rede sondern auch deren Gehalt und den Sinn, der hinter den Worten steckt.
    „Vach“ und „logos“ drücken damit auch das geistige Vermögen aus, das hinter dem Ausgesprochenen steht. Die Sprache ist also sozusagen das Gefährt der Gedanken, die durch sie ausgedrückt, manifestiert und so auch zur Realität werden: Vach verleiht Menschen Eloquenz und hilft ihnen, indem sie etwas ausdrücken können, auch ihre Gedanken und Gefühle umzusetzen.
  • Auch Warramurrungundjui, die australische Schöpfungsgöttin, gab den Menschen die Sprache.
  • Einer Legende nach ist die aztekische Göttin Xochiquetzal die Stifterin der menschlichen Sprache. Sie soll in Form eines Vogels vom „Baum des Himmels“ zu den Menschen herabgeflogen sein, um ihnen die Sprache zu schenken.

Schreibkunst – eine Gabe der Göttin und der Frauen

Und wenn es ein Wörter-BUCH gibt, das offenbar in dem eingangs erwähnten doofen Spruch, den Frauen zugeschrieben wird, dann bedeutet das ja auch, dass man des Schreibens und Lesens kundig sein muss.
Lesen ist natürlich viel mehr als das Entschlüsseln von Buchstaben. Und etwas geschliffen formuliert schreiben zu können ist der Schlüssel für individuelle Lebenschancen.
Schreiben und Lesen ist also über das rein Technische hinaus so wichtig, weil durch aktives Auseinandersetzen mit der Schrift Wortschatz, Sprachgebrauch und Konzentrationsfähigkeit gebildet und gefördert werden.

Und auch hier gibt es zahlreiche Mythen, die davon erzählen, wie eine Göttin den Menschen die Schrift gebracht hat. Das zeigt deutlich, dass die Schreibkunst eine Gabe ist, die Frauen – in Form von Göttinnen – zugeschrieben wurde.

  • So wurde in der sumerisch-babylonischen Geschichte Nisaba als Schutzgöttin aller Schriften und der Schreibkunst verehrt. Ihr Emblem ist ein Schreibgriffel und das Schreibrohr. In ihrer Funktion als Göttin der Schreibkunst wurde sie von den KeilschriftschreiberInnen angerufen.
  • Eine Bezeichnung der nordische Schicksalsgöttinnen Nornen ist „Die Schreiberinnen“. Sie enthüllten die Geheimnisse des Universums und schreiben diese in das Buch des Schicksals. Skuld, die Norne der Zukunft, hält in jeder Hand ein ungeöffnetes Buch oder eine zusammengerollte Schriftrolle. Sie trägt aber auch einen Schleier, denn sie verhüllt noch das, was in diesem Buch geschrieben steht und noch kommen wird.
  • Bei den griechischen Moiren wird Lachesis meist mit einer Schriftrolle dargestellt. Sie ist damit sozusagen eine Art „Protokollchefin“ über das Schicksal der Menschen.
  • In der nordischen Mythologie heißt es auch, die Göttin Idun hätte die Runenschrift erfunden. Sie verleiht als Hüterin der goldenen Äpfel ewige frühlingsgleiche Jugend und Unsterblichkeit. Die Schrift sei ein weiterer Weg zur Unsterblichkeit der Seele.
  • Im antiken Ägypten wachte die Katzengöttin Bast neben den Künsten wie Musik, Tanz auch über die Schriftstellerei.
  • In Japan ist Benzaiten die Göttin der Sprache und der Literatur.
    Interessant, dass gerade immer wieder Flussgöttinnen mit der Kunst des Schreibens in Verbindung gebracht werden. Als Göttin des nach ihr benannten Flusses Benzaiten beschützt sie alles Fließende – also auch die Wörter und die Sprache, die fließen soll, die Eloquenz, das Wissen, das nicht stillstehen darf sowie die Wellen und Schwingungen der Musik.
  • Das hat sie z.B. gemeinsam mit der irischen Göttin Boann, nach der der Fluss Boyne benannt ist. Im alten Irland zählten Poetinnen und Poeten auf ihre Gabe. Es heißt, wenn sie von Boann geküsst werden, dann verleiht sie damit die Quelle der Inspiration und gewährleistet einen guten Schreib-Fluss.

