1. April – unberechenbar wie noch nie

So, jetzt haben wir den 1. April. Und ich wache immer wieder in der Früh auf und denke mir, ich komme gerade aus einem sehr skurrilen nächtlichen Traum. Die ganze Welt hat „Hausarrest“.
Das ist schon irgendwie der Aprilscherz der Geschichte. Findet ihr nicht auch?
April, April, macht was er will. 
Der April ist ja irgendwie so ein Zwischending.
Während wir im März aufatmen und uns da und dort über die Schneeschmelze freuen und über die ersten Blümchen auf der Wiese, die zarte aufkeimende Frühlingsluft und die länger werdenden Tage genießen und uns im Mai den berauschenden Sinnesfreuden hingeben, die die Natur dann schon in ihrer ganzen Fülle bereit hält, so hat der April eine eher undankbare Rolle.
Launisch ist er. Unberechenbar. Und das ist das, was ja so gar nicht in unsere patriarchale Welt passt, in der alles planmäßig verlaufen soll.
Deshalb mag ich ihn so – den April.
Tja, und planmäßig verläuft zur Zeit ja grad gar nix. Und das bringt die auf dieser Erde vorherrschenden patriarchalen Systeme ganz schön durcheinander.
Schauen wir einmal, was uns noch alles erwartet und welche nachhaltigen Auswirkungen das auf viele Bereiche unseres Lebens haben wird.

Aber wenden wir uns jetzt einmal dem April zu:
Die Bezeichnung dieses Monats leitet sich vom lateinischen „Aphrilis“ ab und – wie der Name schon vermuten lässt – ist er der Göttin Aphrodite geweiht.

Göttin für Frauen, die sich selbst treu bleiben

Aphrodite kennen wir ja vor allem als Liebesgöttin (obwohl sie eine vielumfassendere Erscheinung ist, als für gewöhnlich über sie bekannt ist).
Als Liebesgöttin aber hat sie jenen Ruf, den auch viele schöne, betörende Frauen haben: „Mann“ weiß nie genau, wie er dran ist. Und das ist auch gut so.
Kommt doch „Aphrilis“ ursprünglich vom Wort „aperire“ (= öffnen). Und – meine Herren – es ist halt schon eine besondere Kunst, dass Frauen sich öffnen – ihr grundsätzliches Interesse, dann ihr Herz, ihre erotische Empfänglicheit …
Warum sollten wir auch auf irgendeine plumpe Anmache stehen?
Und es kann ganz kleine Irritationen geben, und schon ist wieder alles ganz anders.
Das ist ja aber das, was viele Kulturen an ihren Liebesgöttinnen auch so schätzen. Sonst wäre es ja echt langweilig.

Aphrodite ist eine mächtige, kraftvolle, eigensinnige, selbständige und selbstbestimmte Göttin. Wenn sie liebt, dann lebt ganz im Augenblick. Nichts bedeutet ihr mehr, als die völlige Hingabe an einen Augenblick vollkommener Liebeserfüllung. Das macht sie so unwiderstehlich.

Aber sie weiß auch ganz genau, was sie will, was ihr zusteht und nimmt sich dies auch.
Sie lässt sich nicht in patriarchale Schablonen pressen. Sie ist nichts und niemanden zugehörig und entscheidet aus ihrer tiefen inneren Weisheit, genauso, wie sie – die „Schaumgeborene“ selbst aus den Tiefen des Ozeans empor gestiegen ist.
Aphrodite ist damit eine Göttin für jene Frauen, die sich unter allen Umständen selbst treu bleiben.

Worum geht es denn eigentlich beim „Liebeswerben“?

Wieviele herabwürdigende Zuschreibungen gibt es für das Flirt-Verhalten von Frauen. „Zickig“ ist nur eine der harmlosesten. Und – wie meine Großtante Antschi schon bei allen möglichen Gelegenheiten vermerkte: Die „Natur hat sich dabei was gedacht“.

Worum geht es also eigentlich beim „Liebeswerben“?
Um Fortpflanzung und darum, dass die besten Gene weitergegeben werden.
Deshalb wollen Frauen auch jene Gene der Geschicktesten, Einfallsreichsten, Humorvollsten, Klügsten, sozial Kompetentesten …
Und das finden sie heraus, indem sie Männer auf die Probe stellen. Wenn die Herren der Schöpfung dies als Herausforderung nehmen und sich etwas einfallen lassen, dann werden sie erfolgreich sein im „Liebestanz“.
Im übrigen haben Vaterschafts-Tests bei Primaten ergeben, dass die wenigsten Kinder von den ranghöchsten, starken und mächtigen Rudelführern stammen, sondern die Affenfrauen viel mehr auf die „charmanten, lustigen“ Typen stehen, die sie mit kleinen artistischen Kunststücken beeindrucken, sie mit netten Aufmerksamkeiten überraschen und mit denen sie sich dann auch heimlich in die Büsche schlagen …
Wie weit wir das auf uns Menschen umlegen können, das überlasse ich jetzt der Phantasie der LeserInnen.

Ausschweifende Feste der Frauen

Fest steht:
Jetzt im April öffnen sich die Knospen, er ist auch der Monat der sich (für die Saat) öffnenden Erdgöttinnen.
Der Wortstamm könnte übrigens auch auf „apricus” (sonnig) zurückzuführen sein – was es ja auch sein kann – aber nicht immer.
Als Zeichen dieser (durchaus verlockenden) Ungewissheit schicken wir einander ja immer noch in den April.
Im antiken Rom wurde am 1. April und in den ersten Aprilnächte von den Matronen ausschweifende Feste namens „Veneralia“ ausgerichtet – zu Ehren der Göttin Venus, quasi der Nachfolgerin von Aphrodite.
In den öffentlichen Badeanstalten von Rom badeten die Frauen mit Myrthenkränzen geschmückt – und zwar in den Männerbädern, die ihnen für diese Feste zur Verfügung standen.

