Mädchen und Missbrauch – Feministische Sprachkunde, Teil 5

Im Teil 5 der feministische Sprachkunde behandle ich zwei Wörter, die in ursächlichen Zusammenhang stehen: Mädchen und Missbrauch.
Ich frage mich schon lange: Warum werden vor allem junge Frauen ständig als „Mädchen“ bezeichnet?
Zu allen möglichen Anlässen und ganz besonders im Sport – unsere Schi-Mädels zum Beispiel.
Hey, das sind erwachsene Frauen! Kraftvolle Hochleistungssportlerinnen, g’standene Frauen.
Und warum bezeichnen auch wir Frauen andere Frauen immer wieder als „Mädchen“ – meine Mädels, meine Mädelsrunde u.s.w. Wir machen diese und uns selbst damit klein. Und – schlimmer noch – wir versachlichen uns!

Verkleinert und versächlicht

Jetzt scheinen wir ja endlich dieses unselige Wort „Fräulein“ hinter uns gelassen zu haben. Wie sehr hat mich das gestört: Da hatte ich als gut ausgebildete 27-Jährige mit immerhin schon einigen Jahren Berufserfahrung einen Job mit Managementfunktion und irgendwelche Typen haben sich erdreistet, mich mit Fräulein anzusprechen.
Warum? Weil ich ja nicht verheiratet war. Während der 16-Jährige im zweiten Lehrjahr ganz selbstverständlich mit „Herr“ (und nicht in eigentlich adäquater Form mit „Männlein“) angesprochen wurde.
Gut, also das Fräulein haben wir im Sprachgebrauch im letzten Jahrtausend gelassen.
Aber als Mädchen, Mädels ja sogar als „unsere Dirndln“ (vorzugsweise auch wieder beim Schisport: „unsere Schi-Dirndln“) kommt diese verkleinerte, versachlichte Bezeichnung für Frauen wieder bei der Hintertür rein.
Wer würde zu Top-Sportlern „unsere Buben“ sagen. Ja natürlich werden sie – vor allem in Österreich – als „Burschen“ bezeichnet. Doch zwischen Burschen und Mädchen liegt ein entscheidender Unterschied:
Zum einen hebt sich Bursch ganz deutlich von Bub ab, und verweist damit auf die Tatsache, dass dieser kein Kind mehr ist. Bei weiblichen Bezeichnungen gibt es diese Zwischenstufe nicht. Mädchen – das beginnt zum Zeitpunkt der Geburt bis …
Ja bis wann eigentlich? Bis eine Frau ein „altes Mädchen“ ist?
Zum anderen ist sowohl Bub (auch der Knabe, der Junge), wie auch Bursch eindeutig männlich – der Bub, der Bursch.
Mädchen und übrigens auch Fräulein ist sächlich (das Mädchen, das Fräulein) und eine Verkleinerungsform.
Wer würde zur Männer-National-Elf „unsere Bübchen“ sagen. Beim Frauenfussball sind das ganz selbstverständlich die „Mädchen“.
Und ein „Bürschchen“ (auf Wienerisch „Bürscherl“) – verkleinert und versächlicht – hat immer einen verächtlichen, abwertenden, ja anrüchigen Charakter. Und das „Männlein“ steht ja bekanntlich im Walde …
Bei Mädchen, Mädel, Mäderl, Fräulein ist der Diminutiv (lateinisch deminuere: „verringern, vermindern“, vgl. minus) ganz selbstverständlich, da denkt sich niemand was dabei.

Gebrauch impliziert Missbrauch

Was impliziert das Wort „Mädchen“ in seiner sächlichen Form? Eben, dass es eine „Sache“ ist.

Und eine Sache ist zu „gebrauchen“.
Und wenn etwas zu gebrauchen ist, dann liegt „missbrauchen“ auch schon ganz nahe.
Und da kommen wir zu einem nächsten sehr wichtigen Anliegen in der feministischen Sprache. Das Wort „Missbrauch“ ist, wenn es um sexuelle Übergriffe jeglicher Art geht, ein absolutes No-Go.

Denn es weist ja eigentlich nur darauf hin, dass es hier auch einen erlaubten „Gebrauch“ gibt. Man kann Geld missbräuchlich einsetzen oder Sachen zweckentfremdet oder nicht bestimmungsgemäß verwenden, wie z.B. Substanzen: Stichwort Medikamentenmissbrauch. Hier gibt es einen Gebrauch, eine Nutzung, die vorgesehen ist, alles was darüber hinaus geht, ist Missbrauch.
Natürlich ist es uns (hoffentlich) allen klar: Frauen (und Mädchen) dürfen nicht miss-braucht werden, ge-braucht aber auch nicht!

Im übrigen ist es noch gar nicht so lange her, da wurden im deutschen Sprachgebrauch Frauen (besonders junge) als „Ding“ bezeichnet: Dummes Ding, hübsches Ding, junges Ding …

Für mich ist aus geschilderten „Missbrauchs-Gründen“ mittlerweile auch das Wort „Mädchen“ für Kinder problematisch. Ganz einfach weil es sächlich ist. Und ein Kind ist keine Sache!

