16. Juli: Welttag der Schlange und die Schlangengöttinnen

Heute feiern wir den Welttag der Schlange.
Viele Menschen mögen Schlangen ja überhaupt nicht und assoziieren Unheil, Ekel und Angst mit ihnen.
Die negative Aspekte äußern sich z.B. in der Redensart der falschen Schlange bzw. jener, mit gespaltener Zunge zu sprechen oder im der englischen Begriff „snaky“ (= falsch, hinterhältig).
Der Welttag der Schlange soll mit all den Vorurteilen Schluss machen, über Schlangen aufklären und so Ängste und Vorurteile abbauen.
Viele Tierschutzorganisationen nützen diesen Aktionstag, um auf die Bedrohung der Reptilien bzw. den notwendigen Schutz dieser Tiere aufmerksam zu machen.
Denn Schlangen sind schützenswerte Geschöpfe, nützlich und wichtig für das ökologische Gleichgewicht. Manche Arten sind sogar vom Aussterben bedroht sind.
Denn klar ist: Tiere sind nicht gemein, fies oder hässlich – sie alle erfüllen eine wichtige Funktion in dem Ökosystem in welchem auch der Mensch lebt.
All das drückt sich auch in den unzähligen Schlangengöttinnen aus, die es rund um den Erdball gibt und die sehr oft segensbringende und heilsame Eigenschaften haben.

Verteufelt und Symbol des Aufbegehrens gegen Gott

Warum sind uns Schlangen suspekt?
Das hat vor allem seinen Grund im Christentum, das Schlangen im wahrsten Sinne des Wortes verteufelt.
Da ist die von Gottvater verdammte Schlange, die große „Verführerin“ im Paradies: „Du sollst verflucht sein unter allem Vieh und unter allen Tieren des Feldes! Auf deinem Bauch sollst du kriechen, und Staub sollst du fressen alle Tage deines Lebens“ (1. Mose 3).
Der Grund für diese Verdammnis: Die Schlange, das kluge Tier, hat Eva und damit den Menschen die Erkenntnis nahe gebracht, Gut von Böse unterscheiden zu können. Und das hat Gottvater so gar nicht in den Kram gepasst.
Gott verbot Adam und Eva, von den Früchten des Baumes der Erkenntnis zu essen: „Daran dürft ihr nicht rühren, sonst werdet ihr sterben.“
Die Schlange erwiderte: „Nein, ihr werdet nicht sterben. Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse.“ Und? Wer hat Recht gehabt? Die Schlange!
Die Geschichte geht erstaunlich weiter: Denn es sind nicht nur Adam und Eva nicht gestorben. Durch die Vertreibung aus dem Paradies haben die beiden einander „erkannt“, das heißt, sie hatten Geschlechtsverkehr und damit war garantiert, dass auch die gesamte Menschheit nicht ausstirbt, sondern ganz im Gegenteil, die Menschen immer mehr und mehr wurden.
Das allerdings wird seltsamer Weise im christlichen Glauben nicht als positiv bewertet. Ganz im Gegenteil. Das passte offenbar so gar nicht in den Plan des patriarchalen Gottvaters und seiner Stellvertreter auf Erden. Warum der christliche Gott überhaupt Menschen geschaffen hatte und was er mit diesen vorhatte, bleibt damit dahingestellt.
Die Schlange jedenfalls wurde zum Symbol des Aufbegehrens gegen Gott, für Überheblichkeit und Ungehorsam, Stolz und Hochmut. Und deswegen hat sie in unseren Breitengraden und im jüdisch-christlichen patriarchalen System nach wie vor so einen schlechten Ruf.