Speziell verehrt wurde die Venus Verticordia, die Veränderin der Herzen.
Überliefert ist, dass Frauen bei diesen Festen die Göttin um Hilfe für ihr Liebesleben baten.
Das Datum war damals sicherlich schon sehr bewusst gewählt: Im April liegt Liebe in der Luft, Fruchtbarkeit, Wachstum, Freude, Lebendigkeit und Schönheit.
Zu den Lustbarkeiten gehörten auch sogenannte „Täuschungsfeste“ zu Ehren der Aphrodite/Venus, dabei kamen die Liebenden oder besser „SexualpartnerInnen“ bisweilen in Masken nur für eine einzige Begegnung zusammen.
Zu den Bräuchen gehörten auch Streiche unter FreundInnen, die heute immer noch im Aprilscherz erhalten sind.

Stern, Venen und Freitag

Venus ist sozusagen die Urmutter einer ganzen Reihe an Bezeichnungen und Begriffen, die mit ihr zu tun haben. So gab sie dem gleichnamigen Stern ihren Namen (vorher war er der Göttin Ischtar gewidmet).
Das englische Wort „veneration“ bedeutet einfach Verehrung, Venus sorgt dafür, dass die Venen das Blut in das Herz pumpen, während Artemis es in den Arterien wieder in den Körper bringt.
„Venery“ ist ein altes englisches Wort für Jagd und auch für Geschlechtsverkehr.
Venus gleicht nämlich in einigen Belangen weniger der Aphrodite, sondern vielmehr der Artemis, wie beispielsweise als Gebieterin der Tiere.
Nach Venus wurde der sechste (heute fünfte) Wochentag „Veneris dies“ genannt, daher ital. venerdi, franz. vendredi.  Die GermanInnen setzten sie mit der Göttin Freya gleich, daher die deutsche Bezeichnung „Freitag“.

Der Venushügel ist eine poetische und viel hübschere Bezeichnung für das Schambein (das eigentlich, wenn überhaupt, dann „Charmebein“ heißen sollte, weil es hier nichts gibt, wofür Frauen sich schämen sollten).

Venus wird als Mutter aller venezianischer Stämme der Adria verehrt, nach der auch die Stadt Venedig benannt wurde.

Venire – Kraft des „Kommen lassens“

Die Kraft der Venus ist das „Kommen lassen“ („venire“ ist das italienische Wort für Kommen).
Dies ist besonders für Frauen wichtig, zu denen, wenn sie in sich und ihrem weiblichen Selbstverständnis ruhen, Liebes- und andere Dinge einfach anziehen, kommen lassen ohne viel dafür tun zu müssen.
Wenn heute noch ItalienerInnen „vengo“ („ich komme“) stöhnen, dann ist es fast wie eine Anrufung an die Göttin Venus.
Und wann und wie und ob Frauen überhaupt „kommen“ (dies ist jetzt in vielerlei Hinsicht gemeint), das obliegt ganz alleine ihnen.
Und ihr wisst ja: Frauen kommen langsam, aber gewaltig.

So wie das Wetter im April nicht zu beherrschen ist, wild und frei, von einem Moment zum anderen wechselnd, so lassen sich auch die selbstbestimmten Aphrodite-Venus-Frauen nicht in einen Rahmen pressen.
Sie kommen und gehen im eigenen Flow ihrer Spontanität, Sprunghaftigkeit, Unberechenbarkeit und Kreativität.

Scherze und Unglück

Eine der historischen Aprilscherze war jener, als am 1. April ein sechzehnjähriges Mädchen, dessen Name unbekannt ist, den jungen Damen zugeneigten französischen König Heinrich IV. schriftlich um ein heimliches Rendezvous in einem diskreten Lustschloss bat. Als Heinrich zu dem Tête-à-tête erschienen sei, habe ihn überraschend der versammelte Hofstaat begrüßt, vorgestanden von seiner Gemahlin Maria von Medici, welche ihm untertänigst dafür gedankt haben soll, dass er ihrer Einladung zum „Narrenball“ gefolgt sei.

In den alten Kalendern hat der April viele interessante Bezeichnungen: Grasmond, Saatmond, Prillemant, Keimmond, Ostermond – aber auch Wandelmond oder schlicht „Launing“.

Ich finde, dass der 1. April ein wunderbares Datum ist, unsere „Launenhaftigkeit“ zu feiern.
Sind wir doch froh, dass es soviele Varianten an Gefühlszuständen gibt, und dass wir – wie das Aprilwetter – so schnell von der einen in die andere wechseln können.

Wer mag, kann heute natürlich auch ein sinnesfrohes Aphrodite/Venus-Fest feiern – vielleicht ein Überraschungs-Ritual mit viel Zeit für Zärtlichkeit, Lebenslust und Genuss. Zeit dazu haben ja jetzt die meisten!

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Mehr zu den Bräuchen und Festen dieser Jahreszeit findet ihr im
artedea-eBook

Ostara – Frühlings-Tag-und-Nachtgleiche:
Die Rückkehr des Lebens 

 

Weitere Informationen zu den erwähnten Göttinnen:
Aphrodite
Artemis
Freya
Ischtar
Venus

 

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Bildquellen:
artedea.net 
magnolia-243865_1920 / /pixabay.com /steinchen
blossom-741217_1920 / pixabay.com / Sweetaholic
Peter Paul Rubens – The Feast of Venus – Google Cultural Institute en.wikipedia.org
candle-3065581_1920 / pixabay.com / carloslandazuri

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