Da fehlen uns die Worte – Sterben die Sprachen aus?

Im übrigen: Weltweit werden derzeit knapp 6.000 Sprachen gesprochen. 90 Prozent dieser Sprachen sind vom Aussterben bedroht, der größte Teil von ihnen bereits im laufenden Jahrhundert. Der Unesco zufolge stirbt alle zwei Wochen eine Sprache aus. Und damit auch unwiederbringlich kulturelles und historisches Wissen.
Beispiele der jüngst ausgestorbenen Sprachen: Gugu Thaypan, eine Sprache australischer UreinwohnerInnen, sowie Wichita und Mandan, zwei indigene Ur-Sprachen am amerikanischen Kontinent. In Deutschland steht Niedersorbisch auf der roten Liste.

Die meistgesprochene Sprache der Welt ist Hochchinesisch (auch als Mandarin bezeichnet), die von über 850 Millionen Menschen als Muttersprache gesprochen wird, und die insgesamt 1215 Millionen Menschen beherrschen. Englisch auf Rang 2 wird in den nächsten 50 Jahren von Hindi/Urdu verdrängt.
105 Millionen Menschen haben Deutsch als Muttersprache.
Hingegen wird die Sprache „Arikapú“ von 6 Menschen im Amazonasgebiet gesprochen.
Und „Yuchi“ wird von 5 Angehörigen eines indigenen Stammes im US-Bundesstaat Oklahoma gesprochen.
Die allerkleinste Sprachgruppe findet man im hohen russischen Norden. „Ter Sami“ wird nur noch von zwei Menschen gesprochen.

Ein Trend, der zu denken gibt: Während zahlreiche lokale Sprachen aussterben, entstehen neue, speziell in den globalen Ballungsräumen. Wortstrukturen werden einfacher, Endungen verschwinden, Zeitwörter weggelassen, die Grammatik verflacht.

Wir alle sind SchöpferInnen dieser (neuen) Sprachen.
Darum ist es auch so wichtig, genau auf die persönlichen Sprachgewohnheiten zu achten und zu überprüfen, was wir da genau sagen und welche Hintergrund einzelne Wörter und Redewendungen haben. Darum geht es ja in dieser „Kleinen feministischen Sprachkunde“.

Das besondere an der deutschen Sprache ist übrigens ihr Wortreichtum. In allen Sprachen gibt es Wortbildungsmöglichkeiten, aber in keiner sind sie so reich ausgebildet wie im Deutschen. Das Grimmsche Wörterbuch beschreibt etwa 350.000 Wörter, im Wortschatz der Gegenwartssprache kommen hingegen mehr als fünf Millionen verschiedene Wörter vor, das vor allem durch die vielen Wortbildungsmöglichkeiten.

In unserer Muttersprache fühlen wir uns aufgehoben, mit ihr können wir am besten Emotionen ausdrücken. Sie leitet uns bei unseren Träumen – den Nachtträumen wie auch unseren Wünschen und Visionen.
In unserer Muttersprache können wir den richtigen Ton zu treffen, finden wir die passende Wortwahl – in den unterschiedlichsten Nuancen – bei Auseinandersetzungen, Verhandlungen und Liebesangelegenheiten.
Achten wir auf diese!

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Mehr Infos zu den erwähnten Göttinnen:

Arohirohi
Bast 

Benzaiten 
Boann
Carmenta
Ida
Idun
Isis 
Lachesis 
Mama Ocllo
Moiren
Nisaba 
Nornen 
Paoro
Sarasvati 
Skuld
Urd
Vach
Warramurrungundjui
Xochiquetzal

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