We­sen voll der Weis­heit und Zauber­kraft

Ganz anders in alten Kulturen, wie z.B. im antiken Kreta, in Indien, im pre-römischen Umbrien, in Südamerika, bei den australischen UreinwohnerInnen, in der Alpenregion, im alten Griechenland oder den baltischen Ländern, wo Schlangen hochverehrt waren und sie als Göttinnen galten. Ganz sicher gab es auch weise und heilbringende Schlangenpriesterinnen.
Schlangen galten vielfach als apotropäische (das Unheil abwehrende) Hausbeschützerinnen. Sie standen für Prophetie, Schutz und Abwehr von feindlichen Kräften.
Slawische Mythen erzählen von Schlangen als Beschützerinnen des Hauses. Bei den baltischen Völkern ist die Verehrung der Schlange bis in die Neuzeit bezeugt. In Litauen und Lettland wurden Ringelnattern als Hausschlangen gehalten und mit Milch gefüttert. Sie galten als Beschützerin des Viehs und konnte mit der lettischen Piena māte („Milchmutter“) gleichgesetzt werden.
In einem litauischen Volkslied wird die Ringelnatter als „Abgesandte der Götter“ bezeichnet.
Schlangen galten vielfach als willkommene Haus- und Schutztiere, man stellt ihnen Schälchen mit Milch hin, sie erscheinen in zahlreiche Mär­chen oft mit einem Krön­chen am Kopf und brin­gen Glück, Klug­heit und Reich­tum.

Die Göttin als Schlange – die Schlangen der Göttinnen

Die große Bedeutung der Schlangen spiegelt sich in zahlreichen Mythen rund um Schlangengöttinnen wider.
So zeigen Figuren von Schlangengöttinnen aus dem alten Kreta, wie wichtig sie waren – z.B. um drohende Erdbeben anzukünden. Es ist unklar, ob diese Figuren, die Schlangen in ihren Händen halten, die Göttin selbst oder ihre Priesterinnen darstellen. Es wird vermutet, dass die Schlangen, die in den unterirdischen Gängen lebten und von den Priesterinnen gepflegt und beobachtet wurden, warnende Zeichen für Erdbeben und Feuer gaben. Auch im Orakel von Delphi taten Schlangenpriesterinnen (Pythea) ihren Dienst.

Schlangen im Haus galten in anderen Kulturen sehr oft als wohlgesonnene Wesen, deren Gunst man sich unter allen Umständen versichern sollte.
Die litauische Aspelenie ist ein solches Wesen. Sie wird auch „Herd-Schlange“ genannt, weil die die Form einer freundlichen Schlange annimmt und dabei hilft, dass die Glut lange erhalten bleibt und sich die Wärme durch das Haus wie eine Schlange schlängeln kann und alles erwärmt.
Aspelenie lebt in der Hausecke hinter dem Herd. Sie schlingt ihre Beine um den Herd und es kommt so das Feuer und die Wärme direkt zwischen ihren Beinen hervor.

Schlangen sind We­sen voll der Weis­heit und Zauberkraft.
Die sich häutende Schlange ist Inbegriff für die sich ewig erneuern­de Kraft, sie steht für Hei­lung – was sich unter anderem auch in den Schlan­gen der Göttin Hygieia im Apotheken-Zeichen zeigt, dass fälschlicher Weise ihrem Vater Aesculap zugeschrieben wird.
Aber es ist die Göttin, die Schlangen aus einer Schale mit (Mutter-)Milch gefüttert hat. Das zeigt, wie fürsorglich mit Schlangen umgegangen wurde. Hygieia wurde seit dem 7. Jhdt v.u.Z. im antiken Griechenland als Göttin der seelischen und körperlichen Gesundheit verehrt.
Als Inbegriff der Gesundheit verdanken wir ihr den Begriff Hygiene. Sie steht für die vorbeugende Gesunderhaltung, was ja auch Hygiene bewirken soll.

Ala ist die große afrikanische Erdschlange, die den zweifachen Aspekt der Erde repräsentiert: Fruchtbarkeit und Tod. Sie wird oft als „Große
Mutterschlange“ dargestellt und wird vom Volk der Ibo als Mutter aller Dinge angesehen.
Ala wird immer wieder als eine sich selbst in den Schwanz beißende Schlange dargestellt.
Dieses Symbol, auch Uroborus genannt, steht für Ewigkeit, Tradition und Kontinuität.
Dieses Symbol finden wir auch bei Oxumare, die in der Yoruba-Religion Candomblé die ständige Bewegung symbolisiert. Sie provoziert ständige Veränderungen, aber auch als sich selbst in den eigenen Schwanz beißende Schlange einen Kreis, was Tradition, Ewigkeit und Kontinuität.

