8. Juni – Tag des Meeres (und der Meermütter)

Seit 2009 wird von den Vereinten Nationen der 8. Juni als „Tag des Meeres“ begangen. Er hat seinen Ursprung im Erdgipfel (Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung) am 8. Juni 1992 in Rio de Janeiro. Ziel dieses Tages ist es, die Ozeane als bedeutend für die Ernährungssicherheit, Gesundheit und dem Überleben allen Lebens, für das Klima und als ein kritischer Teil der Biosphäre ins Bewusstsein zu bringen und weltweit Aufmerksamkeit für aktuelle Herausforderungen im Zusammenhang mit den Ozeanen zu erlangen.
Insgesamt hat das Meer Anteil von 96,5 % am Weltwasservorkommen. Diese zusammenhängende, reich gegliederte Wassermasse der Meere bedeckt die rund 71 % der Erdoberfläche. Die Meeresflora produziert ungefähr 70 % des Sauerstoffs, den die Menschen einatmen. Neben der reichen biologischen Vielfalt liefern sie Ozeane aber auch Rohstoffe, Nahrungsmittel und Wirkstoffe für Arzneimittel.

Wir brauchen ein gesundes Meer

Und dieser besondere Schatz, der das Leben auf der Erde erst möglich macht, ist in vielfältiger Weise drastisch gefährdet. Bis zu 40 Prozent der Weltmeere sind stark von menschlichen Aktivitäten betroffen, einschließlich Umweltverschmutzung, ausgelaugter Fischbestände durch Überfischung und Verlust von Küstenlebensräumen.
Im Zuge der globalen Erwärmung steigt auch die Temperatur der Meere, damit steigt der Meeresspiegel, die verschiedenen Habitate der im Wasser lebenden Tier- und Pflanzenarten verschieben sich und sind höchst gefährdet. Alleine aus Europa gelangen jährlich 500.000 Tonnen Plastikmüll in die Ozeane. Die Ablagerung von Mikroplastik und die Belastung ganzer Meeresregionen durch ausgelaufenes Rohöl, weitere schwere Schäden durch Schiffsunglücke und Industrie haben weitreichende Folgen auf die Umwelt und damit auf uns Menschen.
Über drei Milliarden Menschen sind für ihren Lebensunterhalt auf die biologische Vielfalt der Meere und Küstengebiete bzw. ihrer Ökosysteme angewiesen. Alle Menschen weltweit sind von einer gesunden Meeresbiologie abhängig.

Das Meer – die Ur-Gebärmutter

Alles Leben kommt aus dem Meer. Dieser Satz ist so leicht dahin gesagt. Aber wenn wir uns unsere Erde vor etwa 4 Milliarden anschauen, dann war es hier ziemlich ungemütlich. Die Atmosphäre bestand aus Wasserdampf, Kohlenstoffdioxid und Schwefelwasserstoff. Sauerstoff gab es nicht. Die Erdoberfläche war in ständiger Bewegung: Vulkane spuckten Unmengen von Magma aus, Himmelskörper, manchmal fast so groß wie der Mond, fielen auf sie.
Nur in den Ozeanen war es ruhig und friedlich, sie waren schon fast so kühl wie heute. Und so entwickelten sich dort aus Wasserstoff, Kohlenstoff, Stickstoff, Phosphor, Schwefel und dem Sauerstoff des Wassers immer kompliziertere Stoffe und daraus im Laufe von Jahrmillionen die ersten Lebewesen.

Dieses Wissen um die „Wiege alles Lebens“ hatten bereits unsere frühen Vorfahren, daher wird in vielen Kulturen das Meer als eine Göttin empfunden, als eine Urmutter, die alles aus sich hervorgebracht hat und uns ständig und immer noch nährt.
Mit diesem Gedanken ist es eigentlich noch unerträglicher, was mit den Meeren passiert. Würden wir unseren ganzen Müll auf unsere „Mutter“ werfen?
Wünschenswert wäre es daher, wenn diese Meeresgöttinnen beim „Tag des Meeres“ auch mehr Aufmerksamkeit fänden.

