Wie spricht unser Körper? Und ist es auch das, was wir sagen wollen?

Body-Talk! Wie geht dieser auf weiblich, wie auf männlich?
Welche Signale senden wir aus?
Wie werden diese verstanden?
Was ist in unserer Gesellschaft erlaubt und anerkannt? Was sind immer noch die Tabus?
Wie breit dürfen Frauen sich machen?
Ab wann wirkt ein Mann lächerlich und unmännlich?
Auch die Körpersprache unterliegt dem Zeitgeist.
Ich persönlich habe mir gedacht, dass ich sicherlich keinen althergebrachten Klischees unterliege, wie eine Frau sich zu bewegen, zu schauen, zu sitzen, zu lachen oder zu gehen hat. Irrtum!
Mein Körper spricht immer noch eine andere Sprache. Und ich finde es wichtig, diese zu entdecken, zu dechiffrieren und zu ändern, wenn es notwendig ist. Und das ist es oft!

93 % nonverbale Signale

Gleich vorweg: Für alle Beispiele, die ich in dieser Serie über Körpersprache anführe, gibt es zahlreiche Gegenbeispiele von Frauen wie Männern, die so nicht agieren.
Doch Studien zu nonverbaler Kommunikation zeigen sehr deutlich die üblichen Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Signalen sowie Verhaltensweisen auf.
Weiters merke ich an, dass es hier vor allem um die typische Ausprägung der Körpersprache im mitteleuropäischen Kulturkreis geht, denn Körpersprache ist kein universelles Verständigungsmittel. Andere Länder – andere nonverbale Signale.

Die Körpersprache umfasst viele Bereiche, wie z.B. Körperhaltung, räumliches (Territorial-)Verhalten, Mimik, Gestik, Kopfbewegungen, Stimme, Sprechgeschwindigkeit und Lautstärke.
Zu 93 % kommunizieren wir Menschen über unsere nonverbalen Signale.
Es gibt zahlreiche Studien, die den Unterschied zwischen weiblicher und männlicher Körpersprache untersuchen.
Generell kommt dabei immer heraus: Ein Großteil der Männer nimmt ganz selbstverständlich Raum ein, bei jeder Gelegenheit, in der U-Bahn, wie im Besprechungszimmer, auf einer Party oder daheim im Wohnzimmer.
Frauen tendieren dazu, sich zu beschränken und mit einem kleineren persönlichen Umfeld auszukommen.
Ganz klar: Bei Männern geht es um Dominanzgebärden und Imponiergehabe.
Auch wenn es ihnen vielleicht gar nicht bewusst ist: Dieses Raum-Einnehmen bewerkstelligen Männer in unterschiedlicher Art und Weise.

Wie schaut Mann, wie schaut Frau?

Es beginnt mit dem Blick: Kommen Männer in einen Raum, in dem sich mehrere Menschen aufhalten, lassen sie gleich einmal ihren Blick schweifen und beginnen zumeist sofort damit, den Raum, der sie umgibt zu kontrollieren. Und das mit ernster Miene.
Warum tun sie das? Es geht klar um „Revier markieren“ und darum, die eigene Position darin abzuchecken, um diese in weiterer Folge zu behaupten.
Frauen neigen beim Betreten eines Raumes eher dazu, den Blick erst einmal zu senken. Denn das Zeigen von unverholenem Interesse oder gar Dominanzgehabe wird Frauen schon im Kindesalter meist abtrainiert.
Zudem wird ein offener, spähender, suchender Frauenblick vor allem von Männern als Herausforderung oder Anmache interpretiert.
Ein zu früher Blickkontakt wäre daher für viele Frauen befremdend und unbehaglich.
Erst wenn eine Frau einen sozial hohen Status hat, betritt sie mit offenem Blick ein für sie neues Terrain. Angela Merkel oder Theresa May tun dies und zeigen damit Stärke.

Nutzen Frauen ihren Blick als emotionales Kommunikationsmittel, so setzen Männer diesen viel häufiger als Droh- und Machtmittel zur hierarchischen Strukturierung der Beziehung ein.
Sie schauen anderen direkt in die Augen, mit stechendem Blick, zusammengekniffenen Augen, scharf, fokussiert, starr. Sehr selten mit staunend-naivem Blick oder ängstlich aufgerissenen Augen.
Frauen wenden viel schneller den Blick ab oder senken die Augenlider.