Die indisch-vedische Schlangengöttin Kundalini gilt als die Urkraft des Universums. Ihr Name heißt wörtlich übersetzt „die zusammengerollte Schlange“.
Kundalini schlängelt sich als kosmische Energie durch die Energiezentren (Chakren) die Wirbelsäule entlang.
Die Kundalinikraft ist vergleichbar mit einem „inneren Feuer“ mit ungeheurem Potenzial.
Die Kundalini-Schlange verbindet so ein jedem Menschen Erde und Himmel und setzt damit auf Geheiß der Göttin den Menschen wieder in seine eigentliche Position ein – als Verbindungsglied zwischen der Materie und dem Göttlichen Licht.
Die Schlange steht für die weibliche Gottheit, die das große Wissen um den Ursprung der Menschheit besitzt und die wie in der nordischen Mythologie als Midgard Schlange die erhaltende Kraft des Universums symbolisiert.

Tlazolteotl ist Göttin der Lust, der Fruchtbarkeit, der Empfängnis und Geburt bzw. Wiedergeburt und wurde besonders von den altmexikanischen Nahua-Völkern verehrt.
Tlazolteotl wird als höchstes weibliches Prinzip mit immenser Machtfülle verehrt.
Sie ist Beschützerin alles Weiblichen.
Als Gebieterin der geschlechtlichen Liebe und des sexuellen Verlangens soll Tlazolteotl Menschen bei ihrer sexuellen Begierde unterstützen und sie zu „Unzucht“, Ehebruch, Zügellosigkeit und sexueller Ausschweifung verführen sowie zu erotischen
Höchstleistungen anspornen.
Das geht nur mit einer guten Portion Schlangenkraft, daher gelten Schlangen auch als ihre heiligen Tiere.
Was auch insofern kein Wunder ist, weil Tlazolteotl eine der großen Erdgöttinnen ist und daher den Schlangen Heimat ist.

Eine sehr bedeutende Schlangengöttin ist Medusa.
Sie wird meist als Ungeheuer mit Schlangenhaaren dargestellt. Ursprünglich war sie aber eine Schlangengöttin der libyschen Amazonen, die das weibliche Wissen verkörperte. Es heißt, ein kurzer Anblick der Furcht erregenden Medusa genügt, um Menschen in Stein zu verwandeln.
Ein weibliches von Schlangen umrahmtes Gesicht war ein weithin anerkanntes Symbol der Göttin in ihrer Weisheit, das allen Frauen göttliche Kräfte verleiht und sie beschützt. Die vielen Schlangen können achtsam in alle Richtungen schauen und die Göttin verteidigen. Nicht von ungefähr trägt die Göttin Athena zu ihrem Schutz den Medusenkopf auf ihrem Schild. Mit der Kraft von Medusa mit ihren wilden Schlangenhaaren kann sich eine Frau sicher sein, dass ihr – gleich der Medusa — niemand zu nahe kommen und ihr schon gar nicht ins Gesicht schauen will.

Kunapipi ist die große Regenbogenschlange, die Ewig-Schwangere, eine Erdgöttin. Auch, wenn die australischen UreinwohnerInnen – die Aborigines – viele unterschiedliche religiöse Kulte leben, so haben die meisten eines gemein: Den Glauben an die Regenbogenschlange Kunapipi.
Die Regenbogenschlange ist eines der ältesten spirituellen Symbole, das wir auf der Erde kennen.

Die Göttin Angitia stammt aus der pre-römischen Mythologie aus der Gegend des heutigen Umbrien. Dort lebten die MarserInnen, PaelignerInnen und an­dere oskisch-umb­rischer Volksgruppen – diese waren bekannt dafür, dass sie der Kräuter­kun­de und namentlich auch des Schlangenzau­bers mächtig waren und dafür auch Schlangen züchteten und zähmten. Ihr lateinischer Name Angitia ist entweder auf das Wort „anguis“ (= Schlange) zurückzu­füh­ren oder auf „angere“ (= sich ängstigen).
Man nimmt an, dass sie im Volksglauben für die Hei­lung von Schlangenbissen zu­ständig war und darum gebeten wurde. Aber das Schlangengift wurde auch medizinisch genutzt.
Ihre Priesterinnen haben vermutlich mit dem Schlan­gen- und Pflanzengiften auch Tinkturen und Arz­neien hergestellt, die bei allen mögli­chen Krankhei­ten eine heilende Wirkung hat­ten. Speziell bei Zahn­problemen wurde Angi­tia angerufen, was wiederum wieder etwas mit Schlan­gen zu tun hat, da man­chen Schlan­genarten ihr Leben lang Zähne nach­wach­sen können.
Ihr Kult ist noch sehr lebendig: Jedes Jahr im Mai wird noch heute in Cocullo, einem Berg­dorf in einem Tal der italienischen Abruzzen das Schlangenfest („la fiesta di separi“) abge­halten.