Hier einige Anregungen aus der unendlich großen Welt der Meeresmütter:

Im antiken Griechenland galt Thalassa als die Personifizie­rung des Mittelmeeres. Sie wird daher nicht in einer be­stimmten Gestalt dar­ge­stellt, ihre Form, ihr Körper ist ele­mentar – das Meer selbst.
Auf Mosai­ken der römi­schen Ära wird sie mitunter als Frauengestalt dargestellt, deren Oberkörper aus den Wellen ragt, mit Krab­benscheren als Hör­ner, in Al­gen ge­kleidet und ein Schiffruder in ihrer Hand haltend.
Aus dem Meer entstieg Aphrodite.
Wie so oft wird in ihrem Entstehungsmythos auch bei Aphrodite ihre Mutter verschwiegen. Es heißt ja, sie sie aus Blut und dem Samen entstanden, als Kro­nos die Geschlechtsteile seines Va­ters Uranos, den er entmannt hatte, ins Meer geschleudert hat. Wichtig in diesem Mythos ist aber das Meer, die Mutter Thalassa.
Sie ist das Ur­weibliche, der Ur-Mutterschoß. In ihr konnte Aphrodite erst entstehen und heranreifen.
Thalassa wird als die große Quelle, Ursprung oder Gebärmutter aller kosmischen Manifesta­tion auf Erden angesehen, denn alles kam irgendwann aus dem Universum, fand Nähr­bo­den und Heimat im Meer, aus dem schließ­lich wieder alles terrest­ri­sche Leben hervor­kam. Damit zählt Thalassa zu den ursprüng­li­chen Schöpfungsgöttinnen.

Eine andere griechische Meeresgöttin ist Thethys, ihr Name be­deu­tet „Säug­am­me”, das weist auf ihre nährende Kraft hin. Sie wurde als Ur­quell allen Lebens verstanden.
Thethys ist die Toch­ter der Erd­göttin Gaia und des Uranos. Ihr Bruder und Ge­mahl ist der Mee­resgott Okeanos, wobei sie das emp­fan­gen­de und gebärende Meer­wasser selbst ist, wäh­rend der Okeanos die zeugende Kraft dar­stellt. Dies war eine sehr sinnvolle und vor al­lem fruchtbare Ver­bin­dung, haben sie doch gemeinsam 6000 Kinder: die 3.000 Okeaninen, die weibliche Nymphen und 3.000 Okeaniden, die männliche Flüsse.
Thethys hat also alle Flüsse dieser Erde ge­bo­ren.
Damit hat sie für die Fruchtbarkeit auf der Erde ge­sorgt, denn nur mit dem großartigen Netz an Flüs­sen, das die Erde überzieht ist das Land frucht­bar.
Ihre Töchter sind für alles Leben in den Welt­mee­ren zuständig sind – mit Ausnahme des Mit­telmee­res, denn dieses bewachen und be­schüt­zen die Enkel­töchter der Thethys, die Töchter der Doris.

Nährend und schenkend

Übersetzt wird der Name Doris auch als die „Mildtätige“, „die Gnädige“ oder „die Gebende“.
Schenkt sie doch den Menschen viele kost­bare Schätze und Nährendes, das aus dem Meer kommt. Doris hat mit dem Gott Nereus fünfzig zauberhafte Meeresnymphen als Töchter.
Eine davon ist Galatea. Sie bezaubert alle mit ihrem Liebreiz und ist für das ruhige Meer zuständig. Damit ist sie auch eine Schutzgöttin der Seeleute, die ihre Gunst vor jeder gro­ßen Ausfahrt erbitten. Sie ist milchweiß, und man kann sie auch wahrnehmen, wenn sie als weißer Meeresschaum über die Wellen schwebt, die sie mit ihrem sanf­ten, wei­chen Körper besänf­tigt.

