Manspreading und wie Frauen ihren Platz (nicht) einnehmen – Feministische Sprachkunde, Teil 6

Frauen, es wird Zeit, dass wir unsere Arme weit ausbreiten und uns Raum verschaffen!
Dass wir große Kreise um uns ziehen und die Zeiten, in denen wir uns allein von unserer Körpersprache klein, schmal und unsichtbar gemacht haben, endgültig vorbei sind!
Neulich wieder einmal in der U-Bahn:
Zwei Männer sitzen breitbeinig da, einer telefoniert laut, der andere ihm gegenüber hat seinen Rucksack breit auf den Nebensitz gelegt. Eine Frau nimmt neben dem telefonierenden Mann Platz und faltet ihren Körper auf das kleinstmögliche Mindestmaß zusammen, verschlingt ihre Beine ineinander, zieht ihre Arme mit angewinkelten Ellenbogen an sich, hält ihr kleines Handtäschchen wie ein Schutzschild vor ihrer Brust. Sein Oberschenkel reicht weit auf ihren Platz und mit diesem will sie offenbar nicht in Berührung kommen.
Eine andere Frau stellt sich demonstrativ neben dem Rucksackmann. Der beachtet sie gar nicht, weil er ganz in sein Handy vertieft ist. Sie sagt nichts, sondern schaut nur vorwurfsvoll.

Wie äußern wir uns – nonverbal und verbal?

Dürfen Frauen Platz einnehmen? Und dürfen sie verbalisieren, dass ihnen Platz zusteht?
Ich sage laut: „Nehmen’S Ihren Rucksack vom Sitz, damit sich die Frau auch niedersetzen kann!“
Ich errege mit meinem lauten Tonfall Aufmerksamkeit bei den Mitfahrenden, viele schauen aus ihren Gratiszeitungen auf. Die laute Tonstärke des Telefonierers hat diese Reaktion nicht hervorgerufen.
Wenn eine Frau laut wird, dann scheint das immer noch bemerkenswert zu sein. Besonders, wenn sie eine klare Aufforderung ausspricht.
Und dafür habe ich schon ziemlich geübt.
Ich sage nicht: „Entschuldigen Sie, könnten Sie bitte ihren Rucksack runternehmen?“
Es gibt nämlich nichts zu entschuldigen, es braucht hier keine Möglichkeitsform und auch keine Frage und keine Höflichkeitsfloskeln. Weil der Typ ist auch nicht höflich.

Eineinhalb Sitze – das steht mir zu. Weil ich ein Mann bin!

Zugegeben, bei dem breitbeinig dasitzenden Typ ist mir auf die Schnelle auch nichts eingefallen, was ich sagen könnte.
Es gibt ja diesen weit im Netz herumgereichten Video-Clip, in dem die junge russische Feministin Anna Dovgalyuk breitbeinig dasitzenden Männer aus einer Flasche Wasser in den Schritt schüttet.

Jetzt hab ich gerade keine Wasserflasche dabei gehabt und ehrlich gesagt, würde ich mir das auch nicht trauen. Aber dass ich nicht einmal die Wort finde, um es anzusprechen, das hat mich schon beschäftigt.
Daheim angekommen, habe ich zu recherchieren begonnen. Und das Thema hat mich nicht mehr losgelassen.
Welche Signale senden wir mit unserem Körper aus?
Was im Verhalten von Männern und Frauen ist für uns immer noch selbstverständlich? Und warum eigentlich?

Es gibt Typen, die meinen, ihnen gehöre die Welt. Wie enorm dick ihre Eier sind, wollen sie allen überall zeigen – gerne auch in öffentlichen Verkehrsmitteln.
Dafür gibt es bereits ein „Fachwort“: Manspreading.
Seit August 2015 ist das Wort sogar im Online Oxford Dictionary enthalten.
In den Verkehrsbetrieben zahlreicher Städte wurden auf Grund von Beschwerden entsprechende Schilder angebracht.
Los Angeles und San Francisco verlangen seit 2016 100 US-Dollar Strafe von denen, die einen zweiten Sitz beanspruchen, obwohl sie zum Freigeben aufgefordert wurden.
In Madrid ist Manspreading in Omnibussen seit 2017 verboten. In Japan gab es bereits in den 1970er Jahren Kampagnen gegen Manspreading.