Schlangenkraft ist Erdkraft

Als eine der drei Bethen ist Ambeth die Personifizierung der mütterlichen Erde in den alpenländischen Mythen. Allein ihre Funktion als Erdgöttin verweist schon auf ihre Schlangenkraft, da Schlangen ja Erdtiere sind.
Als Zeichen der Fruchtbarkeit ist ihr die Farbe Rot zugeordnet – Rot wie Blut, rot wie der Apfel des ewigen Lebens. Dieses ewige, sich immer erneuernde Leben zeigt sich auch in der (spiralenartig dargestellten) Schlange, die Ambeth begleitet. Die Schlange wird durch ihre Häutungen immer neu. Darin liegt auch die Kraft der Göttin.
Ambeth wurde in die christliche Margarethe (eine der „heiligen Drei Madln“) umgewandelt. Die Schlange wurde zuerst als Wurm interpretiert: „Margareta mit dem Wurm, Barbara mit dem Turm, Katharina mit dem Radl, das sind die drei heiligen Madl.“
Dann folgte aber bald die Umwandlung in einen Drachen, der Margarethe verschlungen haben soll. Durch dieses Martyrium wurde Margarethe heilig. Dieses Verschlingen konnte Margarethe/Ambeth allerdings wenig anhaben. Sie entstieg dem Tier unversehrt, wird also irdisch wiedergeboren wird oder ist „auferstanden“. Wie könnte es auch anders sein, denn die alte Göttin ist der Inbegriff der Schlangen-Erdkraft, die ihr ja nichts anhaben konnte.

Auch die christliche Muttergöttin Maria, steht auf Abbildungen und Skulpturen sehr oft auf einer Schlange, bzw. auf einer Erdkugel, die von einer Schlange umwunden ist.
„Maria zertritt die Schlange“, ist da oft zu lesen.
Doch die Bilder sprechen eine ganz andere Sprache.
Hier zeigt sich Maria gut ge­erdet, denn die Schlangenkraft ist auch immer ein Symbol für die Erdkraft.
Ein Kupferstich aus dem 15. Jahrhun­dert, der für eine Spielkarte verwendet wur­de, ist eines von vielen schönen Beispielen, wie sich unter dem Rock von Maria eine liebliche, ein­deutig weibliche Schlan­ge verbirgt, die voll Ver­trauen herausschaut.
Ein Bild voll der Har­monie – wie von zwei sehr vertrauten Frauen.

Die Mär von der falschen Schlange

Und da gibt es auch noch die „falsche Schlange“ – eine Bezeichnung, die eigentlich nur für Frauen angewandt wird. Vordergründig gemeint ist damit eine unaufrichtige, hinterlistige Frau. Eigentlich ist dies aber ein Frau, die man unterschätzt hat.
Diese „falschen Schlangen“ sind all jene Frauen, die auf eini­ge wenige Kompe­ten­zen reduziert wur­den.
Und die dann – bei Be­darf – in ih­rer ganzen Macht­fülle da­her­kom­men, ihre In­tel­ligenz ein­set­zen, gute Strategien haben und neben ge­scheit vielleicht auch noch sexy sind.

Wer soll sich denn da noch aus­ken­nen?
So eine „fal­sche Schlan­ge“ aber auch!

Vielleicht ist heute, am Welttag der Schlange eine gute Gelegenheit, sich mit der eigenen Schlangenkraft auseinander zu setzen.
Und die eigenen Kräfte der Häutung, der Weisheit, der Erdung und der vielen anderen glücksbringenden Schlangeneigenschaften zu feiern.

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Informationen zu den erwähnten Göttinnen:
Ala
Ambeth
Angitia
Aspelenie
Athena
Bethen
Hygieia
kretische Schlangengöttin
Kunapipi
Kundalini
Maria
Medusa
Oxumare
Tlazolteotl

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Bildquellen:
alle Göttinnen: artedea.net
Bildplatte Sündenfall: User:FA2010 / commons.wikimedia.org
Maria mit dem Buch auf der Schlange / 25.000 Meisterwerke / commons.wikimedia.org

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