Daher ist sie auch Beschützerin der Muttermilch, was auf ihren nährenden Charakter hinweist. Um Seeleute auch in der Nacht zu beschützen und ihnen Orientierung zu geben, hat sie das Rad der Sterne und die Sternbilder aus ihrer eigenen Milch erschaffen. Im Altgriechischen heißt die Milch „gala“. Deshalb heißt die Milchstraße Galaxis und andere Milchstraßensysteme Galaxien.

In den sumerisch-mesopotamisch-babylonischen Mythen galt Nammu Göttin des Uranfangs. Sie ist die große Mutter­göttin, die Himmel und Er­de geboren hat. Wir befinden uns in die­sem Schöp­fungsmythos in einer Zeit lan­ge bevor es einen biblischen Gott, die Genesis oder Adam und Eva gab.
Ihr Name wur­de in jenem Ideo­gramm (Zeichen der Bilder­schrift) ge­schrie­ben, das auch „Meer” be­deu­tet. Nammu tanzt nach wie vor als Göttin des gesamten Universums ihren ursprünglichen und immerwährenden Tanz inmitten des großen Ozeans.

Juras mate ist in den lettischen und litauischen Mythen eine von 60 Ma­te (Mut­ter­göt­tin­nen), die im Bal­ti­kum für ver­schie­dene Er­eig­nis­se im menschli­chen Le­ben zu­stän­dig sind. Ihr Na­me be­deu­tet über­setzt „Meer­mut­ter“.

In Litauen ist sie vor allem als Jurate be­kannt, die als göttliche Seejungfrau in einem Bernsteinschloss auf dem Grund der Ostsee leben soll, von wo sie das Meer und all seine BewohnerInnen regiert.
Eine besondere Rolle spielt sie bei Heilungsmagie, vor allem soll sie Blutungen stoppen können. Das vermutlich daher, da sie nicht nur für das Meer sondern für das Wasser und alle Flüssigkeiten, auch Körperflüssigkeiten zuständig ist. Heilung tritt auch oft ein, wenn die Körperflüssigkeiten ausgeglichen und tatsächlich im Fluss sind.
Dazu wird um die Unterstützung von Juras mate gebeten.

Die finnische „Mutter allen Wassers“ Mere-Ama lebt in allen Flüs­sen und Bächen.
Ihre mächtigste Manife­sta­tion ist na­tü­rlich der Ozean. Sie ist aber auch in jedem Wa­sser­tropfen gegenwärtig.
Auch in den finnischen Mythen heißt es, dass alles Leben aus der ursprünglichen Mutter hervorgegangen ist.
Mere-Ama hat sich nun, nachdem ihr Schöpfungs­werk, die Kreation des Wassers und damit aller We­sen auf der Erde vollendet ist, auf den Mee­res­grund zurückgezogen und regiert alle Meeresgeschöpfe, besonders die Fische, von deren reich­hal­tigem Vorhandensein die Ernährung des Volkes ab­hängt.
Sie versorgt die Menschen nicht nur mit Fischen, son­dern auch mit dem Frucht­barkeit brin­genden Regen – gewonnen aus dem Was­ser, das die Mee­resgöttin aus ihrem Reich in die Wol­ken geschickt hat.

Ge­fürch­tet und tröstlich

Als große Meeresgöttin der nordeuro­päi­schen Völ­ker, gebietet Ran über al­les Le­ben im Meer und auch über die gro­ßen Stürme, die über die See brau­sen. Das Meer wird auch als „die Straße der Ran“ be­zeich­net. Sie ist be­kannt aus den schrift­li­chen Quellen der Edda. Man sagt, dass sie über ein To­tenreich am Meeres­grund herrscht.
In dieses Reich der Ran gelan­gen die Ertrun­ke­nen.
„Fara til Ranar” heißt „zur See ertrin­ken” und „sitja at Ranar” „ertrunken sein“. Der „Ran in die Hände zu fal­len”, um­schreibt in den Skaldendich­tungen den Tod durch Ertrinken.
Sie zieht ihr magisches Netz durch die Fluten, das so dicht geknüpft ist, dass ihm niemand entgehen kann und alle Ertrunkenen sicher bei in ihrem Reich landen können.
Der „Saal der Ran“ wird ganz und gar nicht als schreckensvoll, sondern als überaus gastfreund­lich beschrieben. In ihrem Unterwas­ser­reich sollen die Ertrunkenen weiter wie auf der Erde leben und mit Met und Essen in Hülle und Fülle verwöhnt wer­den.