Rotkäppchen und Kore waren keine Kinder mehr

Kleines Gedankenexperiment: Woran denkst du bei Rotkäppchen, wie alt ist sie?
Die meisten, denen ich diese Frage gestellt habe, schätzen diese Märchenfigur auf ein Alter um die 6- 8 Jahre. Sie wird im Märchen auch als „Mädchen“ bezeichnet. Und umso schlimmer ist die sehr eindeutige „Verführung“ durch den Wolf.
Wer ein wenig zwischen den Zeilen liest, kann allerdings unschwer feststellen, dass es sich hier um eine pubertierende junge Frau handelt. Sie hat Kuchen und Wein unter ihrer Schürze (Schürze heißt es tatsächlich in der Originalfassung, wurde dann zu Körbchen umgewandelt). Beim Wein ist es klar, dass es Rotwein ist – ein Symbol für Menstruationsblut und der Kuchen ist immer der Hinweis, dass eine junge Frau fähig ist, Mutterkuchen zu bilden – unter ihrer „Schürze“.
Also wenn eine sich fortpflanzen kann, dann ist sie sicher kein Kind mehr.
Interessant sind die Illustrationen zu diesem Märchen. In frühen Fassungen von Märchenbücher, als das Märchen noch ein Mär war (und diese Geschichten für Erwachsene waren), wurde diese Gestalt eher als heranreifende junge Frau dargestellt. Später, als die Mär verniedlicht zum Märchen (für Kinder) wurde, wandelte sich die junge Frau auch in den Illustrationen immer mehr zum kindlichen kleinen Mädchen.

Im griechischen Mythos rund um Kore, die entführte Tochter der Göttin Demeter, wird diese auch immer wieder als Mädchen dargestellt bzw. aufgefasst. Die Übersetzung ihres Namens Kore ist ja „Kornmädchen“. Aber auch sie war zum Zeitpunkt der Entführung alles andere als ein Kind.  Sie wurde von ihrem Onkel, dem Gott Hades in die Unterwelt entführt, nachdem sie diesem von ihrem eigenen Vater Zeus als Gattin versprochen wurde.
Es gibt hier also nur zwei Varianten: Entweder es ging um eine „Kinderehe“ oder die Entführung fand zu jenem Zeitpunkt statt, an dem Kore geschlechtsreif wurde. Dafür spricht, dass sie nach ihrer Zeit in der Unterwelt als gereifte Frau Persephone wieder hervorkam.
Und psychologische Deutungen dieses Mythos sprechen auch davon, dass mit der „Unterwelt“ die gesamte Zeit der Pubertät vom Beginn der Geschlechtsreife bis zu dem Zeitpunkt, an dem ein Mensch erwachsen ist, gemeint ist. In dieser Zeit formt sich ein Mensch noch einmal ganz neu und das wird auch oft als tiefgründige, schwierige Phase erlebt.

Frauenbewusstsein durch Sprache

Ich gehe daher auch bei weiblichen Kindern immer mehr zur Form „Maid“ über – die Maid. Ein schönes altmodisches Wort, das im englischen „maiden“ ganz selbstverständlich ist. Die drei Lebensphasen von Frauen: Maiden – Mother – Crone.

Wir haben die Göttinnen-Konferenz ab der dritten Veranstaltung auch für weibliche Menschen im Alter von 8 – 14 geöffnet. Und wollten das Wort „Mädchen“ absichtlich vermeiden. Wie sollten wir sie also bezeichnen, damit allen klar ist, wer damit gemeint ist? „Weibliche Menschen im Alter von 8 – 14“ war uns zu sperrig.
Da wir immer ein Hauptthema hatten, das mit einem Element zu tun hatte, war die Lösung naheliegend: Es waren die „Töchter der Erde“ bzw. die „Töchter der Luft“. Das haben alle verstanden und es war bezaubernd und hat die jungen Frauen gestärkt und ihnen einen wichtigen Stellenwert im gesamten Gefüge der Göttinnen-Konferenz gegeben.
Es braucht einfach immer wieder ein wenig Kreativität, um die Sprache frauengerecht zu verändern.

Sprache prägt Bewusstsein, transportiert Werte und Normen und ist untrennbar mit der Identität verbunden.

Welche erwachsene Frau will allein durch die Tatsache, dass über sie in einer verkleinerten, verniedlichten, versächlichten Form gesprochen wird, gleich einmal weniger Ernst genommen werden?

Beobachten wir also ganz genau unser Sprache! Bewusst angewandt stärkt sie Frauenbewusstsein. Irgendwie dahin geplappert schwächt sie uns.

Das Phänomen, dass erwachsene Frauen Mädchen genannt werden, existiert übrigens nicht nur im Deutschen, sondern z.B. auch in der englischen Sprache.
Wunderbar auf den Punkt gebracht hat das Mayim Bialik in diesem Video-Clip und sie beschreibt auch, wie sie auf humorvolle Art alle die „women“ „girl“ nennen, darauf aufmerksam macht:

 

Mehr zu den erwähnten Göttinnen:
Demeter
Kore
Persephone

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Bildquellen:
artedea.net
Rotkäppchen, Illustration von Carl Offterdinger (19. Jh.) – de.wikipedia.org

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