Zudem kommt, dass Männern ein viel breiteres Spektrum an Blicken zugestanden wird als Frauen.
Bei Männern ist es sozial viel mehr akzeptiert, dass sie ironisch, spöttisch, gönnerhaft, abwertend schauen.
Wir sind das in unserem eher Alltag gewohnt. Auch wenn wir uns dabei nicht wohl fühlen, denken wir uns meist nicht dabei, dass so ein Blick eigentlich tabu sein sollte.
Gönnerhafte, herablassende, verächtliche oder gar abwertende Blicke gesteht die Gesellschaft Frauen hingegen immer noch nicht wirklich zu.
Vielleicht auch deshalb, weil wir gewohnt sind, dass Frauen eher freundlich schauen und ein „böser Blick“ dann aber schon ein echtes Warnsignal ist.

Standpunkt oder Standfläche

Männer nehmen meist eine entspannte und den Raum einnehmende Haltung des Körpers ein.
Dies äußert sich vor allem in einem breitbeinigen festen Stand.
Damit zeigt ein Mann gleich einmal, wieviel Bodenhaftung er hat und damit auch seine Argumente.
Variante: Breitbeinig-lässig, ein Bein ist etwas vorgeschoben. Aus dieser Spielbein-Standbein-Position kann man schneller laufen, springen, kämpfen. Unterstrichen wird dieses Raum-Einnehmen oft mit in die Hüften gestemmte Hände und weit abgewinkelten Ellenbogen.

Frauen hingegen haben eine eher schmale, oft auch schräge, vielfach verbogene oder abgeknickte, eine zusammengezogene, manchmal geradezu schlangenartig verwundene Körperhaltung.
Sie belasten oft nur eine Hüfte.
Ihr Stand ist damit insgesamt unsicher und instabil.
Die Beine stehen entweder eng und „sittsam“ parallel und eng nebeneinander. Oder ein Bein wird oft ein wenig hinter das andere geschoben. Das Spielbein wird nicht, wie beim Mann, stabilisierend eingesetzt oder entspannt locker gehalten, sondern in der Regel in zierender Art leicht angehoben und das Knie dabei nach innen geknickt.

Aus dieser verhaltenen Position ist ein schneller Angriff rein körperlich nicht möglich.
Auch wenn wir nicht schnell wegrennen oder kämpfen müssen, dies signalisiert auf nonverbaler Ebene auch Zurückhaltung, was verbale Angriffe anlangt.
Frauen halten ihre Arme oft dicht am Körper. Umschlingen diesen oft in einer Art Schutzhaltung, oder positionieren sie in unterschiedlicher Art vor ihrem Körper.
Diese zusammengezogene Arm- und Handhaltung nehmen sogar sehr mächtige Frauen – siehe „Merkel-Raute“.
Dazu ein Foto der deutschen Kanzlerin mit dem britischen Premierminister David Cameron.
Die unterschiedliche Körperhaltung der beiden spricht Bände!

Nehmen Sie Platz (ein)

Wenn Männer beim Sitzen die Beine übereinander schlagen, dann meist in einer weiten Haltung, ein Knie weit abgewinkelt, ein Fuß ruht auf dem Knie des anderen Beines.
Dazu „plustern“ sie sich gerne auf, indem sie ihre Hände selbstbewusst und zufrieden hinter dem Kopf verschränken.
So eine Körperhaltung sieht man bei Frauen selten, eigentlich nur dann, wenn sie in einem sehr vertrauten Umfeld sind.
Männer hingegen sitzen bei jeder x-beliebigen Geschäftsbesprechung, in der Sauna oder im öffentlichen Raum so da.

Wenn Frauen ihre Beine übereinander schlagen, tun sie das üblicherweise in einer ganz anderen Art und Weise.
Sie halten ihre Unterschenkel ganz eng beieinander, oft verschlingen sie diese noch, ein Bein windet sich richtiggehend um das andere, Knie zusammen.
Vielfach nehmen Frauen auch nicht einmal die ganze Sitzfläche in Anspruch, sondern sitzen auf der Stuhlkante.
Das kommt Männern selten in den Sinn.

Gibt es Armlehnen, dann nutzen diese Männer gerne und oft, denn damit machen sie sich noch breiter und größer.
Im Kino oder Theater oft gerne auch einmal beide links und rechts, obwohl ihnen ja nur eine zusteht, während die Frau am Nebensitz „sittlich“ ihre Hände im Schoß faltet.
Ich tue das übrigens schon lange nicht mehr! „Herr Nachbar, einigen wir uns darauf, dass uns die jeweils rechte Stuhllehne zusteht. Ja! Vielen Dank!“
Einer ist sogar einmal aufgestanden und hat sich ein paar Reihen vor mir einen anderen Platz gesucht. Neben so einer wir mir wollte er offenbar nicht den ganzen Film lang sitzen. Auch gut, hatte ich einen feinen Platz für meine Handtasche.

