Jungfrau oder junge Frau – die weitreichenden Folgen eines Übersetzungsfehlers

Da verkündigt ein Engel einer jungen Frau, dass sie schwanger wird. Diese wundert sich: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne? Der Engel antwortete ihr: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten.“
Es wurde ihr VERKÜNDET! Sie wurde nicht gefragt, ob ihr das Recht ist, sie wurde nicht um ihr Einverständnis gebeten oder ihr der Vorschlag unterbreitet, Mutter eines Gottes zu werden, mit ihr wurde nicht darüber geredet, ob eine Schwangerschaft zu diesem Zeitpunkt in ihre Lebensplanung passt.
Diese sehr junge Frau Maria wurde einfach ohne jegliches Mitspracherecht vor die vollendete Tatsache gestellt.

Überkommen und überschatten

Das ist eine der Bibelstellen, die für mich schon als Kind eine der unbehaglichsten war. Welche Frau will schon, dass ungefragt etwas über sie kommt und sie von einer Kraft des Höchsten überschattet wird. Etwas, von dem sie in weiterer Folge schwanger ist.
Im unseren Strafgesetzbüchern gibt es dafür eindeutige Gesetze. In der biblischen Geschichte ist diese Vorgehensweise ganz okay.
Dazu einige Begriffserklärungen der Worte überkommen“ und überschatten“:
Über (jemanden) kommen = überwältigen, herfallen, hermachen, übermannen, heimsuchen, sich bemächtigen, überfallen
laut Duden: jemanden erfassen, zu beherrschen beginnen, plötzlich und mit großer Intensität ergreifen
überschatten = verdunkeln, eindämmen
laut Duden: abschwächen, abträglich sein, beeinträchtigen, dämpfen, reduzieren, schmälern, stören, trüben, (gehoben) mindern, mit Unbehagen erfüllen, die Freude an etwas dämpfen
Das also ist der Beginn des Lebens von Jesus, dem Heiland des Christentums.
Aber immerhin: Die junge Frau ist bei all dem ja eine „Jungfrau“ geblieben. Wirklich?

Der Übersetzungsfehler

Jetzt sind wir schon auf so einiges gekommen, was entweder in der Bibel steht, aber so nicht stimmen kann, bzw. auf Dinge, die gar nicht in der Bibel stehen, aber dennoch zum fixen Bestandteil der Weihnachtsgeschichte geworden sind.
Also, wenn so manch anderes nicht der Wahrheit entspricht oder höchst unwahrscheinlich ist, wie verhält es sich dann mit der immerwährenden Jungfräulichkeit Mariens, die ja bis heute zum Glaubensschatz traditioneller ChristInnen gehört?
Gleich vorweg: Es handelt sich um einen Übersetzungsfehler!
Und das kam so:
Es war das Mammutprojekt der Antike: Mehrere Jahrhunderte lang übersetzen Gelehrte die Heilige Schrift aus dem Hebräischen ins Griechische. Es entstand die sogenannte „Septuaginta.
Und ohne diese Septuaginta ist das Motiv Jungfrauengeburt nicht zu verstehen.

Im (älteren) hebräischen Bibeltext heißt es noch beim Propheten Jesaja im 7. Kapitel: „Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: siehe, die junge Frau wird schwanger werden und einen Sohn gebären.
In der Septuaginta ist unter Jesaja 7 zu lesen: „Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: sie, die Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären.

Der Unterschied sticht ins Auge.
In der hebräischen Textfassung spricht der Prophet von einer „almáh“ (junge Frau), die einen Sohn gebären wird. In der Septuaginta wird die „junge Frau“ mit dem griechischen Wort „parthenos“ übersetzt – es steht für „Jungfrau“.

Diese besagte Jesaia-Stelle ist deshalb so wichtig, weil sie im christlichen Glauben als prophetischer Vorausverweis auf Maria und ihren Sohn Jesus gedeutet wurde.

Die unfruchtbaren alten Frauen der Bibel

Warum war es Jesaia so wichtig zu betonen, dass eine „junge Frau“ ein Kind empfangen, einen Sohn gebären wird. Das wäre doch das normalste der Welt.
Ja schon, aber nicht im biblischen Zusammenhang und schon gar nicht mit einer wundersamen Geburt.
Im Alten Testament kommt nämlich ein Motiv besonders häufig vor – das der unfruchtbaren alten Frau, die durch göttlichen Willen dennoch Mutter wird.

Praktisch jeder bedeutsame Mann in der Bibel wird von einer Frau geboren, die unfruchtbar ist beziehungsweise es bis dahin war.
Das ist bei den Erzeltern Sara und Abraham so: Nachdem Gott ihr das angekündigt hat, schenkt Sara im Alter von über 90 Jahren ihrem einen Sohn Isaak das Leben.
Dieser Isaak wiederum heiratet Rebekka. Auch diese Ehe bleibt viele Jahre wegen der Unfruchtbarkeit Rebekkas kinderlos. Erst nach jahrelangem, inständigem Gebet Isaaks lässt Gott Rebekka schwanger werden und zwar mit Zwillingen. Da ihre Söhne einander im Mutterleib stießen, prophezeite ihr Gott, dass sie zwei Völker in ihren Leib hätte. Und daraus entsteht die bedeutsame Bibelgeschichte der Brüder Esaus und Jakob.

