Von einer alten Göttin zum Kasperl – Gedanken zum heutigen Barbara-Tag

Als Kind hat für mich der Advent, die Vorfreude auf Weihnachten immer am 4. Dezember begonnen – mit dem Aufstellen der Barbara-Zweiglein. In dem ganz und gar nicht katholischen Haushalt meiner Kindheit wurde erstaunlicherweise die „Heilige Barbara“ immer sehr hochgehalten. Was mich heute nicht mehr wundert, hat die Barbara eine uralte Vorfahrin, deren Tradition in vielen Familien noch heute sehr lebendig ist: Borbeth.
Sie ist jene Gestalt der „drei Bethen“, die für das Heilen, die Wärme und die Geborgenheit steht, gleichzeitig Bergmutter, Sonnenmutter und Todesgöttin.

Der Name Borbeth entstammt in seiner ersten Hälfte wahrscheinlich dem keltischen Stammwort „borm“, dies ist auch der Wortstamm für „warm“, „wärmen“. Damit ist sie die warmherzige, sonnige Kraft der Göttinnen-Triade der „drei Bethen“, so etwas, wie die liebende, warmherzige Großmutter. Und all diese wärmenden Qualitäten kommen Anfang Dezember ja wie gerufen!

Möglicherweise ist jedoch auch die Silbe „Bar“ die Wurzel von „Bor“. Und das bedeutet einerseits gebären, geborgen (englisch: born), andererseits auch Bahre, Totenbahre. Borbeth repräsentiert damit den Aspekt des bergenden wohligen Beschützens und des Heilens, den wärmenden Schoß der Erdmutter, in dem die KeltInnen ihre „Anderswelt”, den vorübergehenden Aufenthaltsort der Seelen der Verstorbenen bis zur irdischen Wiedergeburt vermuteten.

Von alten Göttinnen zu den „Heiligen Drei Madln“

Die „drei Bethen“ sind Schicksalsgöttinnen. Während die anderen beiden – Wilbeth und Ambeth – für das Spinnen und Wirken des Lebensfadens zuständig sind, so schneidet Borbeth diesen am Ende des Lebens wieder ab.
Borbeths Symbol ist der Turm als Zugang zur Anderswelt. Mit diesem wird sie auch von Bergleuten um Schutz ersucht. Oft wird sie auch mit einer Mauerkrone am Kopf gezeigt.

Diese Bethen hatten eine starke Verankerung im keltischen und alpenländischen Volksglauben. Im Zuge der Christianisierung, die die alten Muttergottheiten und deren Verehrung ja nicht einfach ausradieren konnte, wurden sie zu „Heiligen“ umgewandelt. Die „Heiligen Drei Madln“ hatten natürlich sehr ähnliche Attribute wie die alten Göttinnen.
Es wurde fluggs eine schreckliche Folter-Märtyrerinnen-Legende ausgedacht und schon wurde aus der Göttin Borbeth die christliche Barbara. Eine erfundene Geschichte, die sich die Kirche nicht einmal selbst glaubt, denn im Jahr 1969 wurde Barbara aus der offiziellen Liste der römisch-katholischen Heiligen, dem Calendarium Romanum, wieder gestrichen.

Das Brauchtum rund um die alte Muttergöttin ist aber immer noch sehr lebendig.
Nicht nur, dass man sie in unzähligen Kirchen findet – hier sogar oft unter ihrem alten Namen Borbeth – und dass sie praktisch an jedem Eingang zu Bergwerken wacht und alle Bergleute, die zur Schicht in den Berg fahren einen Blick auf sie werfen. Vor allem am Barbara-Tag am 4. Dezember ist sie sehr präsent. Kehrt sie doch mit ihren Zweigen in unsere Häuser ein.

Die Lebensrute – Symbol für Fruchtbarkeit

Eigentlich ist die Palme ihr Zeichen – ein Symbol für Fruchtbarkeit und ewiges Leben. Daran sollen die Barbara-Zweige erinnern.
Sie sind zauberkräftig: Man soll mit ihnen beim „Bärbeletreiben“ böse Geister und Dämonen der kalten und schrecklichen Winterzeit vertreiben können. Nicht von ungefähr haben sie ja auch eine Ähnlichkeit mit der Krampus-Rute. Doch der kommt ja erst am darauf folgenden Tag und das ist wiederum eine ganz andere Geschichte ;o)

Aber sowohl Barbarazweig wie auch Krampus-Rute werden als eine Art „heidnische Lebensrute“ verstanden. Mit den blühenden Zweigen wurden Kinder geschlagen – nicht, um sie zu bestrafen, sondern damit die Lebenskraft der sich verjüngenden Natur auf sie zu übertragen. Dieser Brauch des „Kinderfitzelns“ überdauerte unzählige Jahrhunderte.

