Die Herbstgöttinnen und einige Gedanken über die Zeit

1.9.19: Metereologisch beginnt heute der Herbst.
Und angeblich sollen wir dies nach dem heutigen noch heißen Sommertag auch morgen schon spüren.
Zeit also, sich den Herbstgöttinnen zuzuwenden. Diese Zeit des​ ​Jahres ist symbo​li​siert durch die Göttin​ ​als​ ​rei​fe​ ​Frau​​ ​und​ ​Mut​ter.
Wir freuen uns über die Qualität und die Gaben dieser ​​üppi​gen​, müt​ter​lichen,​ ​beschen​ken​den​ ​und​ ​​groß​zügigen​​ ​Ernte-,​ ​Erd-​ ​und Mut​tergöt​tin​nen​.
Bei uns steht in den Mythen die Korn​mutter im Mittelpunkt​,​ ​die​ ​z.B.​ ​in​ ​In​dien​ ​als​ ​​Reis​mut​ter​,​ ​bei​ ​den​ ​indige​nen​ ​Völkern Nordame​ri​kas​ ​als​ ​​Mais​mut​ter​​ ​und​ ​im​ ​alten​ ​Mit​tel​euro​pa​ ​als​ ​​Roggen​muh​me ver​ehrt​ ​wurde.
Doch so üppig die Geschenke der Herbstgöttinnen sind, es schwingt auch immer die Mahnung an die Vergänglichkeit mit.

Wieviel Zeit bleibt?

Mit​ ​der​ ​grie​chi​schen​ ​Göttin​ Karpo ​wird​ ​Rei​fe,​ ​Ernte​ ​und​ ​Herbst​ ​asso​ziiert. Mit​ ​ihren​ ​beiden​ ​Schwestern​ ​​Thallo​​ ​​(Göt​tin​ ​des​ ​Blü​hens)​ ​und​ ​​Auxo​​ ​(Göttin​ ​des Wach​sen)​ ​si​chert​ ​sie​ ​die​ ​zyk​li​schen​ ​​Ab​läufe​​ ​und​ ​die​ ​Ord​nung​ ​der​ ​Na​tur​ ​und na​tür​lich​ ​auch​ ​das​ ​Gedei​hen​ ​und​ ​Wach​stum​ ​der​ ​Pflan​zen,​ ​die​ ​uns​ ​er​näh​ren. Sie​ ​ist​ ​aber auch​ ​die​ ​Göttin​ ​des​ ​​rich​tigen​ ​Zeitpunkts​: Denn am​ ​be​sten​ ​ist​ ​die​ ​Ern​te​ ​dann,​ ​wenn​ ​die​ ​Früch​te​ ​am​ ​höch​sten​ ​Punkt​ ​ihrer​ ​Rei​fe und​ ​noch​ ​nicht​ ​über​reif​ ​sind. Oft​ ​muss​ ​es​ ​bei​ ​der​ ​Ern​te​ ​auch​ ​schnell​ ​und​ ​effizient​ ​zu​gehen,​ ​be​vor​ ​die Herbst​stür​me​ ​über​ ​das​ ​Land​ ​zie​hen, da gilt es, keine Zeit zu verlieren!

Ähnlich verhält es sich mit Tamfana, die als älteste belegte germanische Gottheit gilt.
Als Erd- bzw. Erntegöttin ist sie der Inbegriff der herbstlichen Erde. Bei ihren Tempeln bzw. Hainen wurden Herbst- bzw. Erntefeste abgehalten, die nach dem Bericht von Tacitus nächtliche ausgelassene Feste mit Bankett und Alkohol waren. In den Nächten der Tamfana wurde aber auch der „Wechsel des Jahres“ begangen, also der Übergang vom Sommer zum Winter, die Einbringung der Ernte und die Aufnahme der Geister der Verstorbenen ins Reich der Toten. Damit ist sie eine Gebieterin über die Zeit, bzw. auch die Gebieterin über das Abgemessene bzw. über das Zeitmaß.
Denn jetzt, wenn der September ins Land zieht, wenn der Herbst in der Luft liegt, beginnen wir die Endlichkeit zu spüren. Wie lange ist das Zeitmaß des Jahres, der Wärme und des Lichts und auch jenes des eigenen Lebens?
Wieviel Zeit bleibt uns noch. Wieviel Sommerzeit? Wieviel Lebenszeit?