Die Unterschiede im „aufrechten Gang“

Frauen haben einen anderen Gang als Männer und das hat nicht nur mit den Schuhen, dem Körperbau oder der Beinlänge zu tun. Versuche haben ergeben, dass wir erkennen, ob die Person, die vor uns geht, männlich oder weiblich ist, auch wenn beide exakt dieselbe Kleidung tragen und in etwa gleich groß sind.
Ich habe da selbst ein Experiment auf einem großer Platz eines Einkaufszentrums gemacht.
Beobachtet habe ich dabei nur Menschen, die Sportschuhe anhatten. Damit es wenigstens hier „Chancengleichheit“ gibt.
Es stellte sich heraus. Auch bei Gehen nehmen Männer mehr Raum ein. Schon allein, indem sie viel häufiger den Platz direkt in der Diagonale überquerten. Während Frauen eher an den Wänden entlang gehen.
Der Gang der Männer ist breitbeiniger, die Ellenbogen werden herausgestellt, die Arme schwingen weiter.
Viele haben ihre Blicke in die Ferne gerichtet, hin zum „weiten Horizont“.
Bei einigen hat mich all das ein wenig an Helden im Westernklassiker erinnert.
Frauen hingegen zeigen sich auch beim Gehen schmal, die Ellenbogen nah am Körper, oft an die Handtasche geklammert. Der Blick ist auch hier eher gesenkt.
Verstärkt wird das alles natürlich noch, wenn Frauen einen Rock und Schuhe mit hohen Absätzen tragen.
Gehen mit großen ausgreifenden Schritten lasst uns erkennen, dass hier jemand gut motiviert und erfolgsorientiert sein Ziel ansteuert und sich momentan nicht stoppen und vom gerade aktuellen Vorhaben abbringen lässt.
Aus der Gangart mit kleinen Schritten wie es z.B. mit schmalen Röcke nur möglich ist, lässt sich häufig Ängstlichkeit und Vorsicht ablesen. Sie signalisiert Unschlüssigkeit, Zögerlichkeit und nicht den unbedingten Willen, vorankommen zu wollen

Als besonders weiblich gilt ja der Gang, den wir bei Models auf dem Catwalk sehen. Dabei machen Frauen Schritte, bei denen ihre Füße auf einer geraden Linie aufgesetzt werden.
Diese Gangart würde Männern nie einfallen, weder am Laufsteg, noch im normalen Leben.

Interessant war auch in meinem Einkaufszentrum-Experiment:
Gehen zwei oder sogar mehr Männer nebeneinander und begegnet diesen eine Frau, ist es meist sie, die einen Bogen schlägt und ausweicht. Umgekehrt ist das kaum so, Männer gehen oft durch Frauengruppen durch.
Sind viele Menschen unterwegs, dann gehen eher Männer geradeaus, während Frauen sich zwischen der Menschmenge hindurchschlängeln.
Auch interessant: Wenn sich Männer an jemanden vorbeidrängeln müssen, dann weisen sie dem oder der anderen für gewöhnlich ihre Vorderseite zu (Wachsamkeit, Imponiergehabe). Frauen hingegen wenden den anderen meist ihren Rücken zu (Schutz, Unterwerfungsgeste).
Macht da eure eigenen Beobachtungen, es ist echt spannend!

Mein Rat an Frauen: Gönnt euch mal die befreiende Erfahrung, stur geradeaus zu gehen. Ich übe mich darin und stelle fest, dass ich nicht mit Leuten zusammenpralle, denn wenn ich entschlossen genug wirke, weichen sie schon aus!

Wieviel Raum umgibt uns? Wie schaffen wir Distanz?

Allein schon die sozial akzeptierte Körperhaltung im Stehen, Sitzen und Gehen, sowie der Blick ins Weite gesteht Männern zu, dass ihnen insgesamt mehr Raum zugestanden wird.

Was folgt daraus?
Wenn Frauen mit ihrer Körpersprache nicht Raum einnehmen, dann wird alles, was sie sagen oder tun nicht so kompetent, gewichtig und souverän aufgefasst werden, wie bei Männern, die alleine durch die Art, wie sie ihren Körper einsetzen einen Startvorteil haben.