Barbara- und Perchten-Bräuche

Der Bärbele-Tag gilt auch als der erste der zahlreichen Perchten-Tage, die in dieser Jahreszeit begangen werden.
Etymologisch haben die alte Göttin Percht und Bärbel ja einiges gemeinsam – sie sind die Repräsentantinnen des neuen Lebens, das in der Ge-Bär-Mutter heranreift. Auch in der Gebärmutter der Erdgöttin, in der ja schon alles schlummert, was in einigen Monaten wieder wächst, grünt und blüht.

Damit haben die bis jetzt gut erhalten Barbara- und Perchten-Bräuche immer viel mit Fruchtbarkeit, Glück und Schutz zu tun.
In der Zeit der größten Dunkelheit wird Borbeth, die große Sonnenmutter beschworen.
Als Zeichen der Hoffnung haben sich Menschen daher immer schon ihre Zweige ins Haus geholt – dürr und scheinbar unfruchtbar, wie sie sich Anfang Dezember darstellen.
Wer kann da schon glauben, dass der alte Kirschbaum wieder einmal blühen wird?

Und dann: Welch ein Wunder, wenn diese zur Wintersonnenwende, zu Weihnachten ihre wunderbaren strahlend weißen Blüten entfalten!
Was für ein lichtes Zeichen dafür, dass sich dann in der längsten Nacht des Jahres das Rad weiterdreht und es ab da wieder Tag für Tag heller wird.
Und damit neue Fruchtbarkeit, neue Wärme, neues Leben auf die Erde kommt.

Erneute Verwandlung und der Ur-Ur-Enkel der Borbeth

Im übrigen hatte für die katholischen Kirchenvätern bald einmal auch die Heilige Barbara zuviel der weiblichen Energie, mit der das Kirchenvolk an die alte Muttergöttin Borbeth erinnert wurde. Und so wurde sie gemeinsam mit den anderen Bethen erneut umgewandelt und zwar in die sogenannten „Heiligen Drei Könige“, von denen ja in der Bibel kein Wörtchen steht. Weder „heilig“ noch „drei“ noch „Könige“.
Also wurde aus der alten Göttin mit ihrem schwarzen Aspekt der Bethen-Triade auf wundersame Weise Kaspar, der schwarzhäutige Kollege der Heiligen Drei Könige. Dieser kommt nun am Perchten-(Bethen)-Tag, dem 6. Januar zu den Kindern.
Das bekannte Zeichen K x M x B steht ursprünglich für die „Heiligen drei Madln” Katharina, Margarethe und Barbara.

Kaspar wurde übrigens erst um das Jahr 1.500 – also mit Beginn der Neuzeit – dunkelhäutig dargestellt. Einer der ersten Bilder, die ihn mit dunkler Hautfarbe zeigen, ist die „Anbetung der Könige“ von Albrecht Dürer (1504 gemalt).
Sein Name soll sich vom persischen „Kandschwar“ ableiten, was „Schatzmeister“ heißt.
Als sol­cher bringt er interessanter Wei­se das Gold nach Bethlehem mit – das Symbol der al­ten Son­nen­göt­tin Bor­beth!

Kaspar war immer schon ein wenig ein Außenseiter und das hat nicht nur mit seiner Hautfarbe zu tun. Er ist der jüngste der drei ehr­würdigen Herren – jener, der sich am wenig­sten könig­lich ver­hält und eher den hei­teren Part ein­nimmt.

Es dauerte nicht lan­ge, bis eben dieser Kaspar eine eigenständige Fi­gur wur­de und als Spaßma­cher in dem nach ihm benannten Kas­perl-Thea­ter die Welt auf den Kopf stellt.
Und da­mit tritt er wieder in die Fußstapfen seiner Ur-Mut­ter, der Borbeth.
Die „schwarze Kraft“ in der Konstellation der drei­fa­chen Göttin ist ja nicht im­mer nur die „Weise Alte“.
Sie steht auch über den Din­gen und ist damit auch die „närrische Alte“.
Sie „pfeift sich nix“, sie be­nennt Dinge beim Na­men, bringt das Augen­zwin­kern rein, bewäl­tigt mit ih­rer Le­benser­fah­rung schein­bar un­lös­ba­re Auf­gaben – ganz so, wie ihr Ur-Ur-Enkel, der Kasperl!

 

Mehr Informationen zu den erwähnten Göttinnen:
Ambeth
Borbeth
Drei Bethen
Percht
Wilbeth

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Bildquellen:
Borbeth, Bethen, Percht  – artedea.net
Barbara-Zweige – privat
natural-4088906_1920 / Santa3 – pixabay.com
Anbetung der Könige (Albrecht Dürer) – commons.wikimedia.org
punch-677526_1920 / 4941 – pixabay.com

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