Auch Jakobs Frau Rahel war lange Zeit unfruchtbar bis sie endlich die Söhne Josef und Benjamin bekam. Sie stirbt, bereits hochbetagt, bei der Geburt ihres zweiten Sohnes Benjamin, dem sie noch seinen Namen gab, der mit „Sohn meiner Lebenskraft“ gedeutet werden kann. Das macht die Tragik ihrer Gestalt besonders deutlich: Rahel, die meinte, an ihrer Kinderlosigkeit sterben zu müssen, stirbt jetzt, weil sie einen zweiten Sohn bekommt.

Und auch Anna, die Mutter von Maria bekam lange keine Kinder. Erst als ihr Mann Joachim 40 Tage lang in die Wüste ging, um zu fasten und darum zu beten, dass der Kinderwunsch endlich erfüllt wird, erschien ihnen zeitgleich ein Engel, der die Schwangerschaft Annas voraussagte.
Sie bekam Maria in Form der „unbefleckten Empfängnis“, die nicht zu verwechseln ist mit der jungfräulichen Geburt, mit der diese dann ihren Sohn Jesus zur Welt brachte. Um diese wundersame Empfängnis gab es einen Jahrhunderte langen theologischen Streit um das Thema, wie diese zustande gekommen ist – mit oder ohne Austausch von Körperflüssigkeiten. Denn bei einem „normalen Geschlechtsakt“ wird ja die Erbsünde weiter gegeben. Und das durfte ja nicht sein, weil Gott die Tochter von Anna und Joachim ja schon von Beginn an als seine „reine Magd“ auserkoren hatte, die ihm dereinst seinen göttlichen Sohn zur Welt bringen sollte.
Und daher durfte sie ja nicht mit der „Erbsünde“ belastet sein und diese weitergeben.
Da aber zwei „jungfräuliche Geburten“ eine zuviel waren – das hätte ja die Bedeutung von Jesus ziemlich geschmälert – legte Papst Pius IX. am 8. Dezember 1854 schließlich die „unbefleckte Empfängnis Mariens“ als unumstößlichen Glaubenssatz, als Dogma fest.
Was heißt, dass Maria auf natürlichem Wege gezeugt wurde und Gott im Moment ihrer Entstehung alle Erbsünde von ihr genommen hat – sie also ganz rein und ohne jegliche „Flecken“ ist.

Um rund um Jesus Geburt das Motiv von den alten Eltern einzuführen, wurde die Geschichte von Marias Cousine Elisabeth und ihren Mann Zacharias erzählt. Auch deren Ehe blieb lange kinderlos, bis der Engel Gabriel Zacharias die Geburt eines Sohnes voraussagte. Sie wurden also ebenfalls spät Eltern und zwar von des Johannes dem Täufer.

Also hätte man in Fortsetzung dieser Tradition erwartet, dass der Heiland ebenfalls in wundersamer Weise von einer alten, bislang unfruchtbaren Mutter geboren wird.
Dem war aber nicht so, daher hat Jesaia ausdrücklich die „junge Frau“ erwähnt.

Die Einzigartigkeit dieses Geburtsereignisses wird sozusagen durch eine „literarische Motivumkehr“ ausgedrückt, um klarzumachen:
Jetzt haben wir etwas ganz Bedeutsames und etwas ganz Neues. Nicht mehr die alte, unfruchtbare Ahnfrau, bei der keine Empfängnis mehr möglich ist, wird auf die Ankündigung des Engels hin schwanger, sondern eine junge Frau, die noch keinen Mann erkannt hat, und bei der daher noch keine Empfängnis möglich war.

Was eigentlich verstehen wir unter Jungfräulichkeit

Maria soll ihren Sohn ja nicht nur jungfräulich empfangen, sondern ihn auch ohne Verletzung ihrer jungfräulichen Unversehrtheit geboren haben.
Und da kommen wir an den Punkt, an dem wir uns kurz mit dem Thema „Jungfräulichkeit“ als solches beschäftigten müssen. Was heißt das denn?
Geht es um das sogenannte Jungfernhäutchen?
Das ja unbedingt unversehrt sein muss, als Beweis, dass eine Frau noch keinen Geschlechtsverkehr hatte. Spätestens bei der Geburt müsste dieses aber dann doch in Mitleidenschaft gezogen werden.
Naja, Gynäkologie ist nicht unbedingt das Spezialgebiet der christlichen Kirchenmänner. Und: Dass es ein Jungfernhäutchen gibt, das ist ja auch so ein Mythos, den man(n) uns Frauen weismachen wollte. Denn das gibt es nämlich überhaupt nicht!
Näheres ist nachzulesen bei „Mythos Jungfernhäutchen – die vaginale Korona“ 

Ein Indiz, dass Maria auf ganz normalen Wege von Joseph schwanger wurde, beweist ja der Evangelist Matthäus mit dem Stammbaum Josephs, in dem er aufführt, dass Joseph und damit auch Jesus von David abstammt. Als „Joseph, du Sohn Davids“ spricht ihn der Engel an. Wie soll da aber ein Davidskind, das Maria ja gebären soll, ganz ohne Zutun Josephs zustande kommen?