Männer tun sich mit der Balance schwer

Die Sticker gegen Manspreading in Madrid haben eine große Diskussion ausgelöst.
Die Reaktion vieler Männer:
Der Feminismus sei nun endgültig übergeschnappt.
Das liefert uns ein sehr typisches Beispiel dafür, wie Diskussionen um feministische Themen in der Öffentlichkeit geführt werden:
Zunächst gibt es einen Konflikt, der oft entlang von Geschlechtergrenzen zu verlaufen scheint.
Darauf weisen Feministinnen hin, Beobachterinnen und Beobachter sammeln Beispiele.
Was passiert dann? Es regt sich Widerstand mit Argumenten, die behaupten, die Verhaltensweise sei nicht so sehr sozialer Art, sondern biologisch begründet.
Im Falle von Manspreading wurde angeführt, dass bei Männern die Schultern so breit sind, dass sie sich aus Balancegründen unten ebenfalls verbreitern müssen, um nicht umzukippen.

Die Balance-Begründung ist übrigens nicht die hirnrissige Idee einiger Alphamännchen. Auf dem wirtschaftspolitischen Blog EconoMonitor wurde der Versuch einer wissenschaftlichen Analyse veröffentlicht, da heißt es allen Ernstes:
„Unserer multivariaten Analyse von anthropometrischen Parametern über mehrere Datensätze zufolge ist Manspreading eine adaptive Strategie, die Männer wegen angeborener morphologischer Eigenschaften anwenden. Der männliche Körperbau sei dafür verantwortlich, dass Männer breit sitzen. Weil bei Männern die Schultern wesentlich breiter seien als die Hüften, müssten sie spreizen, um die Balance zu halten.“

Ja eh! Besonders im Sitzen.
Da ist halt der aufrechte Gang auf zwei Beinen für manche offenbar noch ein bisschen schwierig. Ist ja noch nicht so lange her, dass wir auf allen Vieren gekrochen sind.
Das wäre genauso, als müssten Frauen, weil sie breitere Hüften haben, zum Ausgleich ständig ihre Arme flügelsgleich anheben.

Soziologisch, nicht biologisch!

Nur um es klar zu stellen: Es gibt keine geschlechtsspezifische Anatomie, die Männer dazu zwingt, breitbeinig zu sitzen. Was es jedoch sehr wohl gibt, ist ein anerzogenes Körpergefühl, das bereits Buben beibringt, sie könnten mehr Raum einnehmen als Mädchen.
In einer Studie beobachtete Ina Hunger, Professorin für Sportwissenschaft an der Universität Göttingen Kleinkinder beim Spielen und wie sie sich dabei bewegen. Das tun sie grundsätzlich erst mal gleich.
Doch Buben werde gesagt, sie können sichaustoben“ und somit mehr Platz einnehmen, während Mädchen eher auf einem kleinen, begrenzten Raum spielen würden.
Ich vermute, nicht weil sie das so wollen, sondern weil es dafür eindeutige Anweisungen oder Signale gibt.
Erst einmal angewöhnt und erlernt, wird vieles in der Körpersprache selbstverständlich. Bei uns selbst und bei anderen. Und wir haben ungeschriebene soziale Regeln, die bestimmten, was „sich gehört“ und was nicht. Sitzt ein Mann in der Öffentlichkeit breitbeinig da, stört uns das vielleicht, wenn unser eigener Raum dadurch eingeschränkt wird, gesellschaftlich ist das aber weitgehend akzeptiert. Die selbe Körperhaltung bei einer Frau vermittelt unweigerlich etwas Vulgäres.
„Sitz nicht so da, wie ein Marktweib“, habe ich noch in meiner Kindheit gehört, wenn ich nicht sittsam die Beine nebeneinander gestellt habe.

Manspreading ist also ein Symbol dafür, wie unterschiedlich sich Männer und Frauen in der Gesellschaft bewegen, wer wie viel Raum für sich in Anspruch nimmt.

Und wird höchste Zeit, dass Frauen Raum einnehmen.
Und das hat auch viel mit Sprache zu tun. Vor allem mit der Körpersprache.

Und um diese geht es in den nächsten Kapiteln meiner „Feministischen Sprachkunde“.
Ich habe dazu bewusst die kommende Woche gewählt, nicht weil das Thema so traurig ist und daher in die Karwoche passt. Die ist mir sowieso egal.
Viel mehr deshalb, weil ich dachte,  jetzt haben doch viele frei und daher Zeit, sich mit den Unterschiede zwischen weiblicher und männlicher Körpersprache näher auseinander zu setzen.
Ich lade euch ein: Folgt mir auf eine spannende Entdeckungsreise.
Morgen gehts los!

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Bildquellen:
artedea.net – Göttin Antheia
Manspreading, hier in der Stockholmer U-Bahn/de.wikipedia.org/Peter Isotalo
Verbotsschild Manspreading – EMTmadrid
pokemon-1553995_1920/pixabay.com/natureaddict

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