Darüber hinaus gibt soziale Distanzzonen.
Wir alle haben ein sehr feines Gespür für die richtige Distanz zu anderen Menschen. Instinktiv nehmen wir in einem Raum den Platz ein, der für uns angenehm ist.
Wir wissen auch, dass das Distanzempfinden in verschiedenen Kulturen sehr unterschiedlich ist.
So ist in Südamerika die soziale Distanzzone geringer als in Mitteleuropa, in Japan wird ein größerer Abstand gehalten.
Doch es gibt auch hier Unterschiede zwischen Männern und Frauen. 
Immer mehr gewinne ich den Eindruck, dass der Raum, der Frauen umgibt, öffentlicher ist, und damit leichter zugänglich.
Einige Beispiele:
Menschen, die einen Aufzug neu betreten, stellen sich prinzipiell näher an Frauen.
Wenn in einem Lokal alle Tische besetzt sind, gesellen sich neue Gäste häufiger an Tische, wo bereits Frauen sitzen.
In Warteräumen sind die Stühle neben Frauen schneller besetzt und auch auf der Rolltreppe lässt man Frauen weniger Platz.
Und wie es in der U-Bahn aussieht, das habe ich bereits gestern beschrieben, Stichwort Manspreading.
Wollen wir das? Wir kennen doch alle, wie wir uns fühlen, wenn sich eine andere Person zu dicht an uns stellt.

Proxemik – Die Wissenschaft vom Raum einnehmen

Wer nimmt wo Platz ein? In einem Lokal, um einen Tisch herum, im Zugabteil?
Wer dehnt sich aus, wer zieht sich zurück?
Hier geht es um die Wissenschaft der Proxemik, darunter versteht man die Raumnutzung (von lat. proximus „der Nächste“).

Diese Wissenschaft beschreibt die Signale von Individuen, die sie durch das Einnehmen einer bestimmten Distanz zueinander austauschen.
Wie nahe darf mir jemand kommen?
Und welche nonverbalen Botschaften sende ich aus, dass jemand auf Distanz bleibt?
Es geht hier viel mehr um ungeschriebene territoriale Gesetze als um biologische Triebe.
Wir alle wissen, dass wir uns nicht an die Stirnseite eines Besprechungstisches setzen, sofern wir nicht selber die Führungsperson sind und das Gespräch leiten.
Der Thronsessel von Queen Elizabeth ist wahrscheinlich auch nicht die beste Wahl für den eigenen Sitzplatz, wenn wir zu ihrer Thronrede eingeladen wären.
Aber wie sieht es im Alltag und im Privatleben aus, dort wo es keine offiziellen Hierarchien gibt?

Es gibt immer gute und schlechte Plätze, Menschen, die eingequetscht sitzen und jene, die viel Raum einnehmen. Die ganz selbstverständlich den Platz wählen, wo sie alles überblicken können und nicht mit dem Rücken zu Türe sitzen, wo sie ihre Beine ausstrecken und ihre Unterarme bequem ablegen können.
Welcher Tisch wird dir im Restaurant zugewiesen? Der am Fenster oder der in der Nische neben dem Klo?
Ratet einmal, wer hier die besseren Karten hat. Nicht zwangsweise Männer. Aber all jene, die mit aufrechten Körper, geraden Schultern und ebensolchem Blick, festen Schritten bei der Tür hereinkommen. Und das können Frauen auch!

Es gibt viel zu tun, Schwestern! Nehmen wir Raum ein! Breiten wir uns aus! Fahren wir unsere Knie und Ellbogen aus!
Stehen, Gehen, Sitzen wir unser Frau!

 

Demnächst in dieser Reihe:

Mimik und Gestik in der männlichen und weiblichen Körpersprache sowie die Unterwerfungsgesten der Frauen
Bis bald!

*********************************

Bildquellen:

artedea.net/Göttin Antheia
man-3552375_1920/pixabay.com/oliana_gruzdeva
actress-3517385_1920/pixabay.com/sabinemondestin
dance-3405895_1280/pixabay.com/mohamed_hassan
business-woman-3023090_1920/pixabay.com/mohamed_hassan
NATO North Atlantic Treaty Organization/flickr.com/ Arrivals at the Summit Venue
man-2703630_1280/pixabay.com/mohamed_hassan
woman-2803549_1920/pixabay.com/mohamed_hassan
walk-354539_1920/pixabay.com/Antranias
fashion-show-1746621_1920/pixabay.com/AhmadArdity
artedea.net/Göttin Enodia
Kommunikation/flickr.com/Matthias Uhlig
Woman Gives Side Eye to Manspreading/flickr.com/WNYC New York Public Radio

 

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Wie spricht unser Körper? Und ist es auch das, was wir sagen wollen?

  1. Pingback: Wie spricht unser Körper? Und ist es auch das, was wir sagen wollen? | Oh Göttin – Kon/Spira[l]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s