Muttergöttin oder Muttergottes?

Warum also das Motiv der Jungfräulichkeit?
Ganz einfach: Dieses ist uralt und kommt in vielen Mythen großer Schöpfungsgöttinnen vor, die ganz aus sich selbst heraus mit ihrer parthenogenetischen Kraft, also ohne männliches Zutun ein besonders Kind bekommen haben.
Das Christentum musste sich als neue Religion gegen die vielen sehr traditionsreichen Kulte durchsetzen und das konnte nur gelingen, wenn deren Motive übernommen und adaptiert werden.
Ohne die weibliche Gestalt, ohne die mütterliche Schöpfungskraft hätte es wohl kaum eine Chance gegeben. Das waren die Menschen seit Jahrtausenden gewohnt.
Daher diese „jungfräuliche“ Geburt, die für die weibliche Urkraft steht.

Damit wird der Status der Maria als „Muttergöttin“ und nicht nur als „Mutter Gottes“ eindeutig.
Dass sich das Christentum damit allerdings auch ein „Eigentor“ geschossen hat, war den Kirchenvätern lange nicht klar. Denn die Menschen liebten es, die fürsorgliche, liebliche und lebensnahe Mutter zu verehren, von der man sich ein viel besseres Bild machen konnte, als von diesem transzendenten, unnahbaren und oft auch rächenden Gott, der da hoch oben im Himmel auf seiner Wolke sitzt.
Das mütterlich-Göttliche ist erst Luther ziemlich sauer aufgestoßen und er hat es aus seiner Lehre ziemlich verbannt, während die KatholikInnen ja immer noch einem fröhlich, ja oft sogar ziemlich sinnlichen Marienkult frönen, der in großen Zügen an die Verehrung der Muttergöttinnen der alten Kulturen anknüpft.

Die schmerzfreie Geburt

Ein wesentliches Detail am Rande:
„Was trug Maria unter ihrem Herzen?
Kyrie eleison.
Ein kleines Kindlein ohne Schmerzen,
das trug Maria unter ihrem Herzen.“
Das kennen wir aus dem Lied „Maria durch ein Dornwald ging“.

Sie trug dieses Kindlein nicht nur ohne Schmerzen unter ihrem Herzen, sie gebar es auch schmerzfrei!

Warum? Ganz einfach, weil Gott ja bei ihrer Entstehung jegliche Erbsünde von ihr genommen hatte.
Daher theologisch folgerichtig: Eine schmerzhafte Geburt war ja ein Fluch Gottes über die sündige Eva und damit über alle ihre weiblichen Nachkommen. Maria aber war ohne Sünde und daher auch von diesem Fluch des Geburtsschmerzes befreit.

Im apokryphen Protoevangelium des Jakobus wird die Legende der ungläubigen Hebamme Salome erzählt:
Nach dieser Legende geht Joseph los, um eine Hebamme zu holen. Als er mit ihr zurückkehrt, ist das Kind schon da. Maria schien eine leichte und schnelle Geburt ohne Schmerzen gehabt zu haben.
Salome, die erfahrene Hebamme will an das Wunder nicht glauben und führt zur Prüfung ihre Hand in Marias Scheide ein. Wohl auch, um die anhaltende Jungfräulichkeit“ zu überprüfen. Oder einfach nur, um als Hebamme ihre gewohnten Kontrolluntersuchungen zu machen.
Augenblicklich verdorrt die Hand und wäre abgefallen, hätte die reuige Salome nicht Jesus gebadet – durch die Berührung mit dem heiligen Kind wird die Hand wieder heil und die Hebamme gläubig.

In diesem Sinne: Fröhliche Weihnachten und eine kraftvolle Mutternacht!

Fortsetzung folgt!

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Weitere Geschichten rund um die Wintersonnenwende, die Weihenächte sowie die Rauhnachtszeit finden sich hier:

eBooks:

Rauhnächte-eWorkshops:

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Bildquellen:

Vävd tapet. Bibliska historien, bebådelsen – Skoklosters slott / Madeleine Söder –
commons.wikimedia.org

Anna – artedea.net

Peter Paul Rubens – Heilige Familie mit Elisabeth und Johannes / Wallraf-Richartz-Museum – commons.wikimedia.org

Maria – artedea.net

Fresco of nativity with woman Salome (right) bathing child Jesus – en.wikipedia.org

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