Die Inuit, die Ur­ein­woh­ne­rIn­nen Ala­skas kennen Sed­na als die gro­ße Alte der Meere, die Königin der Tie­fe und der Stürme und die Mut­ter aller Meeresgeschöp­fe. Sie ist die Ge­bie­te­rin über Leben und Tod.
Sie hatte eine schlimme Geschichte. Ihr Vater hat sie, um sein eigenes Leben zu retten, im Eismeer aus dem Boot geworfen. Als sie sich verzweifelt fest klammerte und versuchte, ins Boot zurück zu klettern, schnitt er ihre Finger ab. Als sie sich noch mit den fingerlosen Händen festhalten wollte, schlug er auf diese mit seinem Paddel. Finger und Hände verwandelten sich sofort in Robben und Wale, in Seehunde und Delfine.
Die verletzte Sedna sank darauf hin auf den tiefsten Meeresgrund und fand schließlich eine verlassene Hütte aus Walknochen und Steinen am Meeresgrund, in der sich ein großen Kessel befand.
Als sie diesen anheizte, kamen aus ihm alle Meereslebewesen. Sie lebt als Gebieterin über Leben und Tod immer noch in den Tiefen des Ozeans.
Obwohl sie Nahrungsspenderin ist, ist sie auch eine sehr ge­fürch­tete Göttin:
Zum einen kann sie die Nahrung verweigern, was den sicheren Hungertod für das Volk der Inuit be­deutet. Denn es ist allein sie, die darüber be­stimmt, wel­che und wie viele Meerestiere gefan­gen und geges­sen werden dürfen.
Zum anderen überträgt sich der immer noch fort­währende Zorn auf ihren Vater sehr leicht auf die Menschen. Dann wird sie zur mäch­ti­gen, toben­den Göttin, die das das Meer mit ge­waltigen Stür­men aufpeitscht.

Nicht zuletzt sym­bo­li­siert die christ­liche Mutter­göttin Maria das Gro­ße Ge­wässer („mare“), das Hei­li­ge Meer, den Hei­li­gen See, das verrät schon ihr Name und das stets blaue Gewand, das sie trägt.
Aus ih­rem „Frucht­was­ser“ ging alles Leben her­vor. Sie ist die christliche Nach­fol­ge­rin aller gro­ßen Göttin­nen, die seit ältes­ten Zeiten über das Mee­res und über alle Le­ben spen­den­den Ge­wäs­ser gebie­ten.
Der hebräischen Namen Mirjam, auf den das lateinische Maria zurückgeht, bedeutet über­setzt „bitteres Meer“ bzw. Meerestropfen. Übertragen ins Lateinische bedeutet das „stilla maris“.
Vermutlich durch einen Schreibfehler entstand daraus einer der bekanntesten Bei­na­men Mariens: Stella Maris (lateinisch für „Stern des Meeres“). Besonders Seeleute rufen mit der Bezeichnung „Meerstern“ diejenige an, deren Schutz und Beistand sie seit jeher vertrauen: Sie sym­bo­lisiert den rettenden Stern, an dem sie sich auf den Weiten der Ozeane orientieren kön­nen und der den Schiffen den Weg in den si­cheren Hafen weist.
Im übertragenen Sinn ist sie damit auch der Stern, der der einzelnen Seele auf dem „Meer des Lebens“ die Rich­tung weist.

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Mehr zu den erwähnten Göttinnen:

Aphrodite
Doris
Gaia
Galatea
Juras mate
Maria
Mere-Ama
Nammu
Ran
Sedna
Thalassa
Thethys

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