Alles​ ​ist​ ​​Teil​ ​des​ ​Gan​zen

Die​ ​Feiern​ ​dieser​ ​Jah​res​zeit​ ​sind​ ​und​ ​waren​ ​also nicht nur von üppigen Erntedankfesten sondern ​auch​ ​vom​ ​The​ma​ ​Verlust und​ ​Trennung​ ​geprägt.​ ​Sehr​ ​gut​ ​kommt​ ​dies​ ​bei​ ​den​ ​so​genannten Eleusini​schen​​ ​​My​sterien​​ ​zum​ ​Ausdruck,​ ​die​ ​im​ ​anti​ken​ ​Grie​chen​land​ ​all​jähr​lich bis​ ​zum​ ​Jahr​ ​381​ ​im​ ​Sep​tem​ber​ ​ab​ge​hal​ten​ ​wurden.
Bekannt​ ​sind​ ​diese​ ​​My​ste​rien​festi​vitä​ten​​ ​vor​ ​allem​ ​durch​ ​die​ ​Schil​de​run​gen Ho​mers,​ ​der​ ​sie​ ​aber​ ​aus​ ​recht​ ​pat​riar​chal-männ​li​cher​ ​Sicht​ ​erzählt​ ​hat: Nach​ ​der​ ​ho​meri​schen​ ​Fassung​ ​des​ ​Mythos​ ​blieb​ ​die​ ​mäch​tige​ ​​Korn​göt​tin De​me​ter​​ ​im​ ​Herbst​ ​als​ ​​trauern​de​ ​Mutter​​ ​zu​rück,​ ​die​ ​einem​ ​Über​ein​kom​men nach​ ​je​weils​ ​für​ ​ein​ ​hal​bes​ ​Jahr​ ​ih​re​ ​Toch​ter​ ​​Per​se​pho​ne​​ ​in​ ​die​ ​Un​ter​welt ziehen​ ​las​sen​ ​muss​te.
​Dieses​ ​Herbst​ritual​ ​wur​de​ ​zum​ ​​Klage​ri​tual​​ ​über​ ​die​ ​Ge​walt​ ​des​ ​Toten​gottes Ha​des.​ ​Allerdings​ ​ge​hörte​ ​die​ ​Macht,​ ​​Leben​ ​zu​ ​neh​men​,​ ​ursprüng​lich​ ​zum​ ​Bild einer​ ​Göttin,​ ​die​ ​auch​ ​das​ ​​Leben​ ​her​vor​brach​te​.
Die​ ​Herbstgöt​tin​nen​​ ​tragen​ ​im​mer​ ​die​ ​of​fen​sicht​liche​ ​​Dua​li​tät​​ ​in sich: Nach der​ ​Zeit​ ​des​ ​​Wachs​tums​​ und der Reife ​folgt​ ​jene​ ​der​ ​​Saat​ru​he​. So​ ​gibt​ ​es​ ​kein​ ​„gut“​ ​oder​ ​„schlecht“​ ​in​ ​den​ ​Aspekten​ ​von​ ​„hell“​ ​oder „dunkel“,​ ​von​ ​„heiß“​ ​oder​ ​„kalt“,​ ​von​ ​Blühen​ ​und​ ​Ge​deihen​ ​bzw.​ ​sich​ ​zurück zu​ ​zie​hen. Alles​ ​ist​ ​​Teil​ ​des​ ​Gan​zen​.​
So​ ​auch​ ​die​ ​Natur,​ ​die​ ​sich​ ​der​ ​Perse​pho​ne​ ​gleich​ ​für ein​ ​halbes​ ​Jahr​ ​in​ ​das​ ​Erdin​nere​ ​zu​rück​zieht. Kein​ ​Grund​ ​also​ ​für​ ​De​me​ter​ ​eine​ ​Weh​klage​ ​an​zu​stim​men,​ ​wie​ ​es​ ​uns​ ​die patriarchale​ ​Ausle​gung​ ​der​ ​Ge​schich​te​ ​weis​ma​chen​ ​will.​ ​

Sehr​ ​bewusst​ ​kön​nen wir​ ​die​ ​Zeit,​ ​die​ ​jetzt​ ​mit​ ​dem ​Herbst be​ginnt,​ ​dafür nut​zen,​ ​um​ ​wie​ ​Perse​phone​ ​den​ ​Gang​ ​in​ ​die​ ​Dunkelheit​ ​an​zu​tre​ten​ ​–​ ​am​ ​bes​ten in​ ​dem​ ​Be​wusst​sein,​ ​dass​ ​es​ ​ohne​ ​Dunkelheit​ ​kein​ ​Wachstum​ ​gibt.

Stell dich in den Herbstwind

All jene, denen die wegen der Vergänglichkeit der Natur ins Grüben kommen, können sich der japanischen Göttin Tatsuta​ ​Hime anvertrauen.
Denn sie ist die Göttin der Herbstwinde. Sie ​verwandelt​​ ​sich​ selbst ​in​ ​den​ ​Wind​ ​und vertreibt schwermütige Gedanken, wenn man sich der frischen Luft der Herbstwinde hingibt.
Sie webt auch gegen​ ​​En​de​ ​des​ ​Sommers​​ ​​aus vie​len​ ​von​ ​ihr​ ​einge​färb​ten​ ​Seidenfäden​ ​einen​ ​wun​der​schö​nen​ ​und kun​ter​bun​ten​ ​Landschaftstep​pich, mit dem sie uns Menschen erfreut​ und uns mit damit den Übergang in die dunkle Zeit verschönern will.​ ​Es heißt, die satten geheimnisvoll glühenden ​Farbe​ ​des​ ​Herbstbro​ka​tes​ der Natur erinnert mit​ ​seinen​ ​Mustern an die Lebenslinien​​ ​der​ ​Menschen. So​ ​kommt​ ​das wahre​ ​Muster​ ​erst​ ​im​ ​Herbst,​ ​am ​Le​bens​abend​ ​der​ ​Men​schen​ ​zum Vor​schein.​

Kaum gewebt, verwandelt sich Tatsuta​ ​Hime aber auch schon in den Herbstwind und bläst​ ​ihr​ ​eigenes​ ​Werk​ ​in​ ​viele​ ​Stücke. Damit gemahnt sie wieder an die Zeit: Genieße das, was gerade ist, denn schon morgen kann alles schon vom Wind verweht sein.

******

Dieser Blogbeitrag ist teilweise ein Auszug aus dem artedea-eBook

Herbstäquinox – Mabon: Das Fest des Dankes und des Übergangs

___________________

Mehr Informationen zu den erwähnten Göttinnen:

Auxo
De​me​ter​​
Karpo
Per​se​pho​ne​​
Tamfana
Tatsuta​ ​Hime
Thallo

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Die Herbstgöttinnen und einige Gedanken über die Zeit

  1. Pingback: Die Herbstgöttinnen und einige Gedanken über die Zeit | Oh Göttin – Kon/Spira[l]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s