Die Angst geht um – zweifeln bedeutet nicht, zu verzweifeln

Jetzt mal ein Statement zur „Lage der Nation“ oder von mir aus gleich zur „Lage der Erde“.
Ich verspüre ringsherum Angst oder zumindest sehr unbehagliche Gefühle.
Angst vor dem Virus, vor einer Ansteckung, einer tödlich verlaufenden Krankheit, Angst vor Jobverlust, einem finanziellen Desaster, Angst vor neuerlicher Überforderung durch Home-Office und Home-Schooling, Angst vor der Einschränkung persönlicher Freiheiten, Angst vor einem möglichen Impfzwang, vor politischer Willkür, Angst vor Versorgungsknappheit und einem möglichen Bürgerkrieg …
Egal von welcher Seite wir die Sache mit dem Virus betrachten, kalt lässt uns das nicht. Und diese Panikmache von den verschiedensten Seiten empfinde ich als emotional ansteckend. Und gegen die hilft mir kein Mundschutz, kein Händewaschen und auch kein Babyelefant.
Aber vielleicht folgende Überlegungen.

Was bringt es uns, darüber zu diskutieren?

Es war ja jetzt eine Zeit lang recht ruhig, nachdem im März aus allen Kanälen im Viertel-Stunden-Takt Infos zu COVID19 reinkamen und es gar kein anderes Gesprächsthema mehr gab.
Jetzt merke ich: Es geht wieder los.
Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, ich kenn mich nicht mehr aus und weiß nicht, was ich glauben soll.
Und warum soll ich darüber diskutieren?
Bin ich Virologin? Wirtschaftswissenschafterin? Mikrobiologin? Simulationsexpertin? Public Health Expertin? Verfassungsjuristin? Epidemologin? Politologin?
Alles, was ich dazu äußern kann, sind meine persönlichen Vermutungen, Befindlichkeiten, Meinungen.
Und alles, was ich von anderen dazu höre, fällt in die gleichen Kategorien.
Auf die Frage: „Auf welcher evidenzbasierten Studie beruhen deine Aussagen?“, bekomme ich entweder keine Antwort oder einen fragenden Gesichtsausdruck: Hääääh?
Oder gleich irgendeine Verschwörungstherorie um die Ohren geknallt.

Also stelle ich in solchen Gesprächen weitere Fragen: „Können wir uns darauf einigen, dass wir hier unsere persönlichen völlig unwissenschaftlichen Meinungen austauschen? Und wenn ja, zu welchem Zweck?“
Mögliche Varianten, die ich dann vorschlage:
„Damit es uns nach dem Gespräch besser geht?“
(Warum sollte es das?)
„Weil uns fad ist und wir nicht wissen, worüber wir sonst reden sollen?“
„Weil wir einander davon überzeugen wollen, dass wir die Weisheit mit Löffeln gefressen haben und du dich – verdammt noch einmal – meinen Gedankengängen anschließen sollst?“
„Weil es so klass ist, herum zu sudern, damit wir uns danach noch schlechter fühlen können?“
(Anmerkung: Diese Fragen sollten wir vor so manch anderen Gesprächen auch stellen, zumindest uns selbst.)

Meinung contra Wissen

Es geht bei diesen Gesprächen immer um Meinungen, nie um Wissen (es sei denn man führt diese mit einem Menschen, der in die einige Zeilen oberhalb angeführten Disziplinen hineinfällt.)
Und genau das sollten wir bei allen unseren Gesprächen rund um Corona wirklich im Auge behalten.

  • Was ist (m)eine persönliche Meinung, worauf stützt sie sich und aus welchen Beweggründen habe ich mir genau diese Meinung gebildet?
  • Entspricht sie der „Wahrheit“ und was ist überhaupt wahr?
  • Welche Fakten liegen meiner Meinung zugrunde? Und aus welcher Quelle habe ich diese?
  • Wie bewerte ich Informationen? Was verstehe ich von diesen überhaupt, was blende ich aus und wie decken sich diese mit meinen bisherigen Werten und Erfahrungen?

Ich mache mir jetzt immer wieder den Spaß, diese Fragen zu Beginn eines Gespräches zu stellen, bzw. sie einzustreuen, wenn mit mir jemand über das momentane Thema Nr. 1 reden will.

Einen höchst interessanten Diskurs zur Meinung und Wissen führten die Kabarettisten Niavarani, Eckel und Sarsam im Podcast „Alles außer Corona“ (das Thema wird ab Minute 18:38 diskutiert).
Seit ich die Überlegungen der drei Herren gehört und verinnerlicht habe, bin ich sehr vorsichtig mit meinen eigenen Statements und Diskussionsbeiträgen und sehr hellhörig bei allen was ich höre oder lese:
Achtung: Meinung!!!

Ich lese täglich die Seuchenkolumne von Armin Turnher im Falter.
Und da hat er gestern einige bemerkenswerte Sätze geschrieben, die wie ich finde, nicht nur Grundlagen der journalistischen Arbeit sein sollten, sondern uns alle betreffen, zumindest all jene, die „mitreden“ wollen:

Manchmal muss man gestehen, dass man es nicht sagen kann, weil man es nicht weiß.
Was dann? Dann kann man nur versuchen, seine Quellen fair und genau zu beurteilen.
Wer spricht, in welchem Interesse, wo, zu welchem Zweck, mit welchen Voraussetzungen?
Werden Aussagen korrekt wiedergegeben?
Wer widerspricht?
Was könnte eine Hidden Agenda sein?
Je weniger man von der Materie versteht, desto mehr enthalte man sich vorschneller Stellungnahmen, zu denen auch laut gestellte Fragen gehören.
Mut zu zweifeln bedeutet nicht, zu verzweifeln. Vielmehr sollten wir den Zweifel als Form der Erkenntnisgewinnung preisen.

 

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Bildquellen:
toilet-paper-4941768_1920 / Jasmin_Sessler / pixabay.com
questions-1922476_1920 / ElisaRiva / pixabay.com

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