Die Sache mit der Verführung

So, jetzt ändert der aktuelle Papst doch glatt das „Vater Unser“.
2020 Jahre nach der angeblichen Geburt von einem Menschen, der in der Bibel Jesus heißt und der dieses Gebet (sagen wir vor rund 2000 Jahren) gebetet und den Menschen gebracht bzw. es laut Matthäus- und Lukasevangelium gelehrt hat.
Wir finden es bei Matthäus 6,9-13 und in einer abgespeckten Version bei Lukas 11,2-4.
Wenn an all dem ein Fünkchen Wahrheitsgehalt ist, dann hat dieser Jesus es höchstwahrscheinlich auf Aramäisch gebetet.
Vielfach übersetzt wird es nun schon zwei Jahrtausende lang brav so nachgebetet, wie es in die jeweiligen Landessprache übersetzt wurde.
Nach 2000 Jahren kommt also ein Papst drauf,  schon als 6-Jährige in den ersten Stunden meines Religionsunterrichts sauer aufgestoßen ist:
„Und führe uns nicht in Versuchung …“ (so steht es übrigens in der deutschsprachigen Bibel in beiden Evangelien).

Da ist doch was nicht in Ordnung

Hähhh? Was ist denn das für ein zynischer, widerlicher, unsympathischer Kerl, der uns da in Versuchung führen will? Jemanden in Versuchung führen, damit etwas Unmoralisches, Böses daraus erwachsen kann, das kann doch nur ein „schlechter Charakter“ sein, der Teufel beispielsweise. Aber doch ganz sicher nicht der, den man uns da als „lieben Gott“ verkaufen wollte.
Ist Gott so böse? Rettet er vor der Gefahr, in die er die Gläubigen selber gebracht hat?
Was für eine Hinterlist!

Jetzt kurz eine Begriffsklärung. Was verstehen wir unter Versuchung?
Lt. Wikipedia: Eine Versuchung ist der Anreiz oder die Verleitung zu einer Handlung, die reizvoll erscheint, jedoch unzweckmäßig ist, einer sozialen Norm widerspricht bzw. verboten ist. Die Versuchung kann in dem Gegenstand der Begierde als solchem oder in der Art seiner Präsentation liegen oder durch andere Personen hervorgerufen werden, die durch Verführungskünste in Versuchung führen (z. B. Schmeicheln, Bitten, Anleiten, Anstiftung, Anpreisen, Erwecken von Neugier, Einsatz von Autorität, Erzeugen von Angst, Drohung mit Verlust oder Manipulation).
Das Feld der Versuchungen ist also groß. Vom Stück Schokolade, dass ich eigentlich nicht essen sollte, bis zu Korruption, die mir Millionenbeträge einbringen könnte.
Im Christentum ist Versuchung der Anreiz, eine Sünde zu begehen.

Ich hatte als 6-Jährige bereits ein vages Gefühl, dass da etwas nicht in Ordnung ist.
Da stellt jemand die 10 Gebote auf und sitzt dann oben auf seiner Wolke und wartet argwöhnisch, dass man diese nicht befolgt, weil er uns höchstpersönlich in Versuchung führt, gegen diese zu verstoßen.
Als 13-Jährige habe ich das ausführlich mit meiner (völlig überforderten) Religionslehrerin versucht zu diskutieren.
„Ja, er will uns prüfen,“ war ihre Antwort.
Wieso will er das? Sind wir laut Bibel nicht alle Ebenbilder Gottes? Hat er in sich selbst schlechte Eigenschaften entdeckt und möchte jetzt checken, ob er diese auf uns übertragen hat?
Wenn ich SEIN Geschöpf bin, dann müsste ER mich doch ohnehin durch und durch kennen, wozu also dieser Test?
Und wenn uns jemand in Versuchung führte – wozu auch immer – dann sollte er es doch seinem Gegenspieler, dem Satan überlassen. Der übrigens für Gott der allerwichtigste Konterpart ist. Ohne diesem hätte er ja gar keinen Auftrag.
Wenn alles gut und schön und völlig in Ordnung wäre – heile Welt sozusagen – dann bräuchten wir Menschen uns ja an kein höheres Wesen wenden.
Wie gut für Gott also, dass es diesen Satan gibt, sonst hätte er ja echt keine Existenzberechtigung.

Mein kindliches Erklärungsmodell: Satan will uns verführen und Gott soll uns daraus erretten, uns standhaft gegen jegliche Verlockung des Bösen machen. Das wäre doch logisch, oder?

Aber wenn Gott uns selbst in Versuchung führen will, an wen können wir uns dann wenden, um uns Unterstützung in unserem Glauben nach dem Guten zu holen.
Das ist ganz so, als wollte uns jemand vergewaltigen und genau von diesem Menschen hoffen wir, dass er uns vor der Vergewaltigung schützt.

Meine Religionslehrerin war dann auch mit ihrem Latein am Ende. Im übertragenen wie auch im tatsächlichen Sinn, weil die Aramäische Form des Vater Unsers kannte sie nicht bzw. konnte sie nicht übersetzen. Weil da steht einiges ganz anders, was den zahlreichen Übersetzungen zu Opfer gefallen ist. (Näheres zur Aramäischen Fassung und den Übersetzungsmodellen untenstehend.)

Überlass uns nicht der Versuchung

So, jetzt bin ich ja froh, dass ich in meinem hohen Alter noch erleben darf, dass ich damals mit meinem Gefühl richtig gelegen bin und der Papst und ich einer Meinung sind.
In der neue Ausgabe des Messbuchs für Italien wird also künftig stehen: „non abbandonarci alla tentazione“ („überlass uns nicht der Versuchung“).
Und nicht mehr „non ci indurre in tentazione“ („und führe uns nicht in Versuchung“)
In Frankreich beten die Gläubigen das Vater Unser bereits seit Anfang Dezember 2017 in der geänderten Fassung.

In deutschsprachigen Ländern sieht man von obersten kirchlichen Stellen (katholisch wie evangelisch) übrigens keinen Handlungsbedarf, dies zu ändern.

Allerdings: Warum nur dieser eine Satz?
Was ist mit dem gesamten anderen Text des sogenannten Vater Unsers, eure Heiligkeit?
Und warum erst jetzt?
Ist Papst Franziskus ein Licht aufgegangen, hatte er eine plötzliche göttliche Eingebung? Oder will er angesichts der zahlreichen Kirchenaustritte noch retten, was zu retten ist. Nein, nein, Gott ist nicht böse, er ist eh ein ganz lieber!
Da müsste der Papst aber auch tausende Bibelstellen umschreiben lassen. All jene wo Gott wütet, Menschen, ja ganze Volksstämme niedermetzelt, grauenhafte Massaker anordnet oder gleich die ganze Schöpfung verflucht.
Mehr dazu z.B. hier:
unmoralische.de / bibelzitate.de
(Achtung: Nur was für starke Nerven. Sehr brutal!)

Oh Du, atmendes Leben in allem

Warum besinnt sich der Papst nicht auf den Urtext?
Das würde schon damit beginnen, dass das ganze Gebet nicht mit „Vater Unser“ anfängt. Das Aramäische „Abwûn d’bwaschmâja” bedeutet nicht „Vater unser im Himmel“, sondern richtiger Weise z.B. „Mutter-Vater alles Geschaffenen“ oder Oh Du, atmendes Leben in allem, Ursprung des schimmernden Klanges. Du scheinst in uns und um uns, selbst die Dunkelheit leuchtet, wenn wir uns erinnern“.
Die Bedeutung des Wortes „awuun“ (meist mit „Vater“ übersetzt) ist nämlich geschlechtsneutral.
Eine Übersetzungsvariante: „O Gebärer(in), Vater-Mutter des Kosmos“
Mehr noch: „awuun“ ist eigentlich ein familiäres Kosewort, das für Vater oder Mutter, Sohn oder Tochter, Bruder oder Schwester gleichermaßen verwendet werden kann. Vergleichbar vielleicht mit dem deutschen Kosewörtern „Schatz“, „Liebes“ oder „Liebling“.

Aber dass es da einen Vater gibt, das ist dem „Papa“ im Vati-kan offenbar doch noch sehr wichtig.

Ich habe übrigens bei meiner langjährigen Beschäftigung mit Göttinnen viele kennengelernt – sanfte, mütterliche, liebliche, beschützende aber durchaus kampfbereite, rachsüchtige, zerstörende und wütende, aber niemals zynische, die Menschen absichtlich zu Bösem verführen wollen, um sie anschließend von eben diesem erlösen zu wollen.
Aber das ist halt die „Mama“ und damit eine andere Geschichte.

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Mehr Informationen und Varianten der Übersetzung
aus dem Original-Aramäischen gibt es hier:

robert-betz.com
bunkahle.com
sein.de

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Bildquellen:
Albrecht Dürers Betende Hände / commons.wikimedia.org
girl-309175_1280 / Clker-Free-Vector-Images / pixabay.com
Freedom for Tamut and Yehoishema / Charles Edwin Wilbour / commons.wikimedia.org

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Eine Antwort zu Die Sache mit der Verführung

  1. freiedenkerin schreibt:

    Das ist sehr interessant! Danke dafür. Ich hatte – von einer fieberhaft religiösen Phase in meinen frühen Teenagerjahren mal abgesehen – auch schon seit langem Zweifel an dem, was uns die angeblichen „Stellvertreter Gottes“ auf Erden bzw. dessen „Bodenpersonal“ uns so vom rechten Glauben weis